Seit 20 Jahren, mindestens, spricht das Feuilleton von Alterswerk, wenn die Rede auf Martin Walser kommt. Kein Herbst oder Frühling, in dem Rowohlt, sein Verlag, nicht einen neuen Walser im Programm hätte. Ein Rezensent seiner kühn „Roma“ genannten 100-Seiten-Prosa „Gar alles oder letzte Rank“ (2017), die im Titel die vorzeitige Abdankung Walsers suggeriert, sprach gar von Altersalterswerk. Solcherlei Redensarten enthalten die Hoffnung, es möge noch etwas Größeres (als bisher) folgen oder aber der Autor möge den Griffel auf die Seite legen. Letzteres – Unstatthaftes, Schreiben ist für Walser Lebensart – war in jener Frankfurter Zeitung zu lesen, in der einst Marcel Reich-Ranicki als Oberkritiker herrschte.

Es ist bekannt, dass die Beziehung zwischen den beiden nicht die beste war. Eigentlich nie. Mit Mitte 30 als kämpferisch gestimmter Schriftsteller schrieb Walser in einem Leserbrief über Reich-Ranicki: „Der blinde, einsträngige Indikativ ist sein bevorzugter Modus. Urteilen, aburteilen und ein bisschen hinrichten.“ Volker Hage hat an diese frühe Anklage anlässlich des 90. Geburtstags Walsers erinnert. Als Redakteur durfte er 1976 aus nächster Nähe erleben, wie sein 2013 verstorbener Chef einen Verriss von Walsers Roman „Jenseits der Liebe“ ins Blatt hob. Die Rezension begann mit den Worten: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buchs zu lesen.“

Der Kritiker als Feind

Walser wird im März 92 Jahre alt. Die Wunden, die die Fehde mit Reich-Ranicki bei ihm verursachte, sind nie verheilt. In „Statt etwas“ taucht der Literaturkritiker als „exemplarischer Feind“ auf. Da heißt es dann: „Woher sonst sollte die Tag und Nacht erlebte, die immerwährende Selbstverneinung dann herrühren, wenn nicht von ihm?“ Und auch in „Spätdienst“, seinem neuen Buch, ist „der Poltergeist von Frankfurt“ präsent.

Ebenso wie die anderen „Deuter“ und „Folterer“, Karasek, Löffler, Schmitter, Greiner, Detje, Höbel, Weiderman, auch Hage, die er mit seinen Büchern – und Walser schreibt seit den 1950er-Jahren – bedient. „Süß ist es, lächerlich und steil, von einem Arschloch verrissen zu werden“, setzt er jetzt zum vermeintlichen Befreiungsschlag an: „Alles hab’ ich schon mir zuliebe probiert, euch zum Possen mach' ich jetzt Gedichte …

Martin Walsers Buch "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung" (208 Seiten, 20 Euro, mit Arabesken von Alissa Walser) erscheint am 20. November 2018 im Rowohlt-Verlag.<br /><br />
Martin Walsers Buch "Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung" (208 Seiten, 20 Euro, mit Arabesken von Alissa Walser) erscheint am 20. November 2018 im Rowohlt-Verlag.

| Bild: Rowohlt

Was für ein Lebensaufwand für ein bisschen Buch, heißt es an einer anderen Stelle. Richtig ist, dass wir Konsumenten seiner Bücher nicht wirklich wissen, was es ihn gekostet hat. Die traumatische Abhängigkeit von den Kritikern verstört dennoch. Nimmt er diese Branche nicht zu wichtig? Am Ende entscheidet der Leser, ob er Buch und Autor liebt – oder nicht. Aber auch, wenn es um Lob geht, reagiert Walser über: „O Burkhard Müller, o Iris Radisch“, verdichtet er die beiden Kritiker, „ihr sprecht mich nicht heilig, aber frei …“ Mehr Gelassenheit täte gut. Sie brauchen ihn ja. Ohne ihn wären sie arbeitslos. Das weiß (und schreibt) Walser. Aber die Erkenntnis kommt zu spät.

Es gibt Gedichte in „Spätdienst“, freie Schöpfungen, betörend schlichte Hymnen auf die Landschaft und den See: „Der See rauscht sanft, er weiß, dass Sonntag ist, glitzernde Schnüre Gesangs ziehen die Vögel durchs Gras, die Nähe füllen Hummeln und Bienen.“ Oder: „Ich liebe den Leerlauf des Winds durch die Bäume, das Rauschen für nichts …“ Das ist Heimatlob pur. Auch wenn das lyrische Ich nicht den exakten Ort aufruft – wir wissen, dass Walser vom Arbeitszimmer in Überlingen-Nußdorf aus auf den Bodensee blickt.

Walser erinnert sich

Es gibt noch andere Blickweisen. Auf Kollegen wie Heinrich Böll, den „Radikalen aus Köln“, den Walser wegen seiner Menschlichkeit schätzt; auf Hans Magnus Enzensberger, den er für sein „Überlebenkönnen auf jedem Floß“ bewundert; auf Hans Mayer, wobei nicht klar wird, warum gerade er aufgelistet wird. Walser erinnert an seine Lieben, Großmutter und Mutter, er räsoniert über sein politisches Engagement („Politik gibt es nicht. Er tut aber so. Rennt mit …“) und belächelt den Sex-Appeal so mancher weiblicher Film-Stars („Das Konservendosenhafte Liz Taylors …“). Nicht nur der Blick, auch der Ton wechselt in dieser Gedankenlyrik. Im Untertitel von „Spätdienst“ heißt es, wie zur Entschuldigung: „Bekenntnis und Stimmung“. Immer aber spricht das lyrische Ich, das wir, die naiv mit dem Herzen lesen, selbstverständlich als das Walser’sche erkennen: „Ich bin am liebsten von mir und esse eine Herbstzeitlose, serviert auf dem Klavier“. Das ist Benn surreal. Das ist aber auch, wie Walser selbst notiert, ein „Ausflug ins Vertraute“.

Diese Form der inneren Selbstbeleuchtung weitet sich aus zum Ich-Drama, das aus schwermütigen Stenogrammen über das Alter, über Einsamkeit, Gebrechen, Glauben, über das langsame Sterben, den Tod besteht, der auch bei Walser „ein Schnitter“ ist. Überhaupt: Das sind gewichtige, weil existenzielle Bekenntnisse. Das eigentliche Leben, das Walser immer schöner zu schreiben versuchte, als es ist, kommt zu kurz, auch wenn es zu Beginn des Buchs noch heißt: „Das Leben gehört zu uns, der Tod nicht.“ Die Revision dieses Wunsches füllt die nächsten und auch die übernächsten Seiten. Walser: „Das Sterben hat jetzt angefangen.“

Ein Abschiedsgesang

Es ist in weiten Teilen des Buchs ein Abschiedsgesang, den Walser, der in den vergangenen Jahren von Krankheiten nicht verschont blieb, anstimmt: „Ich muss darauf gefasst sein, dass es sich hinzieht, dass ich nicht mehr weiß, was ich sage, und in jeder Stunde, bis zuletzt, das Bett beschmutze.“ Der Himmel weiß nichts von ihm, er aber auch nichts von ihm, klagt er beschimpfungsmüde. Zieht einmal mehr Bilanz: „Hab’ ich alles falsch gemacht in meinem Leben?“ fragt er dunkel und gibt sich die Klatsche: „Ich habe nicht bestanden. Schluss.“ – Wir möchten widersprechen. Heftig!

„Spätdienst“ ist eine rücksichtslose und unbarmherzige Selbstentblößung des Schriftstellers Martin Walser, ein gnadenloses und auch uneitles Selbstgespräch, das allenfalls vergleichbar ist mit den Epigrammen, die der 91-Jährige seinem Alter Ego Mesmer in den Mund legt. Für Walser gilt noch mehr, was er über „Kohls Mädchen“ Angela Merkel gesagt hat: Er ist ständig dabei, seine Gedanken kennenzulernen. Daran lässt er uns Leser teilhaben. Immer sind wir Zeuge einer Textgeburt.

Irgendwann wird alles Kunst

Es ist anzunehmen, dass der Untergeher Walser bei diesem Buch, das sich uns vertrauten Genre-Bezeichnungen entzieht, auf nahezu jegliches erzählerische Element verzichtet, ohne Personal, Fabel und ohne große Handlung auskommt, auch auf „Stellen“ aus seinen Sudel- und Notizbüchern zurückgegriffen hat. Nicht zum Schaden dieses späten Titels, der durchaus mehrfach gelesen werden will – der verstörenden Eindringlichkeit, aber auch der morbiden Schönheit der Walser’schen Sätze wegen. „Früher oder später wird alles Kunst“, notiert das lyrische Ich gegen Schluss von „Spätdienst“. Nicht alles. Aber dieses Buch ist Kunst!