Die Blinddärme der bekanntesten Pariser Schauspielerinnen soll er in Flaschen in einem Schrank aufbewahrt haben. So auf jeden Fall kursierten Gerüchte.

Doktor Samuel Jean Pozzi (1846-1918) war nicht nur „Modearzt“, von dem sich Diven und Königinnen operieren ließen. Er sah mit seinem dunklen Haar und dem Bart eines Sultans auch noch „ekelhaft gut“ aus, wie Alice, Prinzessin von Monaco, einmal geäußert haben soll. Ein Mann, der wahre Wunder bewirkte, und von seinen Patientinnen deswegen „Docteur Dieu“ genannt wurde. Bis auf Zigarettenbildchen schaffte er es, auf denen sonst eher Stars und Sportler abgebildet waren.

Der Schriftsteller Julian Barnes begegnete diesem Doktor Pozzi, der in Frankreich den ersten Lehrstuhl für Frauenheilkunde innehatte und ein zweibändiges „Lehrbuch der klinischen und operativen Gynäkologie“ verfasste, das über seinen Tod hinaus ein Standardwerk war, erstmals 2015 in der National Portrait Gallery in London, wo er John Sargent Singers Gemälde „Dr. Pozzi at Home“ (1881) sah, auf dem der Arzt in einem roten Mantel zu sehen ist.

Julian Barnes zählt zu den bedeutendsten Autoren der britischen Gegenwartsliteratur.
Julian Barnes zählt zu den bedeutendsten Autoren der britischen Gegenwartsliteratur. | Bild: Marta Perez

Barnes wunderte sich, dass er nie von dem Mann gehört hatte. Schon bei den Recherchen zu seinem Bestseller „Flauberts Papagei“ (1984) hätte er eigentlich auf ihn stoßen müssen. Neugierig geworden machte er sich schlau, entdeckte, dass Pozzi nicht nur der „Vater der französischen Gynäkologie“ war, sondern außerdem „notorisch sexsüchtig“. Reihenweise habe er seine Patientinnen verführt. Wenn das kein Stoff für einen Roman ist!

Nun, ein Roman ist „Der Mann im roten Rock“ (der im Original 2019 erschienen ist und von Gertraude Krueger übersetzt jetzt auf Deutsch vorliegt) am Ende nicht geworden. Auch keine Biografie. Stellte Barnes doch bald fest, dass Pozzi bei weitem nicht so extravagant wie gedacht war, sondern viel eher „ein vernünftiger Mensch in einer verrückten Zeit“.

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Am ehesten lässt sich das Buch deswegen als unterhaltsame Sittengeschichte der Belle Époque lesen, erzählt der 1946 in Leicester geborene Barnes darin doch keine fortschreitende Geschichte, sondern springt assoziativ. Von Dichtern, Dandys und Duellen ist ebenso die Rede wie von misslungenen Darmeinläufen.

Als Ausgangspunkt dient ihm eine Englandreise, die Pozzi 1885 mit Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou antrat. Wahrscheinlich bedankte der Graf sich mit der Reise bei seinem Doktor dafür, dass der ihn von seiner „welken Lebenskraft“ (Impotenz) geheilt hatte.

Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. KiWi, 304 Seiten, 24 Euro.
Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. KiWi, 304 Seiten, 24 Euro. | Bild: Cover

Voll von kunst- und literaturhistorischen Exkursen ist das Buch, und Barnes scheut auch nicht davor zurück zu hinterfragen, was „zwischen den Laken geschah“. Mehr als einmal muss man an die Betrachtungen seines zuletzt erschienenen Bandes „Kunst sehen“ (2019) denken.

Von Montesquious Schildkröte ist da zu lesen, deren Panzer vergoldet und mit Edelsteinen besetzt war – schon Joris-Karl Huysmans erzählte 1884 von ihr in „Gegen den Strich“, dieser „Bibel der französischen Dekadenz“, wie Barnes schreibt. Oder vom ausschweifenden Leben des Literaten Jean Lorrain, der seinen Schnurrbart mit Henna färbte und sadistischen Sex mit Strichjungen pflegte.

1906 stirbt Lorrain und wird zwei Tage später auf dem „besudelten Linoleum seines Badezimmers“ gefunden, nachdem ein selbst verabreichtes Klistier seinen vom Äther und der Syphilis mürbe gewordenen Dickdarm perforiert hatte. Selbst Pozzi kann da nicht mehr helfen.

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Wo man in Barnes' Buch hinschaut: orgiastisches Leben. Oscar Wilde muss sich wegen Sodomie vor Gericht verantworten und geht dafür ins Gefängnis. Marcel Proust duelliert sich mit Lorrain, weil der ihm in einem Artikel eine homosexuelle Beziehung zu Daudets Sohn Lucien unterstellt haben soll. Und mittendrin befindet sich immer dieser Samuel Jean Pozzi.

Als Medizinstudent hat er eine Affäre mit der Schauspielerin Sarah Bernhardt. Später entfernt er ihr eine Eierstockzyste, so groß wie der Kopf eines 14-jährigen Kindes. Im Dreyfus-Prozess sitzt er in der ersten Reihe. Und dem jungen Marcel Proust hilft er dabei, dem Militärdienst zu entgehen.

Julian Barnes hat gut recherchiert und erzählt das alles lebendig als sei er selbst dabei gewesen mit dem nötigen Schuss britischem Humor. Sein Buch wird so zu einem opalisierenden Gemälde, das den Geist einer Epoche einfängt, die selbst uns, die wir in einer verrückten Zeit leben, bizarr vorkommt.