Was tun mit all der Macht, der die Fasnet in diesem Jahr mal keinen Riegel vorschiebt? Wie die (hoffentlich einmalige) Chance nutzen, dass einem die Narren die Amtsgeschäfte mal nicht entreißen? Oder wird die närrische Zwangspause etwa fehlen? Fragen wie diese könnten Oberbürgermeister Andreas Brand und den Ortsvorstehern in Friedrichshafen dieser Tage durch den Kopf gehen. Und auch im Badischen, genauer gesagt in Immenstaad, macht sich Bürgermeister Johannes Henne trotz Elternzeit so seine Gedanken zur abgesagten Fasnet.

Der Tenor ist eindeutig: Nicht Jubel über den Machterhalt macht sich in den Amtsstuben breit, sondern Nachdenklichkeit. So sehr sich die Bürgermeister und Ortsvorsteher sonst gegen ihre Entmachtung wehren mögen, so traurig sind sie in diesem Jahr, dass nichts passieren wird. Ja, was denn nun?

OB Brand muss bis Aschermittwoch „durchschaffa“

Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand gibt es ganz offen zu: „Des ganze Jahr wart‘ i drauf, nach guter, alter Tradition am Gumpige Donnerstag entmachtet zu werden. Und jetzt fällt die Fasnet aus.“

Normalerweise würde Oberbürgermeister Andreas Brand am Gumpigen Donnerstag den Schlüssel und die Amtsgeschäfte an die Hästräger der Narrenzunft Seegockel abgeben.
Normalerweise würde Oberbürgermeister Andreas Brand am Gumpigen Donnerstag den Schlüssel und die Amtsgeschäfte an die Hästräger der Narrenzunft Seegockel abgeben. | Bild: Kerstin Mommsen

Was ihm alles fehlen wird, hat das Stadtoberhaupt in Reime gegossen: vom Bibbern um die Stadtkasse über den Rathaussturm bis zur gehissten Narrenfahne.

Während es den OB auch zu wurmen scheint, dass er bis Aschermittwoch „durchschaffa“ muss, gibt Oliver Venus, Zunftmeister der Häfler Seegockel zu Protokoll: „Wir denken, dass wir in Zeiten wie diesen ganz gut daran tun, die ‚Obrigkeit‘ auch über die närrischen Tage ihres Amtes walten zu lassen.“

Entmachtung eines Ortsvorstehers zählt wohl nicht als Behördengang

Entspannt zurücklehnen kann sich Klufterns Ortsvorsteher Markus Nachbaur. Haben die Göhrelöchner doch für den Schmotzigen ebenfalls nichts geplant.

Klufterns Ortsvorsteher Michael Nachbaur in Ketten: Er hat normalerweise gar nicht so viel dagegen. Aber in diesem Jahr wird er in seiner Amtsstube vergeblich auf die Göhrelöchner warten.
Klufterns Ortsvorsteher Michael Nachbaur in Ketten: Er hat normalerweise gar nicht so viel dagegen. Aber in diesem Jahr wird er in seiner Amtsstube vergeblich auf die Göhrelöchner warten. | Bild: Pius Schlegel

Doch klingt auch aus den Zeilen Nachbaurs zum nicht stattfindenden Rathaussturm eine große Portion Wehmut.

„Die aktuelle Corona-Verordnung lässt auch tagsüber ein Verlassen der eigenen Wohnung nur aus triftigem Grund zu“, sagt Zunftmeister Andreas „Lemming“ Lamm dazu. „Ich glaube nicht, dass Fasnet und Entmachten des Ortsvorstehers zu den Behördengängen zählt.“ Dem kann sich Michael Boch, Zunftmeister der Narrenzunft Ailingen nur anschließen. „Das ist zwar traurig aber leider wahr.“

Eigentlich ist der Rathaussturm eine große Mogelpackung

„Um ehrlich zu sein, ist das mit dem Rathaussturm ja eine große Mogelpackung“, sagt Ailingens Ortsvorsteher Georg Schellinger. Leider habe er die Erfahrung gemacht, dass die Ailinger Narren sich gar nicht mehr so sehr um die Ortsverwaltung kümmern, sobald sie erst den Schlüssel geklaut und die Kasse geplündert hätten. „Deshalb glaube ich nicht, dass ich mehr Macht habe als während einer normalen Fasnet“, meint Schellinger, in dessen Terminkalender zwischen Gumpigem und Fasnetsdienstag ganz reguläre Termine stehen. „Ich hoffe, dass dabei gute Ergebnisse herauskommen, wenn schon die Fasnet ausfallen muss!“

Die Verkleidung als Punk hat Ailingens Ortsvorsteher Georg Schellinger im vergangenen Jahr nichts genützt: Am Gumpigen Donnerstag wurde er von den Waldhexen entmachtet und abgeführt.
Die Verkleidung als Punk hat Ailingens Ortsvorsteher Georg Schellinger im vergangenen Jahr nichts genützt: Am Gumpigen Donnerstag wurde er von den Waldhexen entmachtet und abgeführt. | Bild: Rathaus Ailingen

Trotzdem werde Schellinger die Fasnet vermissen. „Die fünfte Jahreszeit ist für mich als Ortsvorsteher normalerweise eine der schönsten Zeiten im Jahr.“ Die Narrenzünfte in Ailingen, Berg und Lottenweiler würden immer ein tolles Programm auf die Beine stellen. „In der Fasnet trifft sich Alt und Jung, man unterhält sich und ist gesellig. Erst jetzt in der Krise merken wir, wie gut uns dieser Austausch tut“, findet er nachdenkliche Worte. Gleichzeitig sei er dankbar, wie besonnen sich die Narren verhalten, so Schellinger. „Ich bin sicher, dass wir 2022 voller Energie in eine neue Fasnet starten können.“

Wald-Schrat fehlt der Kopf für legale Pläne

In der jetzigen Situation mache im Prinzip alles keinen Sinn und ihm fehle auch etwas der Kopf für legale Pläne, um die Macht doch noch an sich zu reißen, ist von Zunftmeister Björn Seifermann von der Narrenzunft Wald-Schrat Raderach zu hören. „Es macht keinen sonderlichen Spaß etwas zu versuchen, was dann sowieso nicht richtig funktioniert und von dem niemand etwas hat.“ Das klingt nicht gerade fröhlich. Auch die Planung eines virtuellen Narrengerichts sei schwierig. „Man sollte einfach versuchen, in dieser Fasnet die Situation zu akzeptieren wie sie eben leider ist“, sagt Seifermann. „Freuen wir uns einfach auf eine hoffentlich umso schönere Fasnet 2022.“

Ein Gumpiger ohne Rathaussturm also: Für Ortsvorsteher Bruno Mainz ist das eigentlich undenkbar. „Auch für den kleinsten Teilort von Friedrichshafen sollte das eine einmalige Erfahrung bleiben“, wünscht er sich. „So schwer es auch jedes Jahr ist, den Rathausschlüssel an die Narren abzugeben, so sehr vermisse ich es jetzt.“ Am Gumpigen werde er mit Fasnetsküchle und einem Glas Sekt mit seiner Frau auf die Fasnet 2022 anstoßen, so Mainz: „Tannezäpfle – heidenei!“

Das waren noch Zeiten: Raderachs Ortsvorsteher Bruno Mainz (links) würde auch in diesem Jahr gerne vor dem Narrengericht stehen.
Das waren noch Zeiten: Raderachs Ortsvorsteher Bruno Mainz (links) würde auch in diesem Jahr gerne vor dem Narrengericht stehen. | Bild: Rathaus Raderach

Ortsvorsteher Achim Baumeister hisst die Narrenfahne

Auch die Ettenkircher Galleyengeister richten sich in diesem Jahr nach dem Motto „Fasnet dahoim“ und lassen Ortsvorsteher Achim Baumeister im Rathaus in Ruhe weiter schaffen. Vielleicht gab es für ihn ja auch einen Gutschein von der Narrenzunft, um sich einen Berliner frei Haus zu bestellen. „Auf jeden Fall werden wir vor dem Rathaus die Vereinsfahne der Narrenzunft Ettenkirch hissen und diesen Tag vermissen“, reimt Baumeister.

Ettenkirchs Ortsvorsteher Achim Baumeister (Mitte rechts) freut sich schon jetzt auf seine Entmachtung im Jahr 2022.
Ettenkirchs Ortsvorsteher Achim Baumeister (Mitte rechts) freut sich schon jetzt auf seine Entmachtung im Jahr 2022. | Bild: Rathaus Ettenkirch

Bürgermeister Johannes Henne: Diese Jahr tragen wir die Fasnet im Herzen

„So schwer es uns auch fällt – unser Bürgermeister hat in diesem Jahr nichts zu befürchten“, bedauert Narrenvater Wolfgang „Hoss“ Haas von den Immenstaader Hennenschlittern. Umgekehrt vermisst Johannes Henne die närrische Hauptwoche. „Meine Familie und ich sind doch selber auch gerne aktiv bei der Fasnet mit dabei“, sagt er.

Dieses Jahr bleibt das Häs im Schrank: Immenstaads Bürgermeister Johannes Henne feiert normalerweise mit Frau und Kind und lässt sich gern entmachten.
Dieses Jahr bleibt das Häs im Schrank: Immenstaads Bürgermeister Johannes Henne feiert normalerweise mit Frau und Kind und lässt sich gern entmachten. | Bild: privat

Im Rathaus werde die Mannschaft wie gewohnt in diesen turbulenten Zeiten die Stellung halten und für die Bürger da sein, wenn es neue Regelungen zu bearbeiten gebe. „Die Fasnet werden wir aber alle im Herzen tragen und auf eine ordentliche Absetzung der Rathaus-Mannschaft im nächsten Jahr hoffen“, so das Resümee des Immenstaader Schultes.