Mittwochmorgen, 1. Juni 2022: Auf dem Bahnsteig der Haltestelle Petershausen in Konstanz finden sich kurz vor 7 Uhr immer mehr Personen ein, die meisten von ihnen sind mit Aktentaschen oder Rucksäcken unterwegs. Um punkt 7.56 Uhr fährt der Seehas Richtung Engen ein. Der von den Schweizerischen Bundesbahnen betriebene Nahverkehrszug ist um diese Uhrzeit bereits gut gefüllt, doch noch einige Sitzplätze sind frei.

Seehas beim Bahnhof Petershausen in Konstanz.
Seehas beim Bahnhof Petershausen in Konstanz. | Bild: Marcel Jud

Das erstaunt. Denn es ist der erste Geltungstag des Neun-Euro-Tickets: Von heute an kann bis Ende August für neun Euro im Monat der gesamte Nahverkehr in Deutschland genutzt werden. Genau weil Reisen mit dem Zug dadurch um einiges günstiger und attraktiver wird, warnten Kritiker im Vorfeld vor chaotischen Zuständen.

Doch zumindest im Seehas ist an diesem Morgen von Chaos keine Spur: Während an den Zugfenstern zuerst die Konstanzer Stadtteile und dann die idyllischen Bodenseegemeinden Allensbach, Reichenau und Radolfzell vorbeiziehen, herrscht drinnen angenehme Ruhe. Jeder, der zusteigt, findet einen Sitzplatz, wenn er will. Manche schlafen, andere hören Musik, tippen auf ihrem Handy herum oder reden mit ihren Mitfahrenden. Eine durch und durch normale Zugfahrt an einem Arbeitstag, so scheints.

Das bestätigt auch Peter Wettering, der von Konstanz aus an seinen Arbeitsort im Singener Industriegebiet pendelt. „Der Zug ist immer so voll wie jetzt, es ist überhaupt nicht anders wie sonst“, sagt der 65-Jährige, der sich bereits ein Neun-Euro-Ticket gekauft hat. Er fände das natürlich ein gutes Angebot, da er dadurch Geld spare.

Peter Wettering, 65, fährt als Pendler täglich von Konstanz aus nach Singen.
Peter Wettering, 65, fährt als Pendler täglich von Konstanz aus nach Singen. | Bild: Marcel Jud

Aber restlos begeistert ist Wettering nicht, wie er betont: „Ich glaube nicht, dass das der Bahn groß zugute kommt. Sie sollten lieber anderes anpacken: Die Zugausfälle und Verspätungen und die defekten Toiletten, gerade hier im Seehas.“

Außerdem fände er es „einen Quatsch“, wenn jetzt Leute mit dem Neun-Euro-Ticket teilweise bis nach Sylt fahren würden. Die Auswirkungen des verbilligten Reisens werde man wohl erst in ein paar Tagen merken, mit vielleicht überfüllten Zügen, ist der Pendler überzeugt.

Doch noch ist der Ansturm von Reisewütigen auf dieser Bahnstrecke ausgeblieben: Nur ganz vereinzelt sind im Seehas Rollkoffer oder Reisetaschen zu sehen. Die meisten anderen Passagiere sind Pendler oder Schüler und Azubis. Am Singener Bahnhof dann warten auf Bahnsteig eins mehr mit Gepäck beladene Reisende auf die Gäubahn, die von hier über den Schwarzwald bis nach Stuttgart fährt.

Die Gäubah kurz vor ihrer Abfahrt vom Bahnhof Singen am Mittwoch, 1. Juni 2022, dem ersten Geltungstag des Neun-Euro-Tickets.
Die Gäubah kurz vor ihrer Abfahrt vom Bahnhof Singen am Mittwoch, 1. Juni 2022, dem ersten Geltungstag des Neun-Euro-Tickets. | Bild: Marcel Jud

Genau auf dieser Strecke, warnte im Vorfeld der Fahrgastverband Pro Bahn, werde es zu einem Gedränge infolge des Neun-Euro-Tickets kommen.

Auch die Gäubahn ist pünktlich, eine rund sechsminütige Verspätung wird sie erst später bei Tuttlingen einfahren. In Singen jedenfalls rollen um punkt 8.35 Uhr die Wagen des Regionalzuges der Deutschen Bahn los. Von Enge kann in den Großraumabteilen dabei keine Rede sein: Platz hat es mehr als genug.

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Auch für den Schaffner scheint der Dienst ruhig zu verlaufen: Er ermahnt einen zugestiegenen Gast, dass das Tragen einer Corona-Schutzmaske nach wie vor Vorschrift ist und weist einzelne Fahrgäste darauf hin, dass es doch günstiger wäre, ein Neun-Euro-Ticket zu kaufen als eine normale Fahrkarte, die sie ihm hinhalten.

Und so tuckert die Gäubahn gemütlich dahin bis nach Rottweil. Auch am Bahnhof der ältesten Stadt Baden-Württembergs ist rein gar nichts von den befürchteten chaotischen Zuständen zu sehen, die das Neun-Euro-Ticket auslösen sollte. Im Gegenteil: Auf den Bahnsteigen herrscht – von einzelnen Reisenden abgesehen – um kurz vor 9.30 Uhr beinahe gähnende Leere.

Der Bahnhof Rottweil.
Der Bahnhof Rottweil. | Bild: Marcel Jud

Sie füllen sich erst etwas, als mit fünfminütiger Verspätung um 9.49 Uhr Wagen der Schweizerischen Bundesbahn anrollen, die auf der Gäubahn-Strecke ab Stuttgart ebenfalls zum Einsatz kommen und bis nach Zürich fahren. Auch jetzt hat es wieder mehr als genug Platz – sowohl für die Fahrgäste, die teilweise seit Stuttgart schon an Bord sind, wie für die neu Zugestiegenen.

Die Fahrt zurück nach Singen unterscheidet sich zunächst nicht groß von jener in entgegengesetzter Richtung: Viele Fahrgäste schlafen, hören Musik oder arbeiten emsig auf ihrem Laptop. Das einzige was anders ist als im Regionalzug der Deutschen Bahn: Im Schweizer Zug ist kein W-Lan verfügbar.

Ein Wagen der Schweizerischen Bundesbahnen, der auf der Gäubahn-Strecke verkehrt.
Ein Wagen der Schweizerischen Bundesbahnen, der auf der Gäubahn-Strecke verkehrt. | Bild: Marcel Jud

Eine Sprecherin der Deutschen Bahn wird später gegenüber dem SÜDKURIER von einem ruhigen Betriebsstart in den ersten Tag des Neun-Euro-Tickets im gesamten Nahverkehr sprechen – in der Region ist auch aus dem Bodenseekreis und dem Kreis Waldshut Ähnliches zu vernehmen. Zumindest auf der Fahrt mit der Gäubahn von Rottweil zurück nach Singen passiert dann doch noch etwas unerwartetes: Auf Höhe Rietheim-Weilheim bleibt der Zug auf einmal stehen.

Der Grund: Ein Autofahrer hatte kurz zuvor versucht, die sich schließende Bahnschranke noch schnell zu passieren. Dabei beschädigte er die Schranke, konnte jedoch „in letzter Sekunde wegfahren“, bevor der Zug eintraf, wie ein Schaffner später erklären wird, als der Zug wieder anrollt. Zunächst aber geht für über eine Stunde nichts.

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Die Fahrgäste dürfen derweil aussteigen, um auf dem Bahnsteig frische Luft zu schnappen. Unter ihnen ist auch Asmait Sarah Abraha. Die Stuttgarterin ist aus beruflichen Gründen auf dem Weg in die Schweiz, wie sie erklärt. Das Neun-Euro-Ticket habe ihr Arbeitgeber besorgt. „Das wäre auch in diesem Zug gültig? Das wusste ich nicht, ich habe mir für die Fahrt extra ein Ticket besorgt“, sagt die 25-Jährige erstaunt, als man sie darauf hinweist, dass das Neun-Euro-Ticket auch auf der Gäubahn-Strecke zwischen Singen und Stuttgart gilt.

Asmait Sarah Abraha, 25, aus Stuttgart.
Asmait Sarah Abraha, 25, aus Stuttgart. | Bild: Marcel Jud

Aber gut, dann wisse sie das in Zukunft, sagt Abraha und lacht. Das Neun-Euro-Ticket jedenfalls sei eine gute Sache. „Das wurde auch allerhöchste Zeit, die Tickets sind viel zu teuer. Vor allem für Studenten und junge Leute ist das eine gute Sache.“ Ähnlich wie andere Fahrgäste auf dem Bahnsteig denkt aber auch die 25-Jährige, dass es am Pfingstwochenende voller sein wird.

Bahn verspricht mehr Zugfahrten und Personal

Davon geht auch die Deutsche Bahn aus, wie eine Sprecherin erklärt. Man rechne damit, dass es an den bevorstehenden Feiertagswochenenden und während der Sommermonate „vor allem entlang touristischer Strecken ein höheres Fahrgastaufkommen geben kann.“ Auf die Frage, wie sich die Bahn auf den möglichen Andrang vorbereite, verweist sie auf ein Statement des Bahn-Konzernsprechers, der sagte, die Bahn werde deutschlandweit 250 zusätzliche Zugfahrten im Nahverkehr anbieten und mehr Mitarbeiter einsetzen.

An diesem Mittwochmorgen jedoch bleibt es im Bahnverkehr ruhig. Auch in der Gäubahn, als diese nach dem erzwungenen Aufenthalt in Rietheim-Weilheim ihre Fahrt nach Singen fortsetzt. Dort trifft kurze Zeit später die Schwarzwaldbahn ein, die zurück nach Konstanz fährt. Sie hat einige Passagiere mehr geladen. Aber auch hier findet jeder einen Platz, mit oder ohne Neun-Euro-Ticket.

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