Herr Böhme, wie geht es Ihnen?

Na ja, ich bin etwas verschnupft, aber sonst geht‘s mir gut nach diesen stressigen Tagen. Wir hatten bis vor einigen Tagen familienbedingt in der marokkanischen Hauptstadt Rabat gelebt, wo meine Frau für die KFW Entwicklungsbank arbeitet. Seit August habe auch ich fest dort mit ihr und unserem ein Jahre alten Sohn gewohnt, davor bin ich zwei Jahre lang gependelt.

Wo sind Sie denn jetzt gerade?

In unserer alten Wohnung in Frankfurt, die wir glücklicherweise noch immer haben. Wir sind quasi über Nacht aus Marokko ausgereist. Wir bekamen einen Anruf, dass am nächsten Tag die Grenzen dicht gemacht werden, sodass sich die damals noch wenigen Corona-Fälle nicht weiter ausbreiten. Dann haben wir zwei Koffer gepackt – und am nächsten Morgen waren wir in Frankfurt. Ich musste sogar mein Rad dort lassen, habe hier aber Gott sei Dank noch genügend andere. (lacht)

Immer im Sattel: Tim Böhme und sein Sohn.
Immer im Sattel: Tim Böhme und sein Sohn. | Bild: privat

Zuletzt haben Sie als digitaler Bundestrainer für den Bund Deutscher Radfahrer Talente im Indoor-Cycling gecastet und den Olympiasieger von übermorgen gesucht. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir haben das Training auf der Rolle, das die Leute seit 20 Jahren im Hobbykeller machen, professioneller aufgezogen. Da die Verbände Probleme haben, Nachwuchs zu finden, haben wir es „Germany‘s next Cycling Star“ genannt.

Zuhause Radfahren, das passt ja prima zur aktuellen Lage.

Wir hatten das vom Innenministerium geförderte Projekt eigentlich Ende Februar beendet und wollten eine Pause machen. Dann kam Corona – und jetzt gehen wir in die Verlängerung mit mindestens drei Trainingsprogrammen pro Woche: ein Workout, ein kurzes Radrennen und am Wochenende eine große Ausfahrt mit bis zu 500 Leuten. Das ist eine gute Alternative im digitalen Raum. Wir nennen es physical simulated E-Sports, das Radfahren sehr genau simuliert.

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Wie genau funktioniert das?

Man braucht nur eine gute Internetverbindung und ein Rad mit der entsprechenden Hardware und Software, einen so genannten Smarttrainer. Der simuliert die Strecke: Wenn es hochgeht oder auf Kopfsteinpflaster gefahren wird, wird es schwerer, bei Abfahrten wird es leichter. Es gibt unzählige Gimmicks, wie etwa die Neigung des Rades bei Steigungen oder eine Maschine, die Fahrtwind erzeugt.

Gefahren wird bei der amerikanischen App Zwift in zehn unterschiedlichen Welten, die meisten sind Nachbauten bekannter Rennen wie der WM letztes Jahr, Olympia 2012 in London oder dem New Yorker Central Park. Dann gibt es noch eine Fantasiewelt namens Watopia. Auf Zwift kann man für sich fahren, Workouts runterladen oder an Rennen teilnehmen. Es wird alle paar Minuten ein globaler Event angeboten. Wenn man abends trainiert, sind viele Amerikaner auf der Strecke, morgens dagegen die Asiaten. Je nachdem, wie viel Uhr es dort ist.

Tim Böhme (Bildmitte) beim Hegau-Bikemarathon 2016.
Tim Böhme (Bildmitte) beim Hegau-Bikemarathon 2016. | Bild: Jürgen Rössler

Sitzen seit dem Corona-Ausbruch mehr Menschen am Computer im Sattel?

Wesentlich mehr, die Zahl hat sich verdreifacht. Manchmal streiken sogar die Server. Sonst waren etwa 8000 Menschen gleichzeitig auf der Strecke, jetzt sind es oft über 20000.

Sie sind Vater, Bundestrainer und Chefredakteur eines Fachmagazins. Bleibt da überhaupt noch Zeit, um ab und an Ihre Eltern im Hegau zu besuchen?

Eigentlich wollten sie uns in Marokko besuchen, doch das ging wegen unserer Abreise nicht. Dann wollten wir zu ihnen fahren, doch auch das haben wir abgesagt. Sie sind knapp 70 und somit nah an der Risikogruppe.

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Corona hat vieles verändert. Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?

In erster Linie Gesundheit für die Menschen, und dass wir alles Gute aus der Krise mitnehmen. Ich habe das Gefühl, dass die Leute solidarischer sind, weniger Autofahren und umsichtiger miteinander umgehen. Der Spirit ist gut im Moment. Jetzt müssen wir einfach das Beste herausholen aus dieser schwierigen Lage.

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