Eine 19-jährige Auszubildende aus Rheinfelden fährt an ihren freien Wochenenden regelmäßig ins Ahrtal, um bei den Aufräumarbeiten nach der Flut im vergangenen Sommer zu helfen. Denn auch sechs Monate nach der Katastrophe müssen viele Menschen in Zelten leben und warten noch immer auf zugesagte Hilfsgelder.

Wohl die meisten jungen, berufstätigen Leute entspannen sich am Wochenende beim Treffen mit Gleichgesinnten, treiben Sport oder erholen sich beim Chillen auf der Couch von der anstrengenden Arbeitswoche. Doch Celina Steinegger hat an ihren freien Wochenenden eine andere Aufgabe für sich entdeckt. Zwei Arbeitskollegen haben sie auf diese Freizeitbeschäftigung gebracht, wie sie sagt. Danach hat Celina Steinegger ihren Bruder davon überzeugt, sie zu unterstützen.

450 Kilometer ins Ahrtal

Celina Steinegger steigt am späten Freitagnachmittag gern ins Auto, um die 450 Kilometer ins Ahrtal im Landkreis Ahrweiler zu fahren. Erst am Sonntagabend wird sie wieder zurück in Rheinfelden sein. Das Ahrtal wurde im Sommer besonders hart vom Hochwasser getroffen. Die Verwüstung, die das Hochwasser hinterlassen hat, ist auch sechs Monate nach der Katastrophe noch deutlich sichtbar.

Das könnte Sie auch interessieren

Deshalb hilft die 19-Jährige ehrenamtlich bei den Aufräumarbeiten – und das regelmäßig seit Mitte September. Vier Mal war sie schon im freiwilligen Einsatz. „Es ist krass real mit anzusehen, wie schlimm die Hochwasserkatastrophe ihre Spuren hinterlassen hat. Da sind Menschen, die haben alles verloren, ihr ganzes Hab und Gut, sie stehen vor dem Nichts“, sagt Steinegger.

Auch sechs Monate nach der Flutkatastrophe im Ahrtal sind die Spuren noch deutlich sichtbar.
Auch sechs Monate nach der Flutkatastrophe im Ahrtal sind die Spuren noch deutlich sichtbar. | Bild: Boris Roessler

Zwar hätten einige noch ihr Haus, oder Hausteile, aber es ist nicht mehr bewohnbar. „Die Fenster sind raus, alles ist voll mit Schlamm, Einsturzgefahr besteht.“ Wer keine Zuflucht bei Verwandten oder Freunden gefunden habe, lebt in einem riesigen Zelt. „Als Lager sind zweistöckige Feldbetten da, man ist von den anderen Mitbewohnern lediglich mit einer Folie getrennt.“ Auch seien inzwischen Container aufgestellt, beschreibt Steinegger die Situation.

Arbeitskollege bringt 19-Jährige auf die Idee

Die junge, engagierte Frau ist aktuell noch Auszubildende bei der Evonik in Rheinfelden. Sie erlernt den Beruf der Elektronikerin für Automatisierungstechnik. Auf die Idee im gebeutelten Ahrtal zu helfen hat sie ein Ausbildungskollege gebracht. „Er hat im Radio den Aufruf zum Helfen gehört, er nahm eine Woche Urlaub und stellte im Ahrtal seine Arbeitskraft zur Verfügung. Wieder in Rheinfelden zurück, machte er mir dieses soziale Engagement schmackhaft. „Da helfe ich mit“ ist wie sie erzählt ihr spontaner Gedanken gewesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Zusammen mit zwei Arbeitskollegen und Bruder Raphael wollte das Quartett beim Autohaus Anti in Schopfheim-Langenau einen Kombi mieten. Doch die vier jungen Leute mussten dafür nichts bezahlen: „Als der Autohändler hörte, wofür wir den Wagen benötigen, hat er ihn gratis zur Verfügung gestellt“, sagt Steinegger.

Hilfe im Helfer-Shuttle

Vollbepackt mit Werkzeug und Arbeitskleidung – Schutzbrillen und Handschuhe gab es von Ausbilder Evonik dazu – fuhren die vier nach Grafschaft im Kreis Ahrweiler im Norden von Rheinland-Pfalz. Im „Helfer Shuttle“ – das ist eine private Initiative von Ahrtaler Unternehmern, die ihre Heimat wieder aufbauen wollen – registrierten sich die Rheinfelder. „Mehr als 100.000 helfende Hände sind dort bislang registriert“, erklärt Steinegger. Auch die Helfer leben während ihres Einsatzes auch in dem riesigen Zelt.

Frühmorgens werden sie eingeteilt und mit dem Shuttle-Bus zu den Standorten gefahren. „Ich und weitere 24 Frauen und Männer kamen zu einem Einfamilienhaus, das war voller Schlamm und durchweichten Wänden.“ Dort haben die Helfer den Putz von den Wänden sowie Decke und Boden entfernt.

Das könnte Sie auch interessieren

Der Hauseigentümer ist seelisch und körperlich angeschlagen, er schaute laut Steinegger mal vorbei und freute sich dennoch, dass es Menschen gibt, die helfen und Hoffnung bringen. Nicht nur für Celina Steinegger hat dieser Einsatz den Zauber der Verbundenheit und des Neubeginns. Sie erzählt von vielen Begegnungen, von Menschen aus ganz Deutschland, der Schweiz und Österreich, die im Ahrtal im Einsatz sind.

Ihr Bruder ist nach dem zweiten Wochenendeinsatz im Ahrtal geblieben. Er ist gelernter Maurer und nun seit zwei Monaten im Helfereinsatz. Dort arbeitet er täglich bis zu zwölf Stunden. „Er hat vor ganz im Ahrtal zu bleiben, er will dort sesshaft werden“, sagt Steinegger. Sie selbst will zusammen mit den Arbeitskollegen Marcus Kalder und Victoria Huber zu weiteren Wochenendeinsätzen 450 Kilometer ins Ahrtal und zurück nach Rheinfelden fahren. Denn für ihre eigene Zukunft wird sie schon bald ihre Abschlussprüfung zu bewältigen haben.