Als die Mauer in der historischen Nacht zum 9. November 1989 plötzlich aufging, war auch für den Fußball im Osten nichts mehr so wie zuvor. Profivereine statt DDR-Fußballclubs oder Betriebssportgemeinschaften. Bundesadler statt Hammer-Zirkel-Ährenkranz auf dem Nationaltrikot. „Das war für alle ein Glücksfall, die dann den Sprung in die Bundesliga geschafft haben“, sagte Ulf Kirsten 30 Jahre danach. Der bullige Stürmer aus Dresden gehört zur ersten Grenzgänger-Generation. Zusammen mit Andreas Thom, Matthias Sammer und Thomas Doll, die im Eiltempo aus der DDR-Oberliga in die Bundesliga-Welt wechselten und dann auch schnell ins Trikot der wiedervereinten Nationalmannschaft schlüpften.

Sammer war der Erste

Am 19. Dezember 1990 durfte Sammer in Stuttgart im Spiel gegen die Schweiz (4:0) als erster „Ossi“ das Adler-Trikot überstreifen. „Dass ich diesen Weg gehen konnte, auch privat, sehe ich mit Demut und voller Dankbarkeit. Es ist fast ein Gottesgeschenk“, sagte er später einmal.

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38 Spieler aus der DDR

38 Spieler, die aus der DDR oder dann den neuen Bundesländern stammen, spielten bisher für das wiedervereinigte Deutschland. Von jenen entwickelten sich der in Görlitz geborene Michael Ballack und der Greifswalder Toni Kroos zu Weltstars. „Nach dem Mauerfall habe ich mir sofort sämtliche Fußball-Zeitschriften gekauft“, verriet Ballack. Die Krönung mit dem Nationalteam blieb dem ehrgeizigen Sachsen versagt.

Kroos einziger Weltmeister aus dem Osten

Die gelang Kroos, der genau 56 Tage nach der Maueröffnung in Mecklenburg-Vorpommern zur Welt kam, 2014 in Rio de Janeiro: Weltmeister. Der einzige aus dem Osten. „Ob ich wirklich der einzige bin?“, fragte der ehemalige Rostocker damals verdutzt: „Wahrscheinlich bin ich dann auch der letzte.“

Immer weniger Ost-Akteure

Der Anteil der Ost-Akteure in der DFB-Auswahl schrumpft seit 2002 immer mehr. Bei der WM 2002 in Japan und Südkorea gehörten noch sieben Ost-Spieler zum Team von Rudi Völler, zum Beispiel der ehemalige Jenaer Bernd Schneider und der Erfurter Thomas Linke. Beim Sommermärchen 2006 unter Jürgen Klinsmann waren es noch vier: Ballack, Tim Borowski, Schneider und der Ostberliner Robert Huth. Schon in Südafrika 2010 blieb Kroos als einziger übrig.

Phänomen Maximilian Arnold

Geradezu ein Phänomen: In dem ehemaligen Dresdner Maximilian Arnold kam überhaupt nur einer, der nach der Vereinigung in den neuen Bundesländern geboren wurde, noch zu einem Länderspieleinsatz. „Die meisten schaffen es im Osten gar nicht bis zu den Junioren. Die werden doch schon mit 12 oder 14 Jahren von finanzstärkeren Clubs aus dem Westen abgeworben“, meinte dazu Eduard Geyer. Mit dem Dresdner als letzten Nationalcoach hatte die DDR im September 1990 mit einem 2:0-Sieg in Belgien im 293. und letzten Länderspiel die Auswahl-Geschichte geschlossen.

Gute Arbeit in Dresden, Rostock oder Magdeburg

„Dabei würde es vielen Spielern in ihrer Entwicklung gut tun, erst einmal in der Heimat zu bleiben. In den Nachwuchszentren von Dresden, Rostock oder Magdeburg wird ja keine schlechte Arbeit gemacht“, bemerkte Geyer (75) drei Jahrzehnte später zur Star-Flaute im Osten. Eine umfassende Erklärung vermag auch der Experte nicht zu liefern. Kroos ging als 16-jähriges Ausnahme-Talent vom FC Hansa sofort zum FC Bayern.

Vogts weiß es nicht

Warum es keine neuen Sammers oder Ballacks mehr gibt, kann auch Europameister-Coach Berti Vogts nicht beantworten. „Das ist eine schwierige Frage“, bemerkte der 72-Jährige. „Ich glaube, in Leipzig wird sehr gut gearbeitet. Auch das Leistungszentrum bei Union in Berlin ist sehr gut. Warum, weshalb wir so wenige Spieler im Moment haben, das kann ich nicht sagen.“ (dpa)