Aus Italien erreichen uns erschütternde Bilder: Patienten werden „triagiert“, also nach behandelbar und sowieso zum Tode verurteilt unterschieden, wobei die Letzteren dann sterben gelassen werden. Gleichzeitig wird in Deutschland die Kapazitätsfrage beruhigend beantwortet: So erklärt Professor Rainhard Busse, Gesundheitswissenschaftler von der TU Berlin „Insgesamt haben wir in Deutschland etwa 27 bis 28.000 Intensivbetten. Das sind im Vergleich zu Italien bezogen auf 1000 Einwohner zweieinhalb Mal so viele. Wir kommen mit unseren Kapazitäten also gut hin. Auch die italienischen Verhältnisse würden uns nicht überlasten.“

Wirklich beruhigend?

Beruhigend nicht wahr? Aber nicht für den Moralphilosophen. Der muss ständig damit aufräumen, dass Moral sich nur auf die erstreckt, die uns „near and dear“ sind. Die Geschichte zeigt, dass der Bereich der moralisch zu Berücksichtigenden immer größer wird: von den Mitgliedern der eigenen Sippe, in der antiken Philosophie zu allen Griechen, spätestens seit der französischen Revolution zu allen Menschen.

Bernward Gesang, 51, ist Professor für Philosophie an der Universität Mannheim. Er lebt in Radolfzell.
Bernward Gesang, 51, ist Professor für Philosophie an der Universität Mannheim. Er lebt in Radolfzell. | Bild: Thomas Troester

Die Gründe dafür sind klar: Erstens ist es reiner Zufall, wann und wo jemand geboren wird. Rechte sollten nicht an solchen Zufällen hängen. Zweitens: Rechte hängen an den Eigenschaften, Schmerz zu empfinden und Wohlergehen erfahren zu wollen, also an den Bedürfnissen. Empfindungslose Dinge kann man nicht schädigen. Es liegt ihnen nichts an ihrer Existenz oder Unversehrtheit. Mit der Empfindungsfähigkeit beginnen alle Interessen. Gleiche Interessen muss man gleich behandeln, sonst handelt man sich Widersprüche ein, wenn wir keine relevanten Unterschiede zwischen ihnen benennen können.

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Italiener, Chinesen und Deutsche sind Menschen, die erst einmal gleich zählen und gleichen Wert haben. Das ist Grundlage der Menschenrechte, auf die wir so stolz sind. Ob Italiener oder Deutsche sterben, ist – so gesehen – völlig egal, es sollte keiner mehr sterben, als unvermeidbar ist.

Wenn wir also freie Betten haben, dann sollten wir kranke Italiener einfliegen, die darin versorgt werden, wenn dies medizinisch Sinn macht. Oder wir sollten nicht benutzte Atemgeräte nach Italien ausleihen, wenn dies medizinisch Sinn macht. Ob das angesichts der langen Dauer, die Corona-Kranke beatmet werden müssen, der Fall ist, ob man also in dem Zeitintervall, von heute, wo unsere Geräte noch unausgelastet sind, bis zu dem Zeitpunkt, wo alle Geräte in Deutschland benötigt werden, Menschen retten kann, das müssen Mediziner beantworten.

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Dass eine positive Antwort möglich ist, zeigen erste Fälle in denen französische Patienten aus dem Elsass in Baden-Württemberg aufgenommen werden. Während dies in Einzelfällen praktiziert wird, muss man sich aber fragen, ob dies nicht im „größeren Stil“ möglich wäre. Wir sollten knappe Ressourcen so verteilen, dass sie optimalen Nutzen schaffen: Man sollte die Diskussion auf dieser Ebene führen, denn es kann nicht sein, dass mit der Wiederkehr der Grenzen auch unsere Moral wieder ins antike Griechenland zurückkehrt. Gerade dort sind wir eine Antwort schuldig, wie die Griechen allein mit der Ansteckungsgefahr in den Flüchtlingscamps umgehen sollen.