Es wird gehämmert, gebohrt, Rohre werden verlegt. Ein Mitarbeiter zieht mit einem Hubwagen das nächste Chassis zur Produktionsstraße im Hymer-Werk in Bad Waldsee. Noch ist kaum zu erkennen, dass aus diesem Grundgerüst ein Wohnmobil werden soll. In den folgenden Arbeitsschritten ändert sich das schnell: Der Mitarbeiter zieht das Chassis auf die Produktionsstraße, wo Schritt für Schritt das Wohnmobil von seinen Kollegen zusammengesetzt wird. Auffällig ist, dass der weltweit führende Caravanbauer einen Großteil seiner Produkte noch durch Handarbeit fertigt. Hochautomatisierte Bänder findet man im Hymer-Stammwerk in Bad Waldsee nicht. Automatisierung? Auf den ersten Blick Fehlanzeige. Ist diese Art der Produktion noch zeitgemäß, wo doch alle Welt von Fabriken ohne Menschen redet?

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"Der Grad der Automatisierung hängt oft von drei Faktoren ab: Wie hoch ist die produzierte Stückzahl, wie variantenreich ist das Produkt und wie komplex ist sein Aufbau?", sagt Moritz Hämmerle vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Den Bau von Wohnmobilen könne man beispielsweise nicht mit dem Automobilbau vergleichen, sagt er. Der Grund: Die Modellvielfalt und die Anzahl der Varianten ist bei den Freizeitmobilen viel höher als bei Autos. Das fange schon bei der Ausstattung der Einbauküche an.

Deutschland auf Platz drei der Roboternationen

Der generelle Trend ist klar. In der Industrie wird immer mehr automatisiert. Bis 2025 wird nach einer Studie des Weltwirtschaftsforums mehr als die Hälfte aller laufenden Arbeiten von Maschinen erledigt werden. Auch Roboter kommen immer mehr in Mode. Laut der International Federation of Robotics kamen in Deutschland 2017 auf 10.000 Arbeiter 322 Roboter. 2015 waren es noch 301. Weltweit landet Deutschland aktuell auf Platz drei hinter Singapur (658) und Südkorea (710).

Tatsächlich macht diese Entwicklung auch vor der Holzindustrie nicht halt. 26 Kilometer entfernt vom Hymer-Werk liegt ein weiteres Schwergewicht der deutschen Branche: Staud produziert hier im Jahr 5,5 Millionen Möbel und macht damit einen Umsatz von 400 Millionen Euro im Jahr. In ein neues Werk mit moderner automatisierter Anlage hat das Unternehmen vor kurzem zehn Millionen Euro investiert. Die Holzbretter werden hier hauptsächlich von Maschinen bearbeitet. Nur noch vier Mitarbeiter werden benötigt, um die Produktion hier zu betreuen.

Video: Kipar, Sandro

"Wir versprechen uns von der neuen automatisierten Anlage eine 15 bis 20 Prozent höhere Produktion", erklärt Geschäftsführer Wolfgang Schwägele. Das Unternehmen setze kontinuierlich auf Erneuerung und Fortschritt. Dazu gehöre natürlich die Automatisierung. Diese Investitionen scheinen sich zu lohnen, aber wieso springt Hymer nicht auf diesen Zug auf?

Mehr Haus als Auto

Zurück nach Bad Waldsee, wo man noch in erheblichem Maß auf Handarbeit vertraut: Die Fertigung eines Wohnmobils ähnele weniger dem Bau eines Autos, sondern vielmehr dem eines Hauses. Schränke, Küche, sanitäre Einrichtung, Schlafbereich oder Cockpit bräuchte die Aufmerksamkeit von Facharbeitern. "Neue Kollegen in unserem Werk sind oftmals überrascht, wie viel die Angestellten hier noch selbst machen", sagt die Hymer-Sprecherin.

Auf Menschen statt auf Maschinen als Arbeitskräfte zu setzen, zahlt sich bei Hymer offenbar aus. Das Produktionsvolumen der Oberschwaben beträgt 10 000 Fahrzeuge pro Jahr. Das entspricht je nach Auftragslage 15 bis 55 Fahrzeugen am Tag. Damit habe Hymer im vergangenen Jahr 500 Millionen Euro Umsatz gemacht und einen Wachstum von zehn bis 15 Prozent erzielt, sagt die Sprecherin. Für das nächste Geschäftsjahr prognostiziert das Unternehmen mit seinen 1500 Angestellten einstelliges Wachstum. Brexit, Trump und der hauseigene Bilanz-Skandal gehen nicht spurlos vorbei.