Befindet sich in dieser Säule wirklich die Asche von NS-Opfern? Das behauptet das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS). Man habe „die Asche der Ermordeten Hitlerdeutschlands jetzt ins Regierungsviertel überführt“, heißt es auf der Homepage der Gruppe. Dort nämlich, gegenüber dem Reichstag, habe einst „der Konservatismus die deutsche Demokratie in die Hände der Mörder“ gelegt: „Bis heute erinnert nichts an diesen Verrat.“

Aufforderung zum Gelöbnis

Abgeordnete der CDU/CSU-Fraktion sind aufgerufen, an dem 2,5 Meter hohen Gebilde ein Gelöbnis abzulegen. Es gehe darum, „jeden Versuch der Diktatur im Keim zu ersticken und niemals – niemals! – eine Regierung mit Hilfe oder mit Duldung der AfD zu bilden, solange diese von Verfassungsfeinden, Holocaust-Leugnern und Faschisten dominiert wird“. Doch bislang wollte sich niemand zu einem solchen Eid einfinden, statt hehrer Schwüre hagelt es Kritik.

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Genau diese ist man beim „Zentrum für Politische Schönheit“ lange gewohnt: Das Kollektiv reizt mit seinen Aktionen seit Jahren regelmäßig geschmackliche und rechtliche Grenzen aus. 2015 exhumierten die Aktivisten Flüchtlinge, die an der europäischen Außengrenze ums Leben gekommen waren, und überführten sie nach Berlin. 2016 bauten sie eine römische Arena auf, in der sich Flüchtlinge von Tigern auffressen lassen sollten. Und 2017 errichteten sie vor dem Haus des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke eine Kopie des Holocaust-Mahnmals.

Der Nachbau des Holocaust-Mahnmals in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wohnhaus von Björn Höcke (AfD) in Bornhagen: Mit Aktionen wie diesen sorgt das Zentrum für Politische Schönheit immer wieder für Kontroversen.
Der Nachbau des Holocaust-Mahnmals in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wohnhaus von Björn Höcke (AfD) in Bornhagen: Mit Aktionen wie diesen sorgt das Zentrum für Politische Schönheit immer wieder für Kontroversen. | Bild: snapshot-photography/F.Boillot

Die Empörung war bei diesen Aktionen stets einkalkuliert, und auch diesmal lässt sie nicht lange auf sich warten. „Mit ihrer vermeintlichen Kunstaktion vor dem Reichstagsgebäude in Berlin überschreiten die Künstler des Zentrums für Politische Schönheit jedwede Grenze von Anstand und Respekt“, erklärt der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Uwe Becker: „Hier werden die Opfer des industriell organisierten Massenmordes als Kunstprodukt missbraucht und in billiger Form instrumentalisiert.“ Und der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte, die Kampagne verstoße gegen die Totenruhe.

Volker Beck stellt Anzeige

Ob dem tatsächlich so ist, will der Grünen-Abgeordnete, Volker Beck, jetzt staatsanwaltschaftlich klären lassen. Er habe gegen das Zentrum für Politische Schönheit Strafanzeige gestellt, teilte er gestern mit: „Falls es sich tatsächlich um die Asche von in der Shoah Ermordeten handeln sollte, wäre dies eine strafbare Verletzung der Totenruhe. Es könnte freilich auch Fake und Teil der geschmack- und respektlosen Kunstaktion sein. Dies kann nur durch Ermittlungen geprüft werden.“

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Die Aktivisten behaupten, sie hätten an verschiedenen Orten insgesamt mehr als 200 Bodenproben genommen: „Die Asche der Ermordeten wurde in Dämmen verbaut, auf Feldern verscharrt und in Flüsse gekippt.“ Man habe bei den Nachforschungen Knochenreste „in allen erdenklichen Körnungsgrößen“ gefunden. Sie alle sollen jetzt in der umstrittenen Säule verborgen sein. Kann das wirklich sein?

Die Säule vor dem Berliner Reichstag: An der jüngsten Aktion des Zentrums für Politische Schönheit scheiden sich die Geister.
Die Säule vor dem Berliner Reichstag: An der jüngsten Aktion des Zentrums für Politische Schönheit scheiden sich die Geister. | Bild: Christophe Gateau

Ja, sagt der Historiker Götz Aly. „Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch“, erklärt er in einem Interview mit dem MDR. Er selbst habe bereits vor 40 Jahren bei einem Auschwitzbesuch gesehen, wie weiße Knochensplitter aus dem Boden ragten. Heute seien diese Spuren zwar verschwunden, aber wohl nur, weil „der Humus inzwischen etwas stärker geworden ist“. Tatsächlich seien Europa und auch Teile von Deutschland „voll von diesen Massengräbern“.

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Genau an diesem Umstand scheint sich nun eine Kontroverse zu entzünden. Denn neben der Kritik wird auch Lob für die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit laut. Aly selbst zum Beispiel findet die Aktion „dankenswert“: Kriegsgräber für deutsche Soldaten würden überall gepflegt, „von Sankt Petersburg bis Kreta„, die sterblichen Überreste der Ermordeten aus allen Lagern dagegen unterlägen einer „Art von Verdrängung“. Und auch die Vorsitzende des Fördervereins „Denkmal für die ermordeten Juden Europas„, Lea Rosh, sympathisiert mit den Künstlern. „Tiefer, als unser Holocaustmahnmal es ist“, sei die Aktion, sagte Rosh dem Spiegel. Sie selbst sei von ihr „bewegt und angefasst“.

„Pietätlos und geschichtsvergessen“

Die Bundesregierung kommt zu einem anderen Urteil. Auf SÜDKURIER-Anfrage erklärt Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer, man achte zwar selbstverständlich die Kunstfreiheit: „Sollte sich allerdings bewahrheiten, dass die Asche von Opfern verwendet wurde, findet die Bundesregierung dies außerordentlich pietätlos und geschichtsvergessen.“

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Auch in unserer Region überwiegt die Kritik. Ruth Frenk, Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodenseeregion, findet die Aktion „einfach krank“. Auf Nachfrage des SÜDKURIER bezweifelte sie, dass dieses Projekt in der Lage sei, Menschen zum Nachdenken zu bringen oder gar Politiker von Bündnissen mit der AfD abzuhalten: „Man kann doch nicht Dinge, die selbstverständlich sein sollten, für so etwas Widerwärtiges benutzen!“

Ruth Frenk ist Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodenseeregion.
Ruth Frenk ist Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bodenseeregion. | Bild: Hanser, Oliver

Ob der Gipfel dieser Widerwärtigkeit schon erreicht ist, scheint noch nicht gewiss. Gestern wurde bekannt: Das Zentrum für Politische Schönheit hat im Saarland den Grabstein des NSDAP-Politikers Franz von Papen entwendet. Er soll bereits auf dem Weg nach Berlin sein.

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