Der Theaterbetrieb eingestellt, die Konzerte abgesagt, Ausstellungshäuser geschlossen: Binnen weniger Tage hat das Coronavirus ein blühendes Kulturleben komplett zum Erliegen gebracht – mit zum Teil dramatischen Konsequenzen für die Künstler und Kulturschaffenden in unserer Region. Wir haben uns bei ihnen umgehört und gefragt: Wie wirkt sich die Krise auf Ihre Arbeit aus? Und wie gehen Sie damit um?

„Der Schlag kam völlig unerwartet“

Henriette Gärtner, Konzertpianistin aus Spaichingen.
Henriette Gärtner, Konzertpianistin aus Spaichingen. | Bild: Leo-Tippbilder

„Die aktuelle Situation trifft selbstständige Pianisten und andere Künstler besonders hart. Die Coronakrise verändert in einer gewaltigen Geschwindigkeit sowohl die Welt als auch unsere Wahrnehmung dieser, die vertikalen und brutalen Maßnahmen ebenso. Ein Schlag, der völlig unerwartet kam. Die eine Seite ist das Finanzielle, fallen bei mir Konzerte aus, das greift bis in den Juni hinein (ein Ende ist nicht garantiert). Keine Konzerte heißt keine Einnahmen. Als Künstlerin spüre ich diese Verluste natürlich sehr deutlich. Die andere Seite ist das Emotionale, denn Musik hat eine unglaubliche Kraft in sich, die Menschen verbinden kann. Genau das brauchen wir in dieser Zeit der Verängstigung, Isolation und Verunsicherung.“

„Die Effekte sind nicht einschätzbar“

Alex Behning, Sänger und Songschreiber aus Konstanz.
Alex Behning, Sänger und Songschreiber aus Konstanz. | Bild: Chris Danneffel

„Die Sache trifft mich mitten in den Vorbereitungen zu meinem neuen Album. Die Auswirkungen und Effekte auf die Veröffentlichung sind noch nicht einschätzbar. Vielleicht muss ich bei den Releasekonzerten ein paar Umwege gehen aber das wäre zu verkraften. Ich sorge mich vielmehr um die Existenz von Künstlern und Veranstaltern, die es ohnehin schwer haben zu bestehen. Meine Hoffnung blickt deshalb in Richtung Solidarität und veränderte Wahrnehmung für diese Menschen, die mit ihrem Wirken den Alltag immer wieder hingabevoll aufhellen.“

„Schrifsteller brauchen Veranstaltungen“

Gaby Hauptmann, Schriftstellerin aus Allensbach
Gaby Hauptmann, Schriftstellerin aus Allensbach | Bild: Marijan Murat

„Es gibt wenige Schriftsteller, die vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Was nach außen hin grandios aussieht, wie beispielsweise einen Bestsellerplatz im Sachbuch, kann nach innen eine recht niedrige Auflage sein. Nicht jeder heißt von Hirschhausen. Wo er vielleicht 100 000 verkauft, verkauft der nächste unter ihm nur 8000. Das heißt also, wenn jemand vom bloßen Bücherschreiben leben will und das nicht als Freizeitbeschäftigung nebenher betreibt, braucht er Veranstaltungen. Die normale Einnahmequelle der Schriftsteller und Autoren sind Auftritte und Lesungen. Manchmal auch der Auftrag einer Tageszeitung oder eines Magazins, über eine aktuelle Lage oder auch ein Essay zu schreiben, aber die setzen darauf, dass die Erwähnung des aktuellen Buches als Honorar ausreicht.

So hat nun also jeder Schriftsteller in diesen Tagen ausreichend Zeit ein neues Buch zu schreiben oder sich eines auszudenken. Allerdings verdient er in dieser Zeit auch nichts, da er ja keine laufenden Einnahmen hat. Und da geht es uns allen gleich, egal, ob wir Walser, Hauptmann oder Müller heißen.

Und die Bücher, die derzeit von uns auf dem Markt sind? Jedes verkaufte Buch bringt eine Einnahme, das ist richtig. Aber jedes verliehene Buch nicht. Und da im Moment überall sogenannte Bücherregale zu sehen sind und ein Buch auch gern im Freundeskreis unendlich weitergegeben wird, bedeutet das auch keine Einnahme für den Autor. Das Recht am geistigen Eigentum findet also nur für Journalisten im Internet oder für Fotografen mit ihrem Copyright statt.

Wer ein ausgelesenes Buch weiterverleiht, macht sich darüber keine Gedanken.

Der Schriftsteller schon.“

„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ (Martin Buber)

Anne Simmering, Schauspielerin am Theater Konstanz
Anne Simmering, Schauspielerin am Theater Konstanz | Bild: Ilja Mess / Theater Konstanz

„Seit ich hier bin, möchte ich nichts lieber, als so viel wie möglich zu spielen und zu singen, darum bin ich hergekommen. Ich weiß, dass die soziale Isolierung der einzig wirksame Schutz ist, aber sobald ich allein bin, befallen mich Zweifel. Diese Zweifel lösen sich sofort in schlechtem Gewissen auf, wenn ich an ältere, kranke Freunde und Familienmitglieder denke. Natürlich ist das Wichtigste, füreinander Verantwortung zu übernehmen.

Jetzt da ich zuhause bin, könnte ich an eigenen Bühnenstücken arbeiten und szenische Liederabende konzipieren. Aber wann, wie und wo herausbringen? Denn das ist ja das Einzigartige am Theater: Es geschieht jetzt, hier, mit diesen Personen im Raum; Schauspielern, Technikern und Zuschauern; nur diese erleben diesen Abend so, wie er ist. Diese Besonderheit, dieser Moment der Begegnung ist im Moment so nicht möglich und ich vermisse es. Man könnte auch mit einem Stück ins Studio gehen, es aufnehmen; oder online im Wohnzimmer spielen und singen, ich versuche gerade, solche Szenarien zu entwerfen. Diese Situation derzeit ist – was? Lehrreich? Eine Prüfung? Sicher eine Herausforderung.“

Balkonkonzert gegen die Einsamkeit

Iris Lagrange (Fagottistin und Kontrafagottistin bei der Südwestdeutschen Philharmonie) mit Gaëtan Lagrange (Hornist des Musikkollegium Winterthur) beim „Balkonkonzert“.
Iris Lagrange (Fagottistin und Kontrafagottistin bei der Südwestdeutschen Philharmonie) mit Gaëtan Lagrange (Hornist des Musikkollegium Winterthur) beim „Balkonkonzert“. | Bild: Iris Lagrange

„Wir Fagottisten arbeiten ja nur einen Bruchteil der Tätigkeit im Orchesterdienst. Der Rest ist „Üben und Rohrebauen“. Dazu werde ich in den nächsten Tagen ein kleines Video auf die Facebook-Seite der Philharmonie stellen. Ich muss noch eine Möglichkeit finden, einigermaßen korrekte Tonaufnahmen mit meinen Mitteln herzustellen. Das Üben können wir natürlich nicht einstellen, sonst wären wir nicht bereit für den hoffentlich baldigen Wiedereinstieg. Fagottrohre muss man eigentlich auch immer bauen. Das mache ich sonst oft in den Sommerferien, da in einer normalen Saison dafür oft die Zeit fehlt. Ich habe auch das Kontrafagott mit nach Hause genommen. Das bleibt normalerweise in der Philharmonie, da es schwer zu transportieren ist.

Mein Mann und ich haben das erste 18-Uhr-Balkonkonzert gegen Corona-Langeweile-Angst-Einsamkeit gegeben. Natürlich gab es hier auf dem Land nicht wahnsinnig viele Zuhörer, nur eine Nachbarin von der anderen Straßenseite. Sie hat sich gefreut und die Reaktionen auf Facebook kamen auch in großer Menge.“

„Mit Sorgen und Staunen beschäftigt“

Markus Brenner, bildender Künstler aus Konstanz
Markus Brenner, bildender Künstler aus Konstanz | Bild: Oliver Hanser

„Ich bin mit Sorgen und Staunen beschäftigt. Was heute gilt, ist morgen überholt. Alles liegt auf Eis oder wurde abgesagt. Klagen über Verluste spare ich mir. Ich hatte Glück, dass meine Ausstellung in Zürich schon vor drei Wochen eröffnet wurde und ich wenigstens eine gute Stimmung in die Krise mitnehmen durfte. Grundsätzlich sind Künstler krisenerprobt, aber die Situation ist fundamental neu. Mein künstlerisches Herz schlägt hellwach, während wirtschaftliche Sorgen und Corona-Tote den Puls hemmen.“

„Was ist mit Gehalt und Urlaub?“

Barbara Graf, Ankleiderin/ Künstlergarderobe am Theater Konstanz
Barbara Graf, Ankleiderin/ Künstlergarderobe am Theater Konstanz | Bild: Theater Konstanz/Antonia Rosenthal

„Seit letzten Freitag finden keine Vorstellungen mehr im Theater statt. Das betrifft auch alle, die hinter der Bühne arbeiten, so auch meine beiden Kolleginnen und mich, die wir als „Ankleiderinnen“ die Garderobe der Schauspielerinnen und Schauspieler betreuen. Eine total ungewohnte Situation. Sofort kommen die Gedanken: Vorläufig keine Abenddienste mehr, daher arbeiten wir im Tagesdienst enger mit den Kollegen in der Schneiderei zusammen. Wie geht‘s weiter? Wie lange dauert die Situation an? Wie soll ich in den nächsten Wochen, evtl. Monaten meine Arbeitsstunden ableisten? Was ist mit Gehalt und Urlaub? Und was ist grundsätzlich mit der Ansteckungsgefahr? Das sind Sorgen, die belasten.“

Sorge um die Zukunft

Katharina Vogt, Violinistin und Personalratsvorsitzende der Südwestdeutschen Philharmonie
Katharina Vogt, Violinistin und Personalratsvorsitzende der Südwestdeutschen Philharmonie | Bild: Katharina Vogt

„Dass die derzeitige Corona-Krise für uns alle nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich und sozial vor große Herausforderungen stellt, muss ich niemandem sagen. Als Betroffene des Kulturbetriebs sorge ich mich natürlich sehr darum, wie und wann es in unserer Branche weitergeht. Einerseits können wir Orchestermusiker selbstverständlich nicht einfach aufhören zu arbeiten – das private Üben stellt auch bei Laufendem Betrieb einen großen und wichtigen Bestandteil unserer Tätigkeit da.

Andererseits: die Ergebnisse dessen können wir dem Publikum derzeit nicht wie gewohnt präsentieren. Das nimmt nicht nur einen Teil der Motivation und der Zielorientierung für die privaten Vorbereitungen, man stellt sich notwendigerweise auch die Frage, in welcher Form man eventuell etwas zur oder während der Überwindung dieser Krise beisteuern kann, kreist gedanklich um Formen der Online-Präsentation, Ausweichen in Außenbereiche, wenn die krassesten Einschnitte in die Bewegungsfreiheit vielleicht wieder aufgehoben werden können, oder anderen Möglichkeiten zur Vorbeugung von Ansteckungen.

Die freischaffenden Künstler sind dagegen von existenziellen Ängsten geprägt, was uns alle sehr betroffen macht und zur Solidarität aufruft. Wie diese aussehen kann, was überhaupt in naher und ferner Zukunft auf uns zu kommt, darüber kann man wohl derzeit nur vage spekulieren.“

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