Ein neues Theaterstück ist auf dem Markt, eine Farce in drei Akten. Sie spielt in Berlin und trägt den Titel „Silke und Holger kaufen eine Zeitung“. Der Clou: Das Stück ist gar nicht fiktiv, sondern ganz real.

Mit allem drum und dran

Erster Akt, September: Die erfolgsverwöhnten Unternehmer Silke und Holger Friedrich kaufen eine Zeitung. Nicht ein einzelnes Exemplar. Nein: einen ganzen Verlag mit Redaktion, Vertrieb, allem drum und dran. Es ist die „Berliner Zeitung“, zweitgrößte Tageszeitung der Hauptstadt.

Die Nachricht des Kaufs verbreitet Hoffnung. Seit Jahren nämlich erklären Software- und Internetexperten wie Holger Friedrich die Welt: uns allen, besonders gerne aber Zeitungsverlegern, die angeblich Trends verschlafen, Technologien missachten, Chancen verkennen. Die Welterklärer wissen zwar alles besser. Selbst mit gutem Beispiel voran gehen und in der Praxis zeigen, wie es geht, das allerdings mochte lange niemand. Bis Silke und Holger Friedrich eine Zeitung kauften.

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Es ist gut, wenn frischer Wind durch altehrwürdige Verlagshäuser weht, wenn Leute Neues wagen und – gerne auch mit einem Schuss Arroganz – Gewohnheiten infrage stellen. Die Friedrichs haben große Pläne, zum Beispiel für das in öffentlich-privater Partnerschaft betriebene Online-Portal „Berlin.de“, das zum Kaufpaket gehört.

Ganz einfach anmelden?

Bald, so verkünden die beiden, können sich die Bürger Berlins den Gang zum Einwohnermeldeamt sparen, indem sie ihren Ausweis einscannen. „Dann wird in wenigen Sekunden verifiziert, ob das Dokument valide ist oder irgendetwas juristisch vorliegt“, sagt Holger Friedrich im Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Als Nächstes wird die Steueridentifikationsnummer abgeglichen, auch die Rückmeldung erfolgt binnen Sekunden. Fertig.“ Zack! So einfach ist das!

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Auf die vorsichtige Nachfrage, ob denn die Berliner Verwaltung schon davon Kenntnis habe, antwortet Friedrich mit dem Selbstbewusstsein eines visionären Machers: „Für die sind wir momentan noch genauso eine Überraschung wie für den einen oder anderen Kollegen aus der Medienbranche.“ Und wieder „Zack!“: Die werden sich noch umschauen, die Kollegen!

Gibt sich als visionärer Macher: Holger Friedrich, neuer Verleger der Berliner Zeitung.
Gibt sich als visionärer Macher: Holger Friedrich, neuer Verleger der Berliner Zeitung. | Bild: Britta Pedersen

Zweiter Akt, Anfang November: Die Unternehmer stellen sich ihren Lesern vor. Das Editorial in der „Berliner zeitung“ ist so lang wie ein Roman und irritiert mit Dankesbekundungen an den ehemaligen SED-Generalsekretär Egon Krenz, Entschuldigungen an Wladimir Putin sowie Stolz auf unser Holocaustgedenken. Es hagelt Kritik. Doch die lassen die Friedrichs lässig an sich abperlen. „Gelangweilt“ habe sie die Resonanz, seufzen sie: „weil es unsere Erwartungen getroffen hat“.

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Drei Tage später enthüllt „Spiegel online“ pikante Hintergründe einer in der „Berliner Zeitung“ erschienenen Jubelarie auf eine Biotech-Firma. Holger Friedrich, so stellt sich heraus, sitzt im Aufsichtsrat dieses Unternehmens und besitzt einen Haufen Aktien. Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ sieht sich zu einer Klarstellung veranlasst. Weder Chefredakteur noch die Autoren des Stücks hätten von diesem Sachverhalt gewusst, in Zukunft wolle man „für Transparenz sorgen“.

Klarstellungen und Versprechen

Doch die Zukunft ist verdammt nah, noch am selben Tag platzt die nächste Bombe: Holger Friedrich gesteht auf der Homepage seiner Zeitung, einst als Stasi-Spitzel gearbeitet zu haben. Nächste Klarstellung der Redaktion, neues Transparenzversprechen.

Der Berliner Verlag: Hier entstehen die Berliner Zeitung sowie der Berliner Kurier.
Der Berliner Verlag: Hier entstehen die Berliner Zeitung sowie der Berliner Kurier. | Bild: Robert Schlesinger

Als sei das alles nicht genug, sorgt das Geständnis selbst für Befremden, erfolgte es doch keineswegs aus eigenen Stücken. Redakteure der „Welt am Sonntag“ hatten den Fall recherchiert und Friedrich – wie es sich gehört – vor Veröffentlichung ihrer Vorwürfe eine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Mit seiner eigenmächtigen Veröffentlichung tritt der Verleger das journalistische Fair Play mit Füßen, stiehlt den „Welt“-Kollegen dreist die Früchte ihrer Arbeit: Was für ein Affront!

„Spielregeln übergenau einhalten“

Inzwischen müssen sich die Friedrichs sogar von Führungskräften öffentlich maßregeln lassen, die sie selbst eingestellt haben: Die „Jungverleger“, sagt Herausgeber Michael Maier, hätten „mittlerweile sicher verstanden, dass es gewisse Spielregeln gibt, die man am besten übergenau einhält“. Kann es schlimmer kommen?

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Dritter Akt, diese Woche: Wir stellen uns unsere Helden gramgebeugt im Verlegerbüro der „Berliner Zeitung“ vor, er reibt sich ratlos die Hände, sie blickt konsterniert aus dem Fenster. Da kommt die nächste Hiobsbotschaft herein: Aus den Plänen für „Berlin.de“ wird nichts. Die Stadt – offenbar weit weniger überrascht, als Holger Friedrich ahnte – hat den Vertrag bereits vor dem Verkauf gekündigt. Man sei „weit davon entfernt, einem privaten Unternehmen tiefere Einblicke in die sensiblen Daten der Berliner zu gewähren“. Zwischen den Zeilen lässt sich noch ein Zusatz erahnen: „Schon gar nicht einem ehemaligen Stasi-Spitzel!“

Tiefer Fall aus hohen Sphären

König Ödipus, Richard III., Wallenstein: Der tiefe Fall aus höchsten Sphären gehört zu Europas Dramenliteratur wie die Hybris zur Digitalindustrie. Im Theater helfen uns die großen Tragödien, den eigenen Blick für die Wirklichkeit zu schärfen. Katharsis nannte einst der Philosoph Aristoteles diese Läuterung des Publikums.

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Im ganz realen Drama haben die Protagonisten selbst die Chance, eine solche Katharsis zu erfahren und dem Drama doch noch zum Happy End zu verhelfen. Mehr Demut, weniger Breitbeinigkeit: Das hätte schon Wallenstein und Richard III. geholfen.