Kürzlich wieder auf Twitter. „Es ist wieder passiert“, schreibt ein aufgewühlter Vater: „Fremder Mann wuschelt meiner Tochter völlig selbstverständlich durch die Haare, ich wuschle dafür ihm durch die Haare, Tumult.“ Kinder ungefragt anzufassen, das sei einfach „unglaublich respektlos“.

Breitbeinig sitzen ist respektlos

In Madrid ist unterdessen ein Verbot erlassen worden: Männer dürfen in Bussen nicht mehr breitbeinig sitzen. Weil das „respektlos“ gegenüber weiblichen Passanten sei: „Manspreading“ nennt sich das Phänomen. Männer wehren sich dagegen mit dem Vorwurf des „Shebagging“: Frauen, die sich mit ihrer Handtasche auf gleich zwei Sitzplätzen ausbreiten. Respektlos sei auch das.

Welle der Empfindlichkeit

Eine Welle der Empfindlichkeit hat unsere Gesellschaft erfasst. Weltweit fühlen sich Menschen aus kleinsten Anlässen belästigt, beleidigt, ja sogar diskriminiert. Eine liebevoll gemeinte Geste mutiert zum fiesen Angriff auf die Integrität des Kindes, aus der legeren Sitzhaltung wird eine sexuelle Belästigung, und die kurze Gedankenlosigkeit einer Passagierin gilt als gezielter Affront gegen den Mann an sich. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass ein neuer Aufschrei die sozialen Medien erschüttert, und oft genug rühmen sich die vermeintlich Angegriffenen ihrer rabiaten Selbstjustiz: Tumult.

Wie im 18. Jahrhundert

Schon einmal hat eine erhöhte Sensibilität ein ganzes Zeitalter geprägt. Man nannte es die Epoche der Empfindsamkeit. Damals, im 18. Jahrhundert, handelte es sich um eine Reaktion auf das lange währende Diktat der Vernunft. Mit der Aufklärung war der Verstand zu neuen Ehren gekommen. Statt gottesgläubig seines ihm vorbestimmten Schicksals zu harren, sollte der Mensch den eigenen Kopf einschalten.

Das ging so weit, dass Gefühle bald als lästige Nebensache galten. Wer etwas auf sich hielt, sah sich als rationales Wesen. Und genau davon hatten Dichter wie Friedrich Gottlieb Klopstock oder Christian Fürchtegott Gellert bald genug: Sie sangen wieder Loblieder auf religiöses Schwärmen und sinnliches Lieben, auf all die irrationalen Gemütsregungen, die zuvor so schlecht beleumundet waren.

Empörung statt Gedichte

Heute sehen wir uns wieder einer Dominanz des Rationalen ausgesetzt. Es ist das Diktat der Zahlen, das erst in den Neunzigerjahren zu einer Ökonomisierung nahezu sämtlicher Lebensbereiche führte und nun, in der Digitalisierung, zu deren vollständiger Vermessung: Liebe ist nicht mehr eine Frage des Schicksals, sondern des Algorithmus in meiner Dating-App.

Wie schon Klopstock und Gellert bereitet diese Entwicklung auch uns wieder Unbehagen. Sind wir wirklich noch Menschen? Oder nicht bereits eine technisch beliebig reproduzierbare Ansammlung von Bits und Bytes?

Verletzlichkeit als Selbstversicherung

Verletzlich und reizbar kann nur der Mensch sein, nicht etwa sein Smartphone. Wer Schmerz empfindet und darüber öffentlich klagt, der versichert sich deshalb immer auch seiner selbst. Und doch gibt es einen Unterschied zur Bewegung des 18. Jahrhunderts: Statt selbst den Schmerz zu suchen, warten wir darauf, ihn zugefügt zu bekommen. Nicht Empfindsamkeit liegt uns am Herzen, sondern Empfindlichkeit.

Suche nach Bestätigung

Warum sucht der Mensch seine Empfindungsfähigkeit in öffentlicher Empörung statt in zarten Gedichten? Schuld daran ist sein soziales Wesen. Es gibt wenig Schöneres, als sich in seiner Verletztheit von einer Gemeinschaft bestätigt zu sehen. Glaubhaft versichern, dass ich ein Mensch bin, mit all seinen Gefühlen, Schwächen und Bedürfnissen: Das können mir nur andere Menschen bieten.

Nur einen Tweet entfernt

Klopstock und Gellert hatten noch nicht die Möglichkeit, mal eben Tausende per Twitter oder Facebook um diesen Gefallen zu bitten. Heute dagegen liegt diese Bestätigung nur einen Tweet entfernt: Ja, du hast recht, wenn dich die Sitzhaltung eines Fahrgastes kränkt! Gut, dass ein sensibler Papa wie du auch die kleinste Belästigung seines Kindes erspürt und mutig ahndet! Bewundernswert, wie du das vermeintlich harmlose Kompliment als sexistische Diskriminierung enttarnst!

Wirklich übergriffig?

Es wäre an dieser Suche nach Anerkennung wenig auszusetzen, ginge sie nicht beinahe jedes Mal auf Kosten anderer. Ausgerechnet in einem Land, dessen Kinderfeindlichkeit schon sprichwörtlich geworden ist, sieht sich der kinderfreundliche Rentner plötzlich dem Vorwurf der Übergriffigkeit ausgesetzt. Und der Gentleman alter Schule steht wegen einer höflich gemeinten Bemerkung unversehens als Sexist da. Mit welcher Absicht die öffentlich Kritisierten ihre vermeintlichen Fehler begingen, welche Motivation ihrem Handeln zugrunde lag: Das alles spielt keine Rolle, wenn sich so ein Vertreter unserer Epoche der Empfindlichkeit an seiner eigenen Verletztheit berauschen will.

Vielleicht würden Klopstock und Gellert heute auf Twitter dichten und dankbar jede kleinste Störung zur großen Beleidigung aufblasen. Vielleicht aber würden sie als Autoren der Empfindsamkeit auch im Gegenteil zu einem reflektierteren Umgang mit solchen öffentlichen Anklagen raten: erst mal das Gespräch zu führen, statt gleich draufzuhauen, anderen ihre Eigenarten zu lassen, statt ein gleichförmiges Menschenbild zu predigen. Und sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen.