Die staatlichen Bühnen der Türkei werden offenbar politisch gesäubert. Nach Berichten von Beschäftigten wurden zum Jahreswechsel mindestens 150 Mitarbeiter von Staatstheater und Staatsoper entlassen. Die Kündigungen erfolgten ohne Angabe von Gründen und so kurzfristig, dass an einigen Bühnen das Programm geändert oder abgesagt werden musste.

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Nach Gewerkschaftsangaben erfuhren einige der Entlassenen informell, dass sie eine „Sicherheitsüberprüfung“ nicht bestanden hätten. In Theaterkreisen wird vermutet, dass es um die Gezi-Proteste gegen die Regierung vor sechseinhalb Jahren geht, an denen sich auch Theaterschaffende beteiligt hatten: Offenbar wolle die Regierung das Theater von Künstlern säubern, die Sympathien für die Proteste äußerten. „Wir sind im Schock“, sagt eine Mitarbeiterin des Staatstheaters.

Hoffnungen auf Festanstellung enttäuscht

Viele Theaterschaffende hatten eigentlich gehofft, nach jahrelanger prekärer Beschäftigung als Freiberufler im neuen Jahr endlich fest angestellt zu werden. Das hatte Kulturminister Nuri Ersoy im Dezember angekündigt. „Alle Künstler und Techniker, die bisher tageweise beschäftigt sind und keinen Rechtsstatus haben, werden nun vom Ministerium angestellt“, sagte Ersoy der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. „Wir verschaffen ihnen damit Beschäftigungssicherheit und staatlichen Schutz.“

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Die Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan kam damit einer langjährigen Forderung der Theaterschaffenden entgegen, die den Rückstau bei Festanstellungen an den staatlichen Bühnen beklagten. Das Staatstheater meldete im jüngsten Jahresbericht 1215 freie Planstellen – gegenüber 2743 besetzten Stellen – und heuerte für seine Produktionen hunderte freie Schauspieler, Regisseure und Bühnenarbeiter an.

Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan knüpft die Beschäftigung freier Theaterschaffender an „bestimmte Kriterien“.
Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan knüpft die Beschäftigung freier Theaterschaffender an „bestimmte Kriterien“. | Bild: Iskandar/Bernama/dpa

Die Freude an den staatlichen Theatern sei deshalb groß gewesen, berichten Mitarbeiter. Die freien Theaterschaffenden wurden aufgefordert, ihre Anträge auf Festanstellung bis zum 30. Dezember einzureichen. Doch statt der erhofften Arbeitsverträge erhielten viele von ihnen zu Jahresbeginn ein Schreiben, wonach ihr Antrag abgelehnt wurde. Zugleich wurde den Theatern verboten, sie überhaupt weiter zu beschäftigen; eine entsprechende Namensliste sei den Abteilungsleitern zugestellt worden, berichtete die Zeitung „Sözcü“.

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Nach Angaben der Gewerkschaft für Kultur und Kunst wurden von Hauptdarstellern bis zu Kostümschneidern mindestens 90 Mitarbeiter vom Theater entlassen und 57 von der Oper; einige arbeiteten schon seit mehr als 20 Jahren dort. Die erhofften Festanstellungen blieben auch für die anderen Mitarbeiter bisher aus.

Staatstheater spricht von Stimmungmache

Das Staatstheater bestätigte in einer Stellungnahme zu Wochenbeginn, dass die Weiterbeschäftigung von freien Theaterschaffenden seit 1. Januar 2020 an „bestimmte Kriterien“ geknüpft sei, erklärte diese aber nicht näher. Die in einigen Presseberichten genannte Zahl von 300 Entlassungen entspreche nicht den Tatsachen, hieß es in der schriftlichen Erklärung, doch eine andere Zahl wurde darin nicht genannt. Außerdem seien die abgesagten Aufführungen nicht gestrichen, sondern nur „verschoben“, erklärte die Direktion und beschuldigte die Presse der Stimmungsmache. Das türkische Staatstheater unterhält landesweit 40 Bühnen, davon allein 17 in Istanbul und Ankara.

Künstler im Exil

In der Türkei gibt es außerdem rund 700 freie Theater, auf die der türkische Staat schon bisher bisweilen empfindlich reagierte. So wurde im vergangenen Jahr die Aufführung eines Theaterstücks mit dem Titel „Nur ein Diktator“ mit Polizeigewalt verhindert. In einem Großprozess in Istanbul fordert die Staatsanwaltschaft derzeit lebenslange Haft für den Schauspieler und Regisseur Mehmet Ali Alabora, weil er mit einem 2012 produzierten Theaterstück über einen Volksaufstand die Gezi-Proteste inspiriert und damit den Umsturz der staatlichen Ordnung betrieben habe; der Künstler ist deshalb im Exil.

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Das Staatstheater setzte dagegen auf Selbstzensur und entließ schon 2015 den Schauspieler Levent Üzümcü wegen seiner Teilnahme an den Gezi-Protesten. Nun solle offenbar radikal gesäubert werden, befürchten Mitarbeiter; die Entlassungen seien möglicherweise Ergebnis einer Gesinnungsüberprüfung in den sozialen Medien.

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