Der Tod hat Konjunktur, jedenfalls auf dem Buchmarkt. Die Titel lauten: „Letzte Wünsche – Was Sterbende hoffen, vermissen, bereuen“, „So sterben wir“ oder auch „Sterben lernen“. Was ist das für eine Zeit, in der man das Selbstverständlichste dieser Welt, nämlich den Tod, offenbar erst lernen muss? Und dazu einen Ratgeber braucht?

Kein „Tatort“ ohne Leiche

Es heißt, das Sterben sei in unserem Alltag ein Tabuthema geworden. Dabei ist es doch vielerorts geradezu im Übermaß präsent. Im Fernsehen zum Beispiel: kein „Tatort“ ohne Leiche, keine Nachrichtensendung ohne Opferzahlen. Und doch ahnen wir, dass etwas dran ist an der These vom Tabuthema Tod. Dass seiner Omnipräsenz in den Medien eine seltsame Abwesenheit im täglichen Leben gegenübersteht.

Früher starb man noch zuhause. Särge wurden noch durchs Dorf getragen, der Tod zeigte sich Nachbarn, Kindern, Passanten. Sogar öffentliche Obduktionen hat es gegeben. Der Mensch der Moderne dagegen, schreibt Felix Hütten, Autor des Buchs „Sterben lernen“ (Hanser-Verlag), sehe zwar viel, Tote aber „selten bis nie“.

Das liegt zum einen am medizinischen Fortschritt. Der Tod kommt immer seltener plötzlich, mit Therapien und Operationen lässt sich Lebenszeit gewinnen. Der Preis dafür ist, dass diese gewonnene Lebenszeit zunehmend im Krankenhaus stattfindet, in der Palliativstation oder im Hospiz.

Scheu vor der Öffentlichkeit

Zum anderen hat sich auch im Umgang mit zuhause Verstorbenen eine eigenartige Scheu vor zu viel Öffentlichkeit entwickelt. Bestattungsunternehmer sind heute rund um die Uhr zu erreichen, Tote werden schnellstmöglich abtransportiert. Zackig solle das geschehen, beobachtet Hütten, ohne langes Brimborium. „Sie verschwinden so spurlos, wie sie gestorben sind.“ Er vermutet einen Zusammenhang mit Verlust an Sinnstiftung: Wenn es schon kein Leben nach dem Tod mehr gibt, soll es wenigstens schnell gehen.

Bloß weg damit: Leichen werden heute, vor Blicken geschützt, schnellstmöglich abtransportiert.
Bloß weg damit: Leichen werden heute, vor Blicken geschützt, schnellstmöglich abtransportiert. | Bild: Armin Weigel

An unserer Entfremdung vom Tod wäre nicht viel auszusetzen, ginge mit ihr nicht ein hohes Maß an Unwissen und in der Folge eine Zunahme an Ängsten einher. Auf Kinoleinwänden und in Netflix-Serien wird der Tod als ultimative Niederlage mystifiziert. Was einst der Übergang in eine andere Welt war, gilt heute als letztes Scheitern unseres Daseins. Beliebte Sprüche wie „Er hat den Kampf verloren“ oder „Du darfst jetzt nicht aufgeben!“ legen von dieser Haltung Zeugnis ab.

Hoffnung auf ewiges Leben

Futuristen in aller Welt nähren diesen Mythos, indem sie die Hoffnung auf ein ewiges Leben schüren. Schon bald, sagt etwa der amerikanische Erfinder Ray Kurzweil, werde es möglich sein, menschliches Bewusstsein auf Festplatte zu speichern und es so von der sterblichen Hülle seines Körpers abzukoppeln. Auf diese Weise könnten wir unsere Gewebe um Millionen Jahre überdauern.

Eine verlockende Aussicht? Wohl kaum. Die Wahrheit nämlich ist, dass ohne Tod das Leben sinnlos wäre. Gäbe es ihn nicht, würden sich unsere Biografien angleichen: In Millionen von Jahren könnte sich jeder sämtliche Träume nach und nach erfüllen, die gerade deshalb auch bald schon keine mehr wären. Leben würde seinen individuellen Charakter verlieren und zu einem rein biologischen Vorgang schrumpfen. Eine Horrorvorstellung, so wie die niemals alternde Figur Elina in Leos Janaceks Oper „Die Sache Makropulos“.

Ängste sind Preis der Freiheit

Der Philosoph Sören Kierkegaard hat deshalb unsere Ängste – auch die vor dem Tod – als Preis für unsere Freiheit beschrieben. Nur wer sich in einem begrenzten Leben für und gegen bestimmte Handlungsoptionen entscheiden muss, ist überhaupt in der Lage, Freiheit zu empfinden. Diese Liebschaft ausgeschlagen, jene Ehe eingegangen, hier die Ausbildung abgebrochen, dort die Stelle angenommen: Erst durch das Ergreifen und Verpassen solcher niemals wiederkehrenden Gelegenheiten wird ein Leben erst zum eigenen.

Es ist deshalb an der Zeit, der Endlichkeit unseres Lebens wieder mit mehr Milde zu begegnen. Schon allein, um Sterbende vor dem Fehler zu bewahren, ihre verbleibende Zeit für unnütze Spiegelfechtereien zu verschwenden. „Du willst nicht sterben, dein Arzt nicht darüber sprechen: Viele Sterbende bereuen das später“, sagt Buchautor Roland Schulz (“So sterben wir“, Piper Verlag).

Sterbende in einem Hospiz (Symbolbild): Sätze wie „Du darfst jetzt nicht aufgeben!“ sind gut gemeint, erschweren aber unseren Umgang mit dem Tod.
Sterbende in einem Hospiz (Symbolbild): Sätze wie „Du darfst jetzt nicht aufgeben!“ sind gut gemeint, erschweren aber unseren Umgang mit dem Tod. | Bild: Photographee.eu

Wie könnte eine solche Entmystifizierung des Todes gelingen? Bücher wie „Sterben lernen“ sind schon mal ein Anfang, weil sie unsere inzwischen völlig verzerrte Perspektive zu klären helfen. Anders als uns Hollywood weismachen will, ist Sterben eben keine Niederlage, sondern neben der Geburt der natürlichste Vorgang unseres Lebens. Sterben tut auch nicht weh. „Du erlebst die Angst, du erlebst aber nicht den Tod“, sagt Felix Hütten. Schmerzhaft könne allenfalls der Weg dorthin sein: die gewaltige psychische Belastung, die umso größer ist, je fremdartiger, ungeheuerlicher der Tod uns erscheint.

Wir sterben jetzt schon

Tatsächlich sterben wir jetzt schon und das zum Glück. Denn ohne den ständigen Zelltod in unserem Körper könnten wir gar nicht erst leben: „Die Hände und Finger eines Kindes im Mutterleib zum Beispiel entstehen, weil Zellen in den Zwischenräumen nach und nach sterben.“ Und entziehen sich Zellen diesem Selbstzerstörungsprogramm, so entsteht Krebs.

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Das Sterben selbst ist also keine Krankheit und steht deshalb auch nicht im Widerspruch zum Leben. Im Gegenteil: Es stiftet diesem Leben erst seinen Sinn.

Roland Schulz: „So sterben wir – Unser Ende und was wir darüber wissen sollten“, Piper Verlag 2018; 240 Seiten, 20 Euro.

Felix Hütten: „Sterben lernen – Das Buch für den Abschied“, Hanser Verlag 2019; 256 Seiten, 20 Euro.

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