In neuneinhalb Jahren 92 Länderspiele mit 23 Toren, Weltmeister 2014 – und innerhalb zwei Monaten ist alles nichts mehr wert. Mesut Özil hat sich mit einem Rundumschlag gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), Medien und DFB-Sponsoren aus der Nationalmannschaft verabschiedet. Speziell im Visier seiner Anklage: DFB-Präsident Reinhard Grindel, dem er unverhohlen Rassismus unterstellt, ihn inkompetent und unfähig nennt.

Die dreiteilige Erklärung von Özil auf Twitter hat vielfältige Reaktionen erzeugt, Ablehnung hier, Zustimmung dort, Verärgerung hier, Nachdenklichkeit dort. Die Länge des Statements und die Härte der Worte haben schnell Zweifel geschürt, ob Özil selbst der Verfasser sein kann.

Bei Özil ist alles eine Spur intensiver

Die Antwort fällt leicht: nein, kann er nicht. Seine Kommunikation ist die in wenigen, kurzen Sätzen. Das war so 2008, als er 19-jährig in der Münchner Allianz-Arena nach dem 5:2-Sieg von Werder Bremen gegen den FC Bayern sein Traumtor zum zwischenzeitlichen 3:0 beschreiben sollte, das war später auch beim DFB so, der ihn deshalb im Vergleich zu anderen Kickern nur spärlich zu Pressekonferenzen schickte.

<strong>Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan</strong> (Zweiter von rechts), hier auf einem der umstrittenen Bilder mit Ilkay Gündogan, Mesut Özil (von links) und Cenk Tosun (rechts/FC Everton). Der deutsche Nationalspieler Emre Can war zu Erdogans damaligem Wahlkampf-termin in London übrigens auch eingeladen, sagte seine Teilnahme jedoch ab.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (Zweiter von rechts), hier auf einem der umstrittenen Bilder mit Ilkay Gündogan, Mesut Özil (von links) und Cenk Tosun (rechts/FC Everton). Der deutsche Nationalspieler Emre Can war zu Erdogans damaligem Wahlkampf-termin in London übrigens auch eingeladen, sagte seine Teilnahme jedoch ab. | Bild: dpa

Bei Real in Madrid erzählten sich die Reporter die Story vom flinken Mesut, der auch sie noch umdribbelt habe. Bei Arsenal in London ist er am gesprächigsten, wenn er nach den Spielen mit dem Auto das Emirates-Stadion verlässt und dann an jeder roten Ampel aus dem Fenster Wortfetzen mit begeisterten Fans austauscht, weil die ihn sonst nicht weiterfahren ließen. Und jetzt ein aus seiner Sicht fast schon monumentales Werk?

Das könnte Sie auch interessieren

Nur eine Frage der Organisation, der Menschen, die Özil jenseits des Rasens alles abnehmen. Dass Fußballstars Manager und Medienberater haben, ist ja gang und gäbe, bei dem 29-Jährigen ist aber alles eine Spur intensiver. Im engsten Kreis um sich hat er keine bezahlten Befehlsempfänger, sondern Männer, die großen Einfluss auf ihn haben.

Bruch zwischen Vater und Sohn

Am Anfang seiner steilen Karriere wurde der junge Mesut von Vater Mustafa vertreten. Die Medienarbeit regelte lange Zeit Roland Eitel, ein ehemaliger Journalist aus dem Schwäbischen, der auch Jürgen Klinsmann und Joachim Löw beriet. Im Herbst 2013 kam es zum Bruch zwischen Vater und Sohn, Mesut ersetzte Mustafa durch seinen Bruder Mutlu.

<strong>Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier </strong>(rechts) empfing Ilkay Gündogan und Mesut Özil (links) im Schloss Bellevue. Später sagte er: „Angesichts der Tatsache, dass beide Spieler in Deutschland groß geworden seien, hätte es sie nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst.“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) empfing Ilkay Gündogan und Mesut Özil (links) im Schloss Bellevue. Später sagte er: „Angesichts der Tatsache, dass beide Spieler in Deutschland groß geworden seien, hätte es sie nicht überraschen dürfen, dass ihr Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Kritik auslöst.“ | Bild: dpa

Seit einiger Zeit ist nun Erkut Sögüt über die Firma „Özil Management“, zu der auch Bruder Mutlu und Cousin Serdar gehören, Özils Berater. Sögüt, promovierter Sportjurist und lizenzierter Spielerberater aus Hannover, wird zugleich als Team-Mitglied bei der Agentur „ARP Sportmarketing“ geführt, die mit „Family & Football“ kooperiert. Geschäftsführer ist Harun Arslan, der inzwischen den Bundestrainer als Klienten hat.

Die Stuttgarter Zeitung berichtete unter dem Titel „Joachim Löw und die Türkei-Connection“ über die verschiedenen Firmen, die neben Löw und Mesut Özil auch noch Ilkay Gündogan und Shkodran Mustafi betreuen. Da kann es kaum verwundern, dass Ilhan Gündogan, Onkel von Ilkay, und Kujtim Mustafi, Vater von Shkodran, Mitarbeiter von „Family & Football“ sind.

<strong>Bundeskanzlerin Angela Merkel</strong> war bei großen Turnieren der Fußball-Nationalmannschaft schon mal gerne in der Kabine, hier begrüßt sie beispielsweise Mesut Özil bei der WM 2010 in Südafrika.
Bundeskanzlerin Angela Merkel war bei großen Turnieren der Fußball-Nationalmannschaft schon mal gerne in der Kabine, hier begrüßt sie beispielsweise Mesut Özil bei der WM 2010 in Südafrika. | Bild: dpa

Die Frankfurter Rundschau nennt dieses Geflecht einen Clan, dem in der aktuellen Causa Özil „selbst der leiseste Hauch von Selbstkritik“ abging. Und das Blatt fragt gar: „Und ja, man wüsste gerade jetzt gern mehr darüber, inwiefern der Bundestrainer befangen ist vor dem Hintergrund der Inszenierung, die sich der geniale Fußballer und schlichte Charakter Mesut Özil ja nicht selbst ausgedacht haben kann.“ Höchst interessant, diese Gemengelage, in Löws WM-Analyse wird wohl eher nichts dazu stehen.

„Wer Mesuts Spiel nicht liebt, der liebt auch den Fußball nicht“

Sögüt und Arslan haben auf Anfragen nicht reagiert. Wegbegleiter der Nationalelf sehen Özil, der das Statement abgesegnet hat, als Opfer von Interessen anderer.

Es gehöre, so der Sportjournalist Jan Christian Müller, „zu Özils persönlicher Tragik, dass ausgerechnet er zum Bolzball seiner türkischen Berater, der geglückten Wahlkampagne des Präsidenten Erdogan, des DFB bei dessen missratener Titelverteidigung und einer auch von enthemmter Bösartigkeit getriebenen Debatte auf dem Resonanzboden von Rassismus geworden ist, gegen den jeder mal treten durfte. Dabei wollte der Mesut doch immer nur gut Fußball spielen.“

Das nun ist ihm oft gelungen, auch wenn Poltergeister wie Uli Hoeneß das Gegenteil („einen Dreck gespielt“) in die Welt posaunen.

<strong>Uli Hoeneß</strong> mischte sich in die Debatte ein: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto“, sagte der Bayern-Präsident.
Uli Hoeneß mischte sich in die Debatte ein: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto“, sagte der Bayern-Präsident. | Bild: dpa

 

Tatsächlich ist Özil für seine Art, sich und den Ball auf dem Spielfeld zu bewegen, immer wieder gescholten worden. Keine Körpersprache, keine Zweikampfhärte, kein Kampfgeist. Urteile, die der Fußball-Feingeist mit hängenden Schultern oder vermeintlich leerem Blick zwar beförderte, die aber regelmäßig von Statistiken als falsch überführt wurden. „Wer Mesuts Spiel nicht liebt“, sagte Arsène Wenger, sein langjähriger Trainer beim FC Arsenal, „der liebt auch den Fußball nicht.“

Um Fußball ging es zuletzt aber nicht mehr. Am Ende steht dieser Abschied im Zorn, der leicht zu verhindern gewesen wäre. Wenn Özil, wie Gündogan es getan hat, sich sofort erklärt hätte, statt zu schweigen. Und wenn der DFB das gesteuert und sich dann auch vorbehaltlos zu seinen Spielern bekannt hätte. Das ist das Versäumnis von Präsident Grindel, aber auch das von Löw und Manager Oliver Bierhoff.