Bunte Lichter schimmern auf die altehrwürdigen Gemäuer von Schloss Salem. Davor wippen vier Damen in ihren besten Jahren taktvoll hin und her. Sie genießen Wein im Plastikbecher und die rockigen Klänge einer E-Gitarre. Zwischen Pferdeschwänzen und hochtoupierten Föhnfrisuren trägt ein junger Vater seinen Sohn auf den Schultern. Der greift mit seinen kleinen Händen durch grüne Laserstrahlen in Richtung Bühne. Bis es plötzlich dunkel wird, die Musik endet und der kühle Abendwind auch den letzten Ton von Rea Garvey über den 4500 Fans verschlingt. Dann wird es still auf dem Schlossplatz. Sekunden vergehen, ehe ein heller weißer Lichtkegel den langhaarigen Iren auf den Hinterkopf strahlt. „Ich liebe es, hier zu sein. Ihr lebt am schönsten Fleck in Deutschland“, beginnt Rea Garvey seine Liebeserklärung an den Bodensee.

Seine Karriere beginnt am Bodensee

Und die kommt nicht von ungefähr. Denn seine deutsche Erfolgsgeschichte beginnt in Illmensee. Dort will er seinen Traum von der Musik endlich erfüllen. „Ich hatte hier das Gefühl, dass es möglich ist. In Irland haben mich alle gefragt, was ich denn mal werden will. Als Musiker ist es dort sehr schwer“, offenbart Garvey vor 4500 Zuschauern, die seinen Anekdoten andächtig lauschen. Doch ohne diese vierköpfige Familie Kean, die Rea Garvey aufnahm, wäre das nicht möglich gewesen, betont Garvey. Sohn Robby fuhr ihn – damals noch mit Künstlernamen Reamonn – zu den Gigs in kleinen Bars, wo er sich schnell einen Namen als Ire mit markanter Stimmfarbe und gebrochenem Deutsch machte. Mutter Lucy hatte immer ein offenes Ohr, wenn Garvey an seinem Talent zweifelte. „Es ist alles möglich. Und ich bin das beste Beispiel dafür. Danke! Heute bin ich so ein optimistischer Mensch, dass es mir selber schon auf den Sack geht“, scherzt er nach seinem emotionalen Dankeschön an die Familie, die seine Karriere ermöglichte.

Heute gehört Rea Garvey zu den erfolgreichsten Rockern Deutschlands. Sein neues Album „Neon“ verkaufte sich sehr gut. Und auch im Fernsehen macht der sympathische Ire auf sich aufmerksam. Den endgültigen Durchbruch an die VIP-Spitze erreichte er mit seinem Sitz in der Jury von „The Voice Of Germany“. Dort lieferte er sich gerne hitzige Wortgefechte mit den Cowboys von BossHoss, die ab und zu auch unter die Halfterlinie gingen.

Der Ire begeistert mit seiner harmonischen, gleichzeitig rockigen Stimme.
Der Ire begeistert mit seiner harmonischen, gleichzeitig rockigen Stimme. | Bild: Jäckle, Reiner

Auch bei seinem Konzert in Salem schreckt Garvey nicht davor zurück anzuecken. Denn er fordert die vielen jugendlichen Fans öffentlich dazu auf, für den Klimawandel die Schule zu schwänzen. Um ein Zeichen zu setzen und etwas voranzubringen müsse man Grenzen überschreiten. „Ich kann es sehr gut verstehen, dass sie uns Ältere kritisieren. Wir machen ihre Welt kaputt. So kann es nicht weitergehen.“

Kurz darauf erscheint auf den beiden riesigen Videotafeln neben der Bühne ein Video von Greta Thunberg. Sie fordert die Menschen darin dazu auf, endlich zu handeln und den Klimawandel ernst zu nehmen. Passend dazu stimmt Garvey danach sein Lied „Through the eyes of a child“ an, das ihn als Reamonn bekannt machte. Es handelt von einer eingeschränkten Sicht der Eltern, die öfter die Welt aus den Augen ihrer Kinder sehen sollten.

Wenn Eltern zu Kindern werden

Und das kann doch eigentlich so einfach sein. Man nehme schöne Kindheitserinnerungen sowie 20 bunte, riesige Luftballons, die von der Bühne ins Publikum geworfen werden – und prompt mutiert der Salemer Schlossplatz von einer gut gelaunten Schunkelveranstaltung zu einem riesengroßen Kindergarten. Sein Hit „Is it Love?“ gerät völlig in den Hintergrund, weil alle Zuschauer einmal einen Luftballon über die jubelnde Menge hinwegschießen wollen und die Scheinwerfer das Spektakel gekonnt in Szene setzen.

Diese Lichtshow ist gigantisch. Große Kreise in grellen Farben wirken manchmal so, als hätte der langhaarige Ire einen Heiligenschein. Und diesem wird er auch gerecht. Denn klar ist: Seine Musik ist ansprechend. Seine Stimme einzigartig. Die Hit-Auswahl gelungen. Was nach dem Konzert aber bleibt, ist die sympathische Botschaft: Sei Kind. Verfolge deine Ziele. Und gib niemals auf, auch wenn das Leben nicht immer so verläuft, wie man es sich vorstellt.