Schon seit Jahresbeginn verfolgen wir den Aufbau der Seebühne bei den Bregenzer Festspielen. Nach und nach entstand da ein riesiger Clownskopf, der die Kulisse zu Giuseppe Verdis „Rigoletto“ abgeben wird. Rigoletto ist in dem Stück der Hofnarr des Herzogs von Mantua und somit gewissermaßen eine Art Clown im Zirkus eines Adligen. Man darf den Clownskopf also als eine Art Sinnbild für die Titelfigur sehen.

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Als er so auf der Seebühne Gestalt annahm, sah er noch sehr friedlich aus. Die Augen hatte er geschlossen, ein kleines Lächeln lag auf dem Gesicht. Das wird während des Stücks allerdings sicherlich nicht so bleiben. Rigoletto ist eine zwiespältige Figur. In seiner Rolle als Hofnarr kann er zynisch sein bis zur Boshaftigkeit, als besorgter Vater einer Tochter aber ist er auch sensibel und verletzlich. Entsprechend verändert auch der Clownskopf seinen Ausdruck. Er kann sich drehen und neigen, Augen und Mund werden sich öffnen und dann wird das freundliche Gesicht vielleicht etwas von einem Gruselclown bekommen. Jedenfalls ist es das erklärte Anliegen des Regisseurs und Bühnenbildners Philipp Stölzl, die Emotionen aus der Oper „ins Monumentale hochziehen, sodass ein filmischer Effekt entsteht“.

Ein Ballon für den Clown

Der Clown hat auch Hände, die rechts und links von ihm zu Fäusten geballt aus dem See ragen. Als letztes Bühnenelement kam dann ein Fesselballon hinzu. Der Clown hält ihn in seiner linken Faust fest. Er ist mit Helium gefüllt und damit flugbereit. Mit anderen Worten: Er wird während der Aufführung in die Luft steigen. Fotos von den Bühnenproben bestätigen das. Zu welchen Szenen dieser sicherlich spektakuläre Effekt eingesetzt wird – das verraten die Festspielmacher vor der Premiere heute Abend natürlich nicht. Also haben wir selbst mal darüber spekuliert, an welchen Stellen der Ballon in die Luft gehen könnte. Hier drei Möglichkeiten:

Was passiert mit und in dem Ballon? Bis zur Premiere wollen die Bregenzer Festspiele das Geheimnis nicht lüften.
Was passiert mit und in dem Ballon? Bis zur Premiere wollen die Bregenzer Festspiele das Geheimnis nicht lüften. | Bild: Anja Köhler
  1. Gildas Entführung. Rigoletto hat eine Tochter namens Gilda. Sie ist natürlich jung und überaus schön (im Gegensatz zu Rigoletto selbst, der laut Libretto ein buckliger Hofnarr ist). Um sich an Rigoletto zu rächen, der keinen mit seinem Spott verschont, beschließen einige der Höflinge, seine Tochter (die sie zunächst für seine Geliebte halten) zu entführen. Tragischerweise wird Rigoletto unwissentlich selbst zum Handlanger dieser Entführung. Jedenfalls kann man sich vorstellen, dass Gilda im Ballon aus ihrem Haus und in den Palast des Herzogs entführt wird. Der übrigens freut sich über diesen unerwarteten Besuch. Der notorische Womanizer hatte Gilda ohnehin schon heimlich den Hof gemacht. Sie stand auf seiner Liste der zu verführenden Frauen ganz oben – eigentlich ein klarer Fall für MeToo.
  2. Gildas Tod. Irgendwann kriegt auch Gilda mit, was für ein skrupelloser Typ der Herzog ist. Nämlich in dem Moment, wo er mit der nächsten Frau anbandelt. Doch da ist es bereits um Gilda geschehen. Sie hat sich in den Herzog verliebt. Wie es in der Oper so ist, geht Gilda aus Liebe zum Herzog für ihn in den Tod. Sie wird in einen Sack gepackt, den Rigoletto von einem Auftragsmörder entgegennimmt. Er glaubt den toten Herzog darin – dafür jedenfalls hatte er den Mörder bezahlt. Doch dann hört er den Herzog von der Ferne sein Liedchen von der angeblichen Flatterhaftigkeit der Frauen trällern (“La donna è mobile“ – der Gassenhauer der Oper). Rigoletto reißt den Sack auf – und entdeckt seine eigene Tochter. Wie es in der Oper ebenfalls gerne mal der Fall ist, erwacht Gilda noch einmal für eine letzte Arie. Sie bittet den Vater um Vergebung und verspricht, oben im Himmel zusammen mit ihrer Mutter für ihn zu beten. Wäre das nicht der perfekte Moment, um die tote Gilda mit dem Ballon gen Himmel zu schicken?
  3. Der Ballon ist Gildas Bastion. Zu Verdis Zeit gab es die MeToo-Bewegung noch nicht. Auch Rigoletto kommt nicht auf die Idee, den Herzog für den permanenten Missbrauch von Ehefrauen und Töchtern verklagen. Im Gegenteil verspottet er die gehörnten Ehemänner und die zürnenden Väter noch. Nur wenn es um die eigene Tochter geht, sieht die Sache natürlich ganz anders aus. Um Gilda also vor einer Vergewaltigung durch den Herzog zu schützen, sperrt er sie ein. „Drei Monate bin ich nun hier und habe noch nicht die Stadt gesehen“, klagt sie ihrem Vater. Doch der lässt sie nicht raus. Sie darf nur für den Kirchgang aus dem Haus gehen. Der Ballon könnte ein schönes Bild sein für diese Bastion, die weitab vom gesellschaftlichen Treiben in Rigolettos Hand bleibt – und die er vielleicht in die Luft schickt, um Gilda von allem Übel der Welt buchstäblich fern zu halten. Der Korb unter dem Ballon wäre dann der Balkon, auf dem Gilda stehen und vom Herzog träumen könnte.

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