Nach einer Entlassungswelle und Berichten über geschönte Verkaufszahlen beim Wohnwagenbauer Erwin Hymer in Nordamerika ist die dortige Belegschaft verunsichert. Es sei schwer, sich für die Arbeit zu motivieren, wenn man nicht sicher sei, in der nächsten Woche noch dabei zu sein, sagte ein Hymer-Mitarbeiter dem kanadischen TV-Sender CTV. Andere vermuten, jüngst angekündigte Job-Streichungen in drei Hymer-Standorten in Kanada könnten nicht die letzten gewesen sein.

Mitarbeiter in Kanada wissen nicht, wie es weitergeht

Bereits Mitte vergangener Woche hatte die Nordamerika-Tochter (EHG NA) des schwäbischen Caravan-Konzerns, rund 90 Mitarbeiter in den kanadischen Städtchen Kitchener und Cambridge entlassen. Dort hat sowohl Hymer, als auch der von dem Unternehmen im Jahr 2016 erworbene Caravan-Bauer Roadtrek Werke. Infolge eines Abschwungs und damit verbundenen rückläufigen Verkäufen seien zu viele Mitarbeiter an Bord.

Eine sofortige Reduzierung der Arbeitskräfte sei daher unumgänglich, heißt es in einem Schreiben von Hymer an die nordamerikanischen Mitarbeiter, aus dem CTV zitiert. Einer der Angestellten wird mit den Worten zitiert, er sei von Hymer von wenigen Monaten mit der Aussicht auf "Karriere in einem wie verrückt wachsenden Unternehmen" eingestellt worden. Jetzt stehe er vor der Tür.

Tatsächlich ist das Nordamerika-Geschäft zuletzt stark gewachsen. Einem Bericht des Branchenblatts RV Daily Report zufolge haben sich die Mitarbeiterzahlen der EHG NA in kurzer Zeit verdreifacht – auf fast tausend Beschäftigte.

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Durch die jüngsten Entwicklungen ist die Verunsicherung der Beschäftigten in Übersee allerdings noch gewachsen. Am Dienstag wurde bekannt, dass eine Reihe von Top-Managern von EHG NA von der Konzernzentrale in Bad Waldsee suspendiert worden war. Untersuchungen hatten "Unregelmäßigkeiten im Berichtswesen" ergeben.

In großem Stil sollen in Übersee Rechnungen gefälscht und Fahrzeuge als verkauft gemeldet worden sein, die niemals produziert wurden. So soll der Umsatz auf dem Papier nach oben getrieben worden sein. Ein Betrag von bis zu 100 Millionen US-Dollar (88 Millionen Euro) soll so falsch verbucht worden sein. Wer davon profitierte, ist bislang unklar. Geld könnte nach Meidenberichten aber auf Konten der Beschuldigten geflossen sein.

Das Nordamerika-Geschäft von Hymer könnte beim Verkauf außen vor bleiben

Hymer selbst macht mit Verweis auf "laufende Untersuchungen" zu dem Sachverhalt keine Angaben. Allerdings hatte das Familienunternehmen den Vorgang am Montag öffentlich gemacht und mitgeteilt, den Fall umfassend aufzuklären". Neben externen Beratern der Firma EY sollen nun nach Angaben eines Hymer-Sprechers auch andere Unternehmensprüfer die Vorgänge durchleuchten.

Man sei sich voll bewusst, dass die Lage Unbehagen und Vorbehalte erzeugte, schrieb Hymer Konzern-Chef Martin Brandt Anfang der Woche an seine Belegschaft in Nordamerika. Man tue alles um mögliche Auswirkungen auch auf die Mitarbeiter zu minimieren. Für die im September 2018 angekündigte Übernahme von Hymer durch den drei Mal größeren US-Konkurrenten Thor Industries könnte der Vorgang allerdings erhebliche Auswirkungen zeitigen.

Thor hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe angekündigt, nachzuverhandeln. Unter anderem steht im Raum, das Nord-Amerika-Geschäft der Schwaben von dem 2,1 Milliarden Euro schweren Deal auszuklammern. Auch der Kauf-Preis und die Übernahme von Verbindlichkeiten stehen zur Disposition. Die Bad Waldseer Hymer-Gruppe geht indes weiter davon aus, dass der Verkaufsprozess spätestens am 30 April beendet sein wird.