Ein gewisser Michael Schulte aus Buxtehude startet am 12. Mai 2018 für Deutschland beim Eurovision Song Contest. Damit steigen unsere Chancen auf einen Sieg erheblich. Nicht so sehr wegen Herrn Schultes Sangeskunst, sondern aufgrund seiner Haarpracht. Dass rotes Haar zurzeit einfach in ist, beweist nicht zuletzt Ed Sheeran, der andere Chart-Stürmer unserer Tage.

Dabei ist es nicht lange her, da musste man sich mit dieser Haarfarbe auf dem Schulhof noch verstecken. „Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Volksgenossen!“, lautete so eine beliebte Parole. Schuld am schlechten Ruf des roten Haars war der im Frühmittelalter lebende Papst Gregor der Große, der Maria Magdalena einmal als Prostituierte bezeichnete. Weil erstens Maria Magdalena rothaarig gewesen sein soll und zweitens Päpste dazu neigen, Prostitution als sündhaftes Gewerbe zu betrachten, galt rotes Haar im Volksglauben schon bald als sicherer Beweis für Sünde, Wollust und Hexerei.

Während der Hexenverfolgung bezahlten viele Frauen für ihr rotes Haar sogar mit dem Leben. Und weil Sünde schon damals auch sexy war, kam es zu kuriosen Widersprüchen. So zeigten Künstler wie Tizian und Matthias Grünewald die Mutter Gottes bevorzugt mit roter Haarpracht – während zur selben Zeit viele Rothaarige als Hexen verfolgt wurden. Rotes Haar, das galt eben als Ausdruck einer starken Persönlichkeit, die Sünde auch zur Tugend umzuformen versteht. Und dieses Klischee hat sich bis in die Moderne erhalten. Von der unerzogenen Pippi Langstrumpf bis zum frechen Pumuckl: Wer rothaarig zur Welt kommt, der macht alles falsch und gerade deshalb vieles richtig. Der deutsch-französische Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit machte sich dieses Image zunutze, als er sich 1968 in Paris als „roter Dany“ zur Ikone der Protestbewegung ausrufen ließ.

Heute ist ein Rothaariger weder Hexer noch Provokateur oder Rebell, sondern einfach nur ein normaler Mensch. Statt Pippi Langstrumpf heißt er Michael Schulte, und statt aus dem Taka-Tuka-Land kommt er aus Buxtehude. Seine Lieder sind so harmlos wie die seines Kollegen Ed Sheeran. Und sein Auftreten ist so nett wie das von Prinz Harry, dem zurzeit in der Rolle des braven Bräutigams die Herzen zufliegen.

Kein Zweifel: Rotes Haar macht heute sympathisch und führt zum Erfolg. Wer weder das eine noch das andere haben will, muss es machen wie Boris Becker. Der färbt sein Haar blond.