Herr Hofmeier, Raub ist ein Verbrechen. Können Sie erklären, warum die Figur des Räubers so sympathisch ist?

Wir sind eine friedliche Truppe, die eigentlich vom Räuberschlössle kommt. Unser Maskengesicht hat jedoch durchaus zwei Seiten. Es lacht auf der einen Seite, auf der anderen Seite ist es böse. Wir haben auch schon Räubereien gemacht, beispielsweise in einer Wirtschaft Specksaiten abgehängt oder auch einmal ein Fass Bier geraubt. So ein Fetz gehört dazu, aber wir sind natürlich nicht auf Raubzüge aus und haben anschließend selbstverständlich alles gezahlt.

Also gehören Sie doch zu den sympathischen Räubern, wie sie in Kinderbüchern auftauchen?

Ja, wie Räuber Hotzenplotz, oder es gibt ja auch einen Robin Hood. Der hat gegen die Hoheiten angekämpft und ein bisschen macht das Fasnacht ja auch: Mal die Wahrheit sagen, so wie das die Bürger sehen. Da ist schon so ein Auflehnen gegen die Politik dabei. Etwas aufmüpfig sein gehört eben dazu.

Wenn Sie hier in Gündelwangen im fasnachtlichen Sinn aufmüpfig sind, was nehmen Sie dann aufs Korn?

Hier geht es natürlich um die Breitbandversorgung. Oder damals um den Funkmast, als der allen Leuten Kopfweh bereitet hat, obwohl er noch gar nicht angeschlossen war. Wenn ein Zehender Bruno in der Bütt ist, dann nimmt er das Moderne her und hinterfragt es. Jetzt haben wir gar nicht mehr so viel, gegen was wir ankämpfen können. Wir bekommen schnelles Netz, der Farrenstall wird gemacht, wir haben einen Dorfplatz. Dafür war diesmal die Weltpolitik dran: Beim Zunftabend hatten wir den amerikanischen Präsidenten Trump am Marterpfahl.

Sie sind seit 40 Jahren Mitglied der Räuberzunft und mit einer Unterbrechung auch Jahrzehnte Vorsitzender. Was bedeutet das für Sie emotional?

Ich bin von Kindesbeinen an bei der Fasnacht. Als ich gerade laufen konnte, hat uns der Vater mitgenommen. Ich bin immer in irgendein Kostüm reingesteckt worden und war auf dem Motivwagen oder bei der Fußgruppe dabei. Das prägt. Die Räuber sind nicht nur ein Verein, das ist ein Lebensinhalt. Es ist für mich wichtig, in dem Verein mein Bestes zu geben. Das ist kein Hobby, das ist fast eine Berufung und gehört zu mir.

Was genau hängt alles an dieser Funktion?

So viele Aktionen haben wir ja nicht. Ich sehe dennoch Vereinsleben heute als eine Sache an, die schwieriger wird. Die Jugend will kein Ehrenamt mehr übernehmen. Man ist viel freier als früher. Man war damals im Verein, damit man abends wegkonnte, da haben die Eltern einen nicht mitten in der Nacht irgendwo abgeholt. Es gibt natürlich heute Vereine, wie die Guggenmusik, da steht neben der Musik im Vordergrund, dass die Jungen fortkönnen, teils bis zu 20 Mal pro Saison. Wir gehen zwar auch zu Narrentreffen, bei uns ist aber vor allem die Fasnacht am Ort wichtig. Wenn die Saison nämlich lang ist, dann haben diejenigen, die immer weg sind, an der eigentlichen Fasnacht weniger Interesse.

Auffällig war beim Zunftabend, dass sehr viel Jugend mitgemacht hat. So schlecht steht es also doch gar nicht.

Die Jungen sind bei diesen Gelegenheiten ganz gerne dabei. Die Bühne reizt. Das geht meist bis zu einem gewissen Alter, dann kommt die Hemmschwelle. Dennoch freue ich mich sehr über die Jungen, dass Julia Risle-Schaller und Linus Sedlak beispielsweise die Moderation übernommen haben.

Welche Bedeutung haben die Räuber für das Dorf?

Mir und uns war es immer ein großes Anliegen, dass man mit den anderen Vereinen klarkommt. Das funktioniert derzeit wunderbar. Und für die Fasnacht selbst sind wir der zweite Verein im Dorf. Eigentlicher Veranstalter der Gündelwanger Fasnacht ist der Narrenrat. Wir stimmen uns ab und helfen auch. Ansonsten stellen wir die ersten Fasnachtsfigur, den Räuber. Wir sind seit 1983 in der Kleggauvereinigung, haben darüber zwei oder drei Veranstaltungen, die Pflicht sind. Man trifft sich bei Narrentreffen, da sind Freundschaften gewachsen. Und die Narrenzünfte aus dem Verband bereichern unter anderem als Gäste unseren Zunftabend.

Sie haben als Räuberhauptmann Ihre ganze Familie mitgenommen.

Ja. Ich war ja schon Vorstand, als ich geheiratet habe. Meine Frau ist von Bonndorf und passives Pflumeschlucker-Mitglied. Bei uns ist sie aktiv. Für mich war das obligatorisch, dass sie zu den Räubern kommt. Und unsere Kinder sind reingewachsen. Unser Jüngster, der Pascal, der ja ein Down-Syndrom hat, ist der größte Fasnachtsnarr. Von der Bühne kennt er alle Programmpunkte auswendig und er kennt jeden.

Dass die ganze Familie dabei ist, war sicher für diese Integration hilfreich.

Ja, sehr. Wenn ich mir vorstelle, wie das in anderen Vereinen oft ist, wenn ich jeden Sonntag Fußballspielen würde und die Frau ist vielleicht nicht so begeistert dabei, wäre es schon schwierig. Aber ich hätte auch die Zeit nicht. Als unser Sohn vor 17 Jahren auf die Welt gekommen ist, habe ich lange Arbeitszeiten von neun oder zehn Stunden täglich reduziert und meine Ausbildung gemacht als Sicherheitsfachkraft, damit ich mehr Zeit habe. Pascal ist gerne um uns herum und er braucht auch mich. Das fordert er auch ein und das ist in Ordnung so.

Ist es Ihnen sehr schwer gefallen, sich auf die besondere Situation einzustellen?

Am Anfang habe ich gesagt, wieso trifft das uns? Jetzt sage ich, warum nicht uns? Für uns war damals schnell klar, alles so normal wie möglich zu machen. Er ist ein Sonnenscheinkind. Pascal gibt mehr zurück, als wir ihm geben können. Ich verurteile auch maßlos, dass man im Frühstadium der Schwangerschaft feststellen will, ob es ein Kind mit Down-Syndrom ist. Ich kenne etliche Kinder durch seine Schule in Neustadt, in der ich Elternbeiratsvorsitzender bin. Das sind alles Sonnenscheinkinder. Sie tragen eine große Herzlichkeit in sich, haben keine Vorurteile und verschenken ihre Sympathie und Liebe bedingungslos.

Fragen: Gudrun Deinzer

Zur Person

Georg Hofmeier, 55, ist Zunftmeister der Räuber in Gündelwangen. Als Vereinsmensch ist ihm das Miteinander der Vereine im Dorf ein großes Anliegen. Auch die übergreifende Zusammenarbeit beim Narrentreffen in Bonndorf mit Dillendorf und Wittlekofen trieb er entscheidend mit voran. Der Vater von zwei Kindern arbeitet bei Südstern im Großeinkauf und als Fachmann für Arbeitssicherheit und Umweltschutz. (gud)