Baumärkte? Ja, wäre nicht schlecht, sie dürften bald wieder öffnen. Schulen? Wichtig, keine Frage! Schwimmbäder? Wäre schön, kann aber noch warten. Es scheint, als sei alles irgendwie verzicht- und verschiebbar in diesem bald vier Monate währenden Lockdown – nur eines nicht: der Friseurtermin.

In Bayreuth ist ein solches Exemplar im Internet versteigert worden. Es ging um den 1. März, acht Uhr morgens, wenn alles gut geht, dürfen die Salons dann wieder öffnen. Höchstes Gebot: 422 Euro. Früh gut auszusehen, das lässt man sich was kosten.

Während Bayerns Ministerpräsident Markus Söder das menschliche Haar sogar zur Frage der Menschenwürde hochjazzt, steht selbiges den Intendanten von Theatern, Museen und Konzerthäusern zu Berge: Wie kann es sein, dass die paar Locken mehr Wertschätzung erfahren als Kunst und Kultur?

Von „Rapunzel“ bis „Hair“

Mancher von ihnen braucht für die Antwort nur das aktuelle Spielzeitheft aufzuschlagen. Vom Weihnachtsmärchen „Rapunzel“ über die Oper „Der Barbier von Sevilla“ bis zum Musical „Hair“: Was auf Glatzen so wächst, hat die Menschheit seit jeher in Atem gehalten. Kein anderes Körperteil sagt mehr über uns aus.

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Schon in der Antike sprach allein die Farbe schon Bände. Blond zum Beispiel war in mediterranen Gefilden eine seltene Erscheinung. Bekam man sie doch einmal zu Gesicht, musste es sich um eine Gottheit handeln, mindestens aber um das Kind einer solchen. Rotes Haar dagegen – eine ähnliche Rarität – galt im Mittelalter als Grund zum Fürchten. Unzählige rothaarige Frauen wurden als Hexe verbrannt, nur weil sich ein Papst beim Lesen der Bibel vertan hatte und die (angeblich) rothaarige Maria Magdalena mit einer Prostituierten verwechselte.

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Lang wachsendes Haar verriet Lebenskraft und war deshalb in vielen europäischen Kulturen allein den Herrschern vorbehalten. Schließlich wussten sie aus dem Alten Testament nur zu gut, was einem Mann blühen kann, der an sich herumschnippeln lässt: Kaum bekommt der Muskelprotz Samson im Schlaf einen neuen Haarschnitt verpasst, wacht er auch schon als schwächlicher Hänfling auf. Jämmerlicher ist noch kein Superheld abgestürzt.

Natürlich spielten aber auch ganz praktische Erwägungen eine Rolle: Langes Haar kann im Schlachtgetümmel schon mal lästig werden. Wer sich diese Pracht erlauben konnte, stellte schon rein optisch klar, dass bei der Verrichtung solch unbequemer Aufgaben mit seiner Beteiligung wohl eher nicht zu rechnen ist.

Nur die Ungeduld wächst schneller

Und damit wären wir auch schon in unserer traurigen Corona-Gegenwart angekommen. Denn die Empfindung, mit zunehmender Länge und Unordnung unserer Haare für die alltäglichen Schlachten unserer Zeit nicht mehr gewappnet zu sein, ist ein wesentlicher Grund dafür, dass beim Warten auf den Friseurtermin nur die Ungeduld noch schneller wächst als das Haar.

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Schließlich wurde uns oft genug erzählt, dass zwischen Frisur und Erfolg ein direkter Zusammenhang besteht. Im „Struwwelpeter“ etwa, dieser Ansammlung lebensuntüchtiger Gestalten, lässt schon das Titelbild keinen Zweifel aufkommen: Wer so aussieht, kann es ja zu nichts bringen.

Umgekehrt wird bei „Asterix der Gallier“ das Haarwuchsmittel zur entscheidenden Waffe. Statt auf dem Feld ihren Mann zu stehen, verheddern sich die feindlichen Römer in der eigenen Mähne. Die langhaarige Hippie-Mode der 60er-Jahre war deshalb als bewusste Absage an ein Leben im Dienste der Effektivität zu verstehen. Sie hätten keine Lust mehr, ihr Haar „vom Stahlhelm frisieren zu lassen“, erklärten die Librettisten des Musicals „Hair“.

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Stimmt etwas nicht auf unserem Kopf, stimmt auch etwas nicht in unserer Welt. In Gustave Flauberts „Madame Bovary“ erfreut sich der gehörnte Ehemann voller Ahnungslosigkeit am Anblick an der gelegentlich verwuschelten Frisur seiner Frau. Wie schön, dass sie sich zu Hause auch mal gehen lässt! In Wahrheit zeugt diese Nachlässigkeit bloß davon, dass sie mal wieder eine amouröse Affäre hatte. Wer nach der Lektüre von „Madame Bovary“ bei seiner Partnerin ungeordnetes Haar entdeckt, kann deshalb schon mal nervös werden.

Niemand weiß mehr über die Menschen

Doch es geht ja nicht nur um die Frisur. Wenn Millionen Deutsche am 1. März die Friseursalons stürmen, suchen sie auch menschliche Nähe. Kaum irgendwo sonst ist der Fachbegriff „körpernahe Dienstleistung“ so unverdächtig und doch zugleich so verheißungsvoll wie in der Frisierstube: Beim Haareschneiden werden intimste Geheimnisse geteilt und Lebenskrisen gemeistert. Niemand weiß so viel über die Menschen einer Stadt wie der Meister aller Haare.

Wenn es gut geht, macht ihn das zum Verbündeten, wie etwa in Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“. Dort hilft der Barbier dem Grafen dabei, seine angebetete Rosina zu erobern. Über deren Lebenswandel ist er nämlich bestens im Bilde – natürlich!

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In Nikolai Gogols Erzählung „Die Nase“ geht die Allwissenheit eher nach hinten los. Dort entdeckt der Barbier eines Morgens, dass er von seinem Kunden mehr mitbekommen hat, als ihm lieb sein kann: nämlich gleich eine ganze Nase. Während er sie panisch in den Fluss wirft, bemüht sich der nasenlose Kunde nach Kräften, das verlorene Stück wieder aufzutreiben. Zu seinem Entsetzen taucht die Nase plötzlich an allen möglichen öffentlichen Orten auf. So ist das eben mit allzu leichtfertig geteilten Geheimnissen.

Die Sehnsucht nach diesem Hybrid aus Identitätsfindung, Ordnungsamt und Therapiestunde kann das nicht schmälern. Sie ist mindestens so groß wie eine Sorge, die aktuell vor allem unter zusehends zerzausten Jugendlichen immer öfter zu vernehmen ist: dass die Politik bei der Reihenfolge der anstehenden Öffnungen nicht an die Frisur als potenziellem Peinlichkeitsfaktor denkt. Und die Friseursalons erst nach den Schulen öffnet.