Vormittag am Schmotzigen und noch quält sich der närrische Geist. Gewiss, es ziehen ein paar Guggenmusiken durch die Innenstadt, aber die Läden bleiben geschlossen und nur das Schuhhaus Wöhrle hält tapfer das Fähnlein der Straßenfasnacht hoch. Ansonsten ein paar Indianer, Frauen mit Kopftuch, Piraten, eine Gruppe hält auf Spanisch ihren Morgen-Plausch, Multi-Kulti sonnt sich am Brunnen, Clowns, Punks und die übliche Lumpenästhetik zerrissener Jeans, bunte Frisuren, an der Ecke steht einer mit suchendem Blick und trinkt. Wo ist hier Alltag, wo beginnt die Fasnacht? Zu diesem Zeitpunkt ist der Unterschied zu den anderen 364 Tagen des Jahres nicht allzu groß, denn Singen ist immer ein buntes Völkchen.

Bella Ciao für einen Bankhaus-Chef

Vor der Sparkasse immerhin gibt es einen ersten Hinweis darauf, was aus dem Tag noch werden kann. Los Crawallos spielt Bella Ciao von El Professor und Udo Klopfer als Chef des Bankhauses klatscht dazu. Ob der Song zufällig gespielt wird, weil der Refrain ins Blut geht oder die Musiker auf den nahenden Abschied von Udo Klopfer Bezug nehmen? Egal, auf jeden Fall erwartet den Mann im August nicht die ungewisse Zukunft des Partisans im Song, sondern die des Pensionärs. Und wer weiß, vielleicht macht er dann bei den Los Crawallos mit. Udo Klopfer kennt sich gleichermaßen mit Bank- und Musiknoten aus und als Narrenvadder und Los-Crawallos-Frontmann Peter Kaufmann dem Freizeit-Posaunisten Udo Klopfer sein Instrument reicht, lässt er sich nicht zwei Mal bitten.

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Der Rollenwechsel bekommt in den folgenden zwei Stunden viele Kinder. Auf dem Rathausplatz summt Bürgermeisterin Ute Seifried als Biene um die Ecke, die SPD-Fraktion taucht geschlossen im roten Blaumann auf und die FDP geht als Wiese. Sie bereiten sich wie die anderen Fraktionen auf die Auseinandersetzung mit den Poppele im Rathaus-Saal vor und spätestens jetzt ist der närrische Geist hellwach. Mit anderthalb Stunden dauert die Entmachtung unter der Leitung des schlagfertigen Zunftkanzlers Ali Knoblauch etwas länger als sonst, aber es bleibt die durchgängig amüsante Adaption eines Tribunals.

OB redet Klartext zu Gedeon & Co

Obwohl, einmal wird's richtig ernst. Oberbürgermeister Bernd Häusler nimmt sich die AfD, ihre Wähler und vor allem den Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon vor. "Der Typ in seinem braunen Frack / geht mir gehörig auf den Sack", reimt der OB und begründet dies damit, das Wolfgang Gedeon seine Diäten fürs Nichtstun kassiert – für Singen jedenfalls habe er im Gegensatz zur Landtagsabgeordneten Dorothea Wehinger nichts zuwege gebracht. Er erntet tosenden Beifall und selbst der Kanzler Ali Knoblauch, der qua Funktion an diesem Tag kein gutes Haar an den Stadtoberen lassen darf, attestiert dem Rathauschef, dass er in diesem Punkt eine "partiell bessere Rede" gehalten hat – wofür es nochmals Applaus gibt.

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Danach geht's aus dem Kellergeschoss des Rathauses an die Sonne, wo sich ziemlich flott der Umzugs-Tross in Bewegung setzt. Das bombig schöne Wetter sorgt für gut und gerne 10 000 Besucher des Spektakels, doch die günstigen Umstände zeigen hässliche Begleiterscheinungen am Rande. Trügt der Eindruck, oder wird mehr Alkohol als sonst am Schmotzigen getrunken? Klein und leer liegen Feiglinge schon am Anfang des Umzugs auf dem Trottoir, ein paar Meter weiter an der Ecke Erzberger-/Ekkehardstraße hockt dann so ein junges Häuflein Elend im Rettungswagen des DRK. Die Motorik des Mädchens zeigt deutliche Kontrollverluste.

Polizei verhindert Eskalation

Noch ernster ist die Lage just in dem Moment, als der Wagen der Stadträte am Kunstmuseum vorbeifährt. Es regnet Gutsele, die Stimmung ist ausgelassen, doch nur wenige Meter hinter den in drei, vier Reihen stehenden Zuschauern droht ein Streit unter – dem Augenschein nach – jugendlichen Beteiligten gewaltsam zu eskalieren. Etwa ein Dutzend Polizisten greift ein, man wundert sich wie schnell sie am Ort des Geschehens sind. Und spätestens jetzt sind die Rollen wieder klar verteilt: Ein junger Mann wird in Handschellen abgeführt.

Wo der Böög schon am Schmotzigen brennt

Nach dem Umzug wuppen die Poppele auf dem Rathausplatz den Narrenbaum in die Vertikale, zum Hemdglonker-Umzug kühlt es merklich ab. Schon bald aber kommt wieder Wärme auf, denn der Böög wird verbrannt. Warum eigentlich? Für gewöhnlich geht das Stroh erst am Fasnachtsdienstag in Flammen auf. Auf Nachfrage bei einem Rebwieb, warum das so ist, hebt die Närrin die Schultern. "Weil's eben schon immer so war", sagt sie. Untypisch für Singen aber ist es nicht. Die Stadt ist auch sonst flott unterwegs.