Paartherapeuten sagen, Schuldzuweisungen vergiften jede Beziehung. Kein Wunder also, wenn es um uns nicht zum Besten bestellt ist. Ganz gleich, ob Klimawandel, Gleichberechtigung oder Migration: Nahezu jede öffentliche Debatte ist vom Virus des Moralisierens befallen. Erkenntnisse, gar Lösungsvorschläge interessieren nur noch am Rande. Was zählt, ist Rechthaben, Verurteilen, Schuldzuweisen.

"Moralische Argumente verändern nichts"

„Mit moralischen Argumenten verändert man nichts“, sagt der Sozialpsychologe Harald Welzer in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“. „Kein Verhalten, keine Gesellschaft“.

Harald Welzer
Harald Welzer | Bild: Arno Burgi, dpa

Tatsächlich fällt die Bilanz ernüchernd aus. Zwar stimmt eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung darin überein, dass Klimaschutz wichtig, Gleichberechtigung notwendig und Fremdenfeindlichkeit abzulehnen ist. Dennoch steigen die Emissionen, häufen sich Sexismusbeschwerden und grassiert die rechte Hetze.

Am Ende bewegt sich nichts

Es ist wirklich wie verhext: Da appellieren wir tagtäglich an unser Umweltgewissen, verurteilen den geringen Frauenanteil in Dax-Vorständen, rufen „Nazis raus!“. Und am Ende bewegt sich – rein gar nichts!

Das System ist Schuld

Warum das so ist, hat in den 70er-Jahren Niklas Luhmann mit seiner „Systemtheorie der Gesellschaft“ ergründet. Leider war der große Soziologe dafür bekannt, sich gerne mal zu verzetteln (seine Forschung betrieb er mithilfe chaotisch anmutender Zettelkästen), weshalb er sein Manuskript erst 1997 veröffentlichte. Gut möglich, dass wir ansonsten heute schon weiter wären.

Einer von vielen Zettelkästen des Systemtheoretikers Niklas Luhmann.
Einer von vielen Zettelkästen des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. | Bild: Beate Depping, dpa

Nach Luhmann sind Schuldzuweisungen kein geeignetes Mittel, um Veränderungen zu bewirken. Sie helfen lediglich dem Absender dabei, seine persönliche Enttäuschung über das Versagen des Umfelds zu verarbeiten. Wer andere beschuldigt, spricht sich selbst von Fehlern frei und kann so bleiben, wie er ist.

Ein kleines System ist veränderbar

Dass moralische Appelle nichts bewirken, liegt am System. Ein kleines System lässt sich von der Handlungsfreiheit des Einzelnen noch beeindrucken. Einem Jugendlichen mag es gelingen, durch seine Rebellion die Verhaltensnormen seiner Familie tatsächlich aufzubrechen. Je größer das System jedoch ist, desto weniger lässt sich dagegen ausrichten.

Mindestmaß an Mobilität

Sich etwa in unserem kapitalistischen System ein Leben mit ausgewogenem ökologischen Fußabdruck vorzunehmen, bedingt zwangsläufig das Scheitern. Denn ohne ein Mindestmaß an Mobilität, Erreichbarkeit und Informiertheit kann der Normalbürger gar nicht erst am Erwerbsleben teilnehmen: Sich ihm ganz zu entziehen, kann bedeuten, der Verantwortung an anderer Stelle nicht gerecht zu werden.

Vorschlagen statt ermahnen

Wer hier den moralischen Zeigefinger hebt, verhält sich wie der Beobachter eines Boxkampfes, der sich über die prügelnden Sportler empört. Nicht die Sportler tragen Schuld, sondern die Spielregeln, denen sie folgen.

Böses kann gut erscheinen

Harald Welzer belegt in seinem Buch „Täter – wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ eindrucksvoll, dass in Extremfällen ein solches System sogar in der Lage ist, treusorgende Familienväter in skrupellose Killer zu verwandeln: Unter entsprechenden Rahmenbedingungen kann das Böse plötzlich gut erscheinen und umgekehrt. Entsprechend selten zeigen solche Straftäter Reue und Einsicht.

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Was also tun, wenn Appelle und Ermahnungen völlig wirkungslos bleiben? Zum Beispiel Vorschläge zur Systemveränderung unterbreiten. Dabei hilft es, Chancen aufzuzeigen, statt moralische Urteile zu fällen.

Beschimpfung ist sinnlos

Die Vision einer autofreien Innenstadt lässt sich nicht durch Beschimpfung vermeintlich gewissenloser Autofahrer verwirklichen. Erfolgreicher argumentiert, wer auf ihre Einwände Lösungen anbieten kann und die Vorteile einer ruhigen, stressfreien, sauberen Innenstadt aufzuzeigen versteht.

Männer wollen Gleichberechtigung

Gleichberechtigung wird nicht durch Ermahnungen des angeblich karrierefixierten Mannes erreicht. Vielen Forderungen – etwa nach einer paritätischen Aufteilung von Familien- und Arbeitszeit – stimmen die meisten Männer längst zu. Sie scheitern an überkommenen Rahmenbedingungen wie etwa der Besserstellung ungleicher Einkommensverhältnisse durch Ehegattensplitting. Und sie scheitern daran, dass die Haltung der weiblichen Bevölkerung zu diesen Fragen keineswegs so homogen ist, wie gerne behauptet wird.

Sachgründe abarbeiten

Schließlich werden moralische Vorhaltungen wohl auch gegen rechte Hetze nur wenig ausrichten. An einem sukzessiven Abarbeiten der zahlreichen Sachgründe für dieses Phänomen führt kein Weg vorbei: von der ausgedünnten Infrastruktur vor allem in ostdeutschen Gebieten über Fehler in der Migrationspolitik bis zum nachlässigen Umgang mit Betreibern sozialer Netzwerke.