Herr Koch, Sie haben in der E-Sailing-Bundesliga, die zwischen April und Juni ausgetragen wurde, die Vizemeisterschaft geholt. Wie sind Sie zum E-Sailing gekommen?

Ich spiele schon länger Strategie-Spiele am Computer. Segeln hat übrigens auch sehr viel mit Strategie zu tun. Als ich, um meinen Master zu machen, nach Brüssel zog, hatte ich keine Möglichkeit zum Segeln und mehr Zeit zuhause. So bin ich Anfang vergangenes Jahr zum E-Sailing gekommen.

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Das heißt, Sie haben das Computer-Spiel „Virtual Regatta“ entdeckt?

So ist es. Hier habe ich mich vor allem für die Inshore-Variante interessiert. Das sind Rennen auf Binnengewässern. Da gibt es sehr ähnliche Bedingungen wie in der Segel-Bundesliga. Außerdem segeln dort etwa 200.000 Segelbegeisterte auf der ganzen Welt mit.

Und wie lief es?

Meine Erfahrung als Bundesliga-Segler hat mir sehr geholfen, vor allem, weil die taktischen Entscheidungen identisch sind wie auf dem Wasser. So konnte ich mich schnell nach oben arbeiten. Vergangenes Jahr wurde ich deutscher Vizemeister und war bis vor kurzem auf Platz drei der Weltrangliste. Da ich momentan wenig spiele, bin ich da abgerutscht.

Ein Screenshot vom Finale der E-Sailing-Bundesliga. Der Bodensee Yachtclub Überlingen mit Jonathan Koch führt das Rennen an und wendet als Erster.
Ein Screenshot vom Finale der E-Sailing-Bundesliga. Der Bodensee Yachtclub Überlingen mit Jonathan Koch führt das Rennen an und wendet als Erster. | Bild: Screenshot

Anfang des Jahres kam dann die Segel-Bundesliga auf die Idee, eine E-Sailing-Konkurrenz ins Leben zu rufen.

Das stimmt. Ich habe die Verantwortlichen kontaktiert, weil ich die Idee hatte, im Rahmen des Spieltages in Überlingen, einen E-Sailing-Abend zu machen. Sie fanden das gut und eröffneten mir, dass auch sie diesbezüglich etwas in Planung haben. Da allerdings keiner praktische Erfahrung mit „Virtual Sailing“ hatte, wurde ich kurzerhand als Berater mit eingebunden. Außerdem übernahm ich die Wettfahrtleitung für die jeweiligen Spieltage der E-Sailing-Bundesliga.

Das heißt, Sie sind als Wettfahrtleiter selber mitgesegelt?

Ja, das hört sich unglaublich an, weil das im Realen natürlich nicht geht. Als Wettfahrtleiter ist man auf dem Boot im Feld unterwegs. Am Computer ist das natürlich anders. Da ist es tatsächlich möglich, beides zu tun.

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Es wurden eine Trainingsregatta, sieben Spieltage als Vorrunde und ein großes Finale geplant. Wie kam die Idee an?

Wir waren alle überwältigt von dem Zuspruch. 68 Mannschaften haben sich angemeldet und mit dabei waren fast alle Bundesliga-Teams. Außerdem waren bei den Spieltagen, die live ins Internet gestreamt wurden, viel mehr Zuschauer dabei als bei den Liveübertragungen der realen Segel-Bundesliga. Das war wirklich erstaunlich.

Wie unterscheidet sich die Segel-Bundesliga am Computer von der auf dem Wasser?

Prinzipiell gar nicht. Es wird in kurzen Rennen im Up- und Downkurs gesegelt und es geht Boot gegen Boot. Allerdings waren in den einzelnen Wettfahrten bis zu 20 Boote auf dem Kurs. Auf dem Wasser sind es sechs. Außerdem kann pro Segel-Team nur ein Mitspieler mitmachen. Auf dem J70-Boot sind vier Crewmitglieder dabei. Zudem beschränken sich die Entscheidungen am Computer ausschließlich auf die Taktik, was zu deutlich engeren Rennen führt. Auf dem Wasser gibt es noch viele weitere Faktoren, die entscheidend sind.

Ist die Erfahrung auf dem Wasser ein Vorteil?

Auf jeden Fall. In der Vorrunde waren sicherlich auch immer wieder Segler vorne dabei, die keine Bundesliga-Erfahrung haben. Im Finale um die besten vier Plätze waren dann ausschließlich Bundesliga-Segler dabei.

Wie wird E-Sailing gespielt?

Ich bevorzuge das Spiel mit der App auf dem Mobiltelefon. Viele spielen aber lieber am Computer. Das Schöne ist, dass man durchaus Teamkameraden einladen und die Taktik gemeinsam entscheiden kann. Ich habe das zum Beispiel beim Finale gemacht, als mich meine Bundesliga-Teamkameraden Jörg Munck und Alexandra Lauber unterstützten.

Segeln Sie lieber am Computer oder auf dem Wasser?

Ganz klar auf dem Wasser. Taktisch kann man virtuell sehr gut trainieren, aber bei Wind, Wellen und mit einem Team auf dem Boot ist das natürlich etwas ganz anderes. Ich bin froh, dass wir mittlerweile wieder auf dem Wasser trainieren können und am 17. Juli die Segel-Bundesliga startet.

Wie war das Finale für Sie?

Ich hätte fast das Finale der letzten Vier durch einen großen Fehler verpasst. So erging es beispielsweise dem deutschen Meister Johannes Bahnsen, der für den Hamburger Segelclub am Start war und die Vorrunde dominierte. Er patzte in einem der drei Qualifikationsrennen und war weg. Es war ganz eng. Ich war froh, dass ich am Ende noch Zweiter wurde.

Hat E-Sailing für Sie eine Zukunft?

Auf jeden Fall. Die E-Sailing-Bundesliga hat gezeigt, dass großes Interesse besteht – sowohl bei Teilnehmern als auch bei Zuschauern. Außerdem gibt es erstaunlicherweise bereits Anmeldungen von neuen Clubs zur Segel-Bundesliga auf dem Wasser. Das freut mich außerordentlich. Die Segel-Bundesliga hat bereits angekündigt, dass es definitiv eine weitere E-Sailing-Bundesliga geben wird.

Sie haben es bereits angesprochen. Ist E-Sailing eine Alternative für das Training?

Definitiv ja. Im Nachwuchsbereich wird es bereits sporadisch eingesetzt. Zum Erlernen von Taktik und Regelkunde eignet sich das Programm hervorragend. Zudem kann man damit die Abläufe in einem Rennen kennenlernen.

Glauben Sie, E-Sailing wird sich durchsetzen?

Davon bin ich überzeugt, wobei es das Segeln auf dem Wasser nie ersetzen kann, weil es dort einfach noch viel mehr Einflüsse und Faktoren gibt. Es wird eine weitere E-Sailing-Bundesliga geben. Außerdem wird momentan darüber nachgedacht, eventuell eine E-Sailing-Champions-League zu segeln.

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