Es gibt zwei „Erfahrungs-Anlässe“, über die Martin Walser nur ungern spricht. Die eine Erfahrung ist mit dem Namen Marcel Reich-Ranicki verbunden, die andere mit der „Sonntagsrede“, die Walser 1990 in der Frankfurter Paulskirche gehalten hat. Anlass dafür war die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels.

Als bedeutender Schriftsteller, der nahezu jährlich ein Buch publizierte, war Walser Reich-Ranicki ausgeliefert. Der Literaturkritiker, 2013 gestorben, arbeitete für Leitmedien wie „Die Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Die Macht des sogenannten Literaturpapstes wuchs mit dem TV-Format „Das Literarische Quartett“. Sein Urteil trug dazu bei, ob ein Buch und sein Autor erfolgreich sein würden oder floppten – Walser wurde von ihm oft und oft zu Unrecht runtergeschrieben. Dass Reich-Ranicki schief liegen konnte, bestritt er nicht, er bedauerte aber nichts. Sie waren keine Freunde, der Autor und der Kritiker. Noch in Walsers jüngstem Buch, dem Lebens-Stenogramm „Spätdienst“, taucht das Kürzel MRR eher bedrohlich auf.

„Instrumentalisierung von Auschwitz“

Die andere Erfahrung, die Walser wohl gerne beschweigen würde, ist die Paulskirchen-Rede. Darin thematisiert er die Erinnerung an den Holocaust. Walser leugnet nicht das, was in Auschwitz geschehen ist, er deutelt auch nicht an der Grauenhaftigkeit herum, aber angesichts der unaufhörlichen Präsentation „unserer Schande“, so der Redner, habe er begonnen wegzuschauen.

Walser spricht von der „Instrumentalisierung von Auschwitz“ und von einem „jederzeit einsetzbaren Einschüchterungsmittel oder Moralkeule“. Seine Worte haben damals viele Menschen als Zumutung empfunden, darunter Ignatz Bubis (1927-1999), zu der Zeit Vorsitzender des Zentralrats der deutschen Juden. In der Folge entstand eine hitzig geführte Debatte – zum Schaden von Walser, der sich missverstanden fühlte. Bubis nannte ihn „Brandstifter“.

Jetzt hat die „Sonntagsrede“ Walser wieder eingeholt. Dass der Ausgangspunkt die Besprechung seines neuen Buchs in der FAZ ist, verwundert vor diesem Hintergrund nicht. Ihr Kritiker Christian Metz hat mit „Unheimlicher Ausflug ins Vertraute“ mehr als nur einen Verriss geschrieben, bei dem er sich ausschließlich auf ein altes Gedicht aus dem neuen Band konzentriert.

Bücher stoßen nicht auf Gegenliebe

Schon die vorangegangenen Bücher Walsers stießen in dem Blatt auf wenig Gegenliebe. In einer Kritik wurde dem 91-Jährigen nahe gelegt, künftig auf Veröffentlichungen zu verzichten. Sie waren einmal Freunde, die FAZ und der Autor Walser. Die Laudatio in der Paulskirche hielt Frank Schirrmacher, der 2014 verstorbene Mitherausgeber der Zeitung.

Christian Metz will in dem Gedicht eine Passage entdeckt haben, in der Walser Auschwitz „abermals“ bagatellisiert und relativiert habe. Wie das? In einer rhetorischen Figur nennt Walser den Unort in einem Atemzug mit Golgatha, Verdun und Hué.

Die Passage suggeriere, schreibt der Kritiker, „dass Auschwitz unter verschiedenen Ereignissen einzureihen sei. Neben Jesu Kreuzigung auf Golgatha, der Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg und dem Kampf um die Stadt Hué in Vietnam erscheint Auschwitz als eine tödliche Katastrophe unter vielen.“ Auschwitz aber sei kein Phänomen, so klagt er, „das man in der Andiplose (Wiederholung, Anmerkung der Redaktion) einreihen kann. Es ist kein historisches Ereignis, das man auf Knopfdruck herkommen lässt oder wieder abbestellt, wenn es einem gerade nicht passt.“

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Am Ende der Besprechung steht nicht nur der Vorwurf einer „dumpfen Geschichtsrevision“, sondern der des Antisemitismus. Ein Vorwurf, mit dem Walser erstmals nach der Paulskirchen-Rede konfrontiert wurde und nochmals nach der Publikation von „Tod eines Kritikers“ (2002). Darin haben viele eine Abrechnung mit dem jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gelesen – was Walser bestritt. Den Roman habe er als Reaktion auf den Kritiker Reich-Ranicki verfasst, der der mächtigste Kritiker in Deutschland war.

Doch zurück zur Metz-Besprechung, die inzwischen auch in Medien wie „Der Semit“, „Weltexpresso“, „Compass“, „Die Welt“ und der Sonntagsausgabe der FAZ diskutierte wurde. In letzterer Zeitung sekundiert Julia Encke ihrem Kollegen („Wir gehen nicht den Walserweg“) und greift nebenbei andere Publikationen an, die „Spätdienst“ gelobt, aber die „prekäre Stelle“ überlesen hätten. In der jüngsten Ausgabe der „Zeit“ gibt nun Iris Radisch sowohl Metz als auch Encke Nachhilfeunterricht in Sachen Recherche.

Spottkritik an Medien und Politik

In dem „Auschwitzkeule zum Zweiten. Wie Martin Walsers Verse von 1968 falsch gelesen wurden“ getitelten Beitrag weist sie darauf hin, dass es sich bei dem Gedicht nicht, wie behauptet, um ein Auschwitz relativierendes Alterswerk handelt. Vielmehr stand der Vers am 22. März 1968 in der „Zeit“, abgedruckt als Spottkritik am Medien- und Politikbetrieb: „Das Stilmittel, das Walser hier wählt, ist: ironische Mimesis“, schreibt Radisch.

„Er imitiert das hohle Tragödengeschwätz des Gegners, mit dem er sich in einem höhnischen ,wir’ kurzschließt. Die Ironiesignale sind klar gesetzt: Das Feuilleton agiert ‚holzschnitthaft‘, es ‚feiert feierlich‘ mal dieses, mal jenes Menschheitsverbrechen, wie die Feiertage gerade fallen, Golgatha, Verdun, Auschwitz, Hué. Das ist unmissverständlich: blanker Hohn. Dahinter steckt: eine Kritik der Instrumentalisierung von Menschheitsverbrechen zu feuilletonistischen Zwecken.“ Mit anderen Worten: Metz und Encke haben Walsers Gedicht missverstanden – oder missverstehen wollen. Eine Entschuldigung steht bisher aus.

Ist das nun eine Katastrophe, fragt Radisch. „Viel schlimmer“, gibt sie die Antwort, „ein Fehler.“ Zumindest Encke hätte es besser wissen müssen. Sie hat in ihrer Besprechung des Gesprächsbands „Das Leben wortwörtlich“ (2017), in dem Martin Walser auf seinen Sohn Jakob Augstein trifft, von einem „wichtigen Buch“ gesprochen. Das zehnte Kapitel ist der „deutschen Vergangenheit“ gewidmet, die offenbar nicht vergehen will. Der Titel dieses Kapitels, einem seiner Essays entnommen, beschreibt bis heute Walsers Denken: „Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen …“