Endlich wieder in der gemütlichen Zunftstube Obertor. „Narri, Narro!“, stimmte Zunftmeisterin Birgit Beck am Freitag an und freute sich über ein volles Haus. Vergangenes Jahr war man am 11.11. wegen Corona-Vorgaben in den Wirthshof ausgewichen, 2020 war die Martinisitzung ganz ausgefallen. Doch die Fasnet, die Birgit Beck gestern einläutete, wird endlich wieder sein wie immer, mit allen gewohnten Terminen bis hin zum Verbrennen der Fasnet am 21. Februar.

Beste Stimmung: endlich wieder Martinisitzung im Zunfthaus Obertor.
Beste Stimmung: endlich wieder Martinisitzung im Zunfthaus Obertor. | Bild: Thomas Kapitel

Themen gab es wieder genug, die Birgit Beck in Vers- und Reimform auf die Schippe nahm. Den neu hergerichteten Latscheplatz etwa, auf dessen schönem frischem Belag wohl kein Fasnetverbrennen mehr stattfinden könne. Allzu weit von der Stadthalle sollte es aber auch nicht sein – man sei auf Vorschläge gespannt. Oder der enge Weg zum aktuellen Rathaus im Schloss: Wie soll der Narrensamen den Baum da ums Eck bringen? Vielleicht diesmal eine klappbare Version? Und hält die dann auch? Die neuen Regelungen zur Benutzung von Leitern in öffentlichen Gebäuden wie der Stadthalle umfassen 48 Seiten und würden für die Zunft zum Dekorieren einen Leiter-Führerschein nötig machen.

Wer diesmal fehlte, war die Geistlichkeit: Der evangelische Pfarrer Tibor Nagy weilte in Afrika und war entschuldigt. Dass man aber auf Ulrich Hund und seine gesungenen Beiträge verzichten musste, weil die katholische Kirche die Firmungen just auf den 11. November gelegt hatte, „des goht gar it!“, protestierte Vize-Zunftmeister Hardy Frick und erwog, einen ernsten Brief an den Bischof zu schreiben.

Sorge: Weniger Busse für Narrentreffen verfügbar

Otto Gäng, Ehrenzunftmeister und Vizepräsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), berichtete von den allgemein großen Sorgen, dass aufgrund der Wirtschaftsentwicklung immer weniger Busse für die Fahrten zu Narrentreffen zu bekommen seien. Und die Bahn sei keine Alternative, sondern eine absolute Katastrophe. „Unsere einzige Chance ist der Umstieg auf das Verkehrsmittel der Zukunft: das Fahrrad“, sagte Geng. „Ich stell‘ mir gerade vor, wie wir so zu einem Narrentreffen fahren: die Zunftmeisterin voraus…“ Sprach‘s und holte das neue Zunftmeisterin-Dienstrad in den Raum, das er unter viel Applaus und Gejohle an Birgit Beck übergab.

Zunfthaus besser geheizt als das Rathaus

Bürgermeister Georg Riedmann war gerne gekommen, weil das Obertor besser geheizt sei als das Rathaus, wo man sich an die 19-Grad-Richtlinie halten müsse. Gerne nehme er eine Einladung der VSAN nach Rust an und überlasse die Gemeinderatssitzung an jenem Abend seinen Stellvertretern – mit saftigen Tagesordnungspunkten: Den sechsspurigen Ausbau der Südumfahrung würde Christiane Oßwald übernehmen, Martina Koners-Kannegießer den Biotopverbund Gesamtstadt mit Verpflichtung zur Öko-Landwirtschaft für alle Landwirte, und Dietmar Bitzenhofer die Erhöhung der Parkgebühren auf 5 Euro pro angefangener Viertelstunde, um einen kostenlosen Stadtbus zu finanzieren.

Otto Gäng steckt Landrat Lothar Wölfle die goldene Ehrennadel des VSAN ans Revers.
Otto Gäng steckt Landrat Lothar Wölfle die goldene Ehrennadel des VSAN ans Revers. | Bild: Thomas Kapitel

Goldene VSAN-Ehrennadel für Landrat Lothar Wölfle

Lothar Wölfle bekam in seiner letzten Martinisitzung als amtierender Landrat von Otto Gäng die goldene VSAN-Ehrennadel angeheftet – für dessen Verdienste um die Fasnet und als aktiver Narr seiner Donaueschinger Heimatzunft. Bestimmt habe Wölfle bald als Ruheständler vor, das Amt des VSAN-Präsidenten Roland Wehrle zu beerben, scherzte Otto Gäng. „Sehr reizvoll“, konterte der Landrat, „aber ich glaube im Leben nicht, dass der Roland aufhört.“ Dafür lobte Wölfle die 30-Millionen-Euro-Investition des Bodenseekreises in das Bildungszentrum Markdorf – auch wenn viele rätselten, was das „BZM“ am Stadtbild-prägenden Kamin desselben heißen mag: „Barbarische Zensur-Maschine“, „Badische Zwerg-Metropole“ oder doch eher „Bodenseekreis Zahlt Mächtig“?

Dietmar Bitzenhofer wird von Birgit Beck zum Ehrennarrenrat ernannt.
Dietmar Bitzenhofer wird von Birgit Beck zum Ehrennarrenrat ernannt. | Bild: Thomas Kapitel

Scheidender Vizezunftmeister Dietmar Bitzenhofer wird Ehrennarrenrat

Als neues Mitglied im Narrenrat wird Heike Ihler künftig die „Obertor-Kochete“ organisieren. Dietmar Bitzenhofer hört als Vize-Zunftmeister auf. Birgit Beck ernannte ihren langjährigen Stellvertreter zum Ehrennarrenrat. Eine Nachfolge für das Amt steht noch aus.

Bis zur traditionellen Erbsensuppe zum Mittag gab‘s noch gepfefferte närrische Beiträge. Clemens Scheidweiler präsentierte als Obervermessungsrat ein Modell des künftigen Rathauses „in lebensbejahendem Anthrazit“, mit Balkon für den Schmotzigen und wahlweise einer Skybar unterm Dach.

Clemens Scheidweiler stellt den neuen „sturmreifen“ Entwurf fürs Rathaus vor, samt wiedergefundenem Rathausschlüssel.
Clemens Scheidweiler stellt den neuen „sturmreifen“ Entwurf fürs Rathaus vor, samt wiedergefundenem Rathausschlüssel. | Bild: Thomas Kapitel

Als „Die Zwei von d‘r Schul‘“ zogen Realschul-Leiterin Marianne Licciardi-Haberbosch und Diana Amann, Ex-Leiterin des Gymnasiums, über Finanzielles her: „30 Millionen für das Schulzentrum – mir Greteler wissen, wie man den Männern was aus den Rippen schneidet.“ Ja, hätte man die Frauen mal das mit dem Rathaus machen lassen, dann säße der Bürgermeister heute in einem Palast. Musikalisch klärten Andreas Geiger, Leiter der Jakob-Gretser-Schule, und Musikschul-Chef Gerhard Eberl darüber auf, woran Beamte in den Ferien denken: an den nächsten Urlaub.

Die „Gretler“ Marianne Licciardi-Haberbosch und Diana Amann wissen, dass Frauen in finanziellen Angelegenheiten besser als ...
Die „Gretler“ Marianne Licciardi-Haberbosch und Diana Amann wissen, dass Frauen in finanziellen Angelegenheiten besser als die meisten männlichen Entscheidungsträger sind. | Bild: Thomas Kapitel

Reinhold Späth stellte die Fasnetstermine vor. Die Markdorfer Narren starten endlich wieder mit vollem Programm durch. So steht die Fasnet 2023 dann auch unter dem Motto „Wenn‘s goht, dann goht‘s“. Mit ungehemmtem närrischem Optimismus beschloss Zunftmeisterin Birgit Beck die Sitzung: „Ich freue mich einfach wahnsinnig drauf.“