Sie fahren mit dröhnenden Motoren durch die Städte, lassen die Reifen quietschen und setzen sich und ihre fahrbaren Untersätze in Szene: Das Phänomen der sogenannten Autoposer ist schon lange in Südbaden angekommen – zuletzt sorgte die Szene jedoch immer häufiger für Ärger.

Wer sind die PS-Fans, die die Region zwischen Bodensee und Schwarzwald auf Trab halten? Was treibt sie an und warum spitzte sich der Konflikt zwischen ihnen, Politik und Polizei in den vergangenen Wochen und Monaten zu? Ein Überblick.

Bisher lag der Schwerpunkt der Tuning-Szene in Singen rund um die Georg-Fischer-Straße (hier die Industriestraße in Singen). Am Samstag, 5. Juni, haben sich die Autofans in Konstanz getroffen und für großen Unmut gesorgt.
Bisher lag der Schwerpunkt der Tuning-Szene in Singen rund um die Georg-Fischer-Straße (hier die Industriestraße in Singen). Am Samstag, 5. Juni, haben sich die Autofans in Konstanz getroffen und für großen Unmut gesorgt. | Bild: Tesche, Sabine

Von Singen in den Schwarzwald

Für die Stadt Singen ist die Konfrontation mit den Autoposern alles andere als neu. Bereits seit mehreren Jahren fahren die hochmotorisierten Wagen regelmäßig durch die Hegaustadt und strapazieren Ohren und Nerven von Anwohnern und Behörden.

Die Infrastruktur mit Tankstelle und Drive-In-Schnellrestaurants hat die Tuningszene nach Singen gelockt. Die breiten Straßen und die Kreisverkehre wirken wie Laufstege. Doch die Anwohner leiden.
Die Infrastruktur mit Tankstelle und Drive-In-Schnellrestaurants hat die Tuningszene nach Singen gelockt. Die breiten Straßen und die Kreisverkehre wirken wie Laufstege. Doch die Anwohner leiden. | Bild: Trautmann, Gudrun

Zuletzt dämpfte auch Corona die Singener Tuning-Szene. Zudem sorgten verschärfte Polizeikontrollen und eine Stadtverordnung dafür, dass es am traditionellen Car-Freitag kurz vor Ostern ruhig blieb in Singen.

Am Karfreitag trafen sich trotz städtischer Verfügung Auto-Poser zur Saisoneröffnung zum Car-Freitag in der Singener Südstadt. Das Tempolimit von 30 km/h schien einige aber nicht zu stören.
Am Karfreitag trafen sich trotz städtischer Verfügung Auto-Poser zur Saisoneröffnung zum Car-Freitag in der Singener Südstadt. Das Tempolimit von 30 km/h schien einige aber nicht zu stören. | Bild: Trautmann, Gudrun

Dafür verlagerte sich die Szene in den Schwarzwald. Bis zu 400 Poser gaben Vollgas am späten Abend des Car-Freitag und waren in Villingen-Schwenningen, Hüfingen und Richtung Hegau unterwegs.

Tiefergelegt und mit Heckflügel. Zwei Poser besprechen sich auf einem Parkplatz am beim Messegelände in Villingen, wohin sie als nächstes fahren.
Tiefergelegt und mit Heckflügel. Zwei Poser besprechen sich auf einem Parkplatz am beim Messegelände in Villingen, wohin sie als nächstes fahren. | Bild: Trippl, Norbert

Anfang Juni tritt die Tuning- und Poserszene im Kreis Konstanz plötzlich massiv auf

Im Juni eskalierte die Lage in Singen und Konstanz. Am Samstagabend, 5. Juni sorgten hunderte Fans hochmotorisierter Fahrzeuge an mehreren Orten für Einsätze. Am frühen Abend fielen die Fahrzeuge laut Polizei zuerst im Stadtgebiet von Singen auf: Über 300 hochmotorisierte Autos störten den Betrieb der Geschäfte am Einkaufszentrum EKZ und ließen sich mit Campingausrüstung, Grills und Shisha-Pfeifen nieder. Der Aufforderung, den Parkplatz zu räumen, sei nur zögerlich Folge geleistet worden. Ein großer Teil der Wagen habe eine Schweizer Zulassung gehabt. Weiter ging es nach Stockach: Über die B 33 und die A 98 fuhren die Wagen ins Stockacher Stadtgebiet.

Am Samstag, 5. Juni, waren hunderte hochmotorisierten Autos in Konstanz unterwegs.
Am Samstag, 5. Juni, waren hunderte hochmotorisierten Autos in Konstanz unterwegs. | Bild: Petra Geusch-Leuthe

Das nächste Ziel der Szene war die Konstanzer Straßen: Ab 23 Uhr tauchten laut Polizei erste Fahrzeugkolonnen im Stadtgebiet von Konstanz auf. Es strömten so viele Autos in die Stadt, dass es nachts zu einem Stau kam – nach Angaben der Polizei machten sich rund 500 Poser auf den Straßen breit.

Sie seien Schlangenlinien gefahren, hätten Reifen quietschen, den Auspuff knallen und den Motor aufheulen lassen: 'Das war an den Grenzen von Terror', klagt eine Anwohnerin aus dem Konstanzer Stadtteil Wollmatingen.

Wie ein böser Spuk: Michaela Tartsch berichtet, wie vier Mann eines Poserautos durch ihr Gartentor kamen, und einfach in ihren Garten an der Friedrichstraße urinierten.
Wie ein böser Spuk: Michaela Tartsch berichtet, wie vier Mann eines Poserautos durch ihr Gartentor kamen, und einfach in ihren Garten an der Friedrichstraße urinierten. | Bild: Rindt Claudia

Auch die Anwohner der Singener Südstadt fühlten sich angesichts der andauernden Probleme mit Lärm und illegalen Auto-Rennen und manipulierten Fahrzeugen machtlos.

Die Araltankstelle in der Singener Südstadt ist in der Singener Tuningszene Dreh- und Angelpunkt. Hier kontrollieren Polizeibeamte die auffälligen Felgen eines Auto-Posers.
Die Araltankstelle in der Singener Südstadt ist in der Singener Tuningszene Dreh- und Angelpunkt. Hier kontrollieren Polizeibeamte die auffälligen Felgen eines Auto-Posers. | Bild: Trautmann, Gudrun

Nach dem Katz- und Maus-Spiel zwischen der deutschen Polizei und großteils Schweizer Posern hatte sich der SÜDKURIER in der Szene beiderseits des Rheins umgehört, warum Südbaden so eine große Anziehungskraft gerade auf schweizerische Autoliebhaber ausübt.

Der Schweizer Dosif Mahilvathanan (r.) führt im Kanton Schwyz eine Old- und Youngtimer-Werkstätte. Mit seinem besten Freund Marino Boss ist er gelegentlich in Singen unterwegs.
Der Schweizer Dosif Mahilvathanan (r.) führt im Kanton Schwyz eine Old- und Youngtimer-Werkstätte. Mit seinem besten Freund Marino Boss ist er gelegentlich in Singen unterwegs. | Bild: René Laglstorfer

Singen zeigt Tuning-Szene die Rote Karte

Nach diesen Erfahrungen griff Singen durch: Die Stadt-Verwaltung verbot Tuning-Treffen durch eine Allgemeinverfügung für das Stadtgebiet. Singens OB Bernd Häusler verteidigte die harten Maßnahmen. Sein Konstanzer Amtskollege Uli Burchardt kann sich ein ähnliches Vorgehen vorstellen.

Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler und das Überlinger Szenemitglied Mateusz Ostrozny trafen bei einem Tuningtreffen in der Singener Südstadt aufeinander.
Singens Oberbürgermeister Bernd Häusler und das Überlinger Szenemitglied Mateusz Ostrozny trafen bei einem Tuningtreffen in der Singener Südstadt aufeinander. | Bild: René Laglstorfer

Die Poserszene dachte nach dem Verbot über Protestmaßnahmen nach – und Konstanzer Behörden bereiteten sich auf eine mögliche Verlagerung vor. Der SÜDKURIER hat sich in der Szene umgehört und mit der Polizei und Vertretern der Städte Singen und Konstanz gesprochen.

Und wie wirkte das Verbot?

Die Einsatzkräfte zogen am 14. Juni, nach dem ersten Wochenende unter neuen Vorgaben, eine positive Bilanz: Die Maßnahmen gegen die ausufernden Treffen von Rasern und Autoposern zeigten Wirkung.

Szenen von einem ruhigen Tuning-Samstag in Singen am 12. Juni.
Szenen von einem ruhigen Tuning-Samstag in Singen am 12. Juni. | Bild: Tesche, Sabine

Am Wochenende vom 18. bis 20. kontrollieren bei einem Doppel-Einsatz in Singen Beamte des Polizeipräsidiums Konstanz und der Kantonspolizei Zürich gemeinsam mit Spezialisten des TÜVs rigoros Poser-Autos und ziehen 17 Fahrzeuge aus dem Verkehr. Etliche der Fahrzeuge kamen von weiter her, wie aus dem Raum Zürich.

Friedrichshafen ist ein weiterer Hotspot der Szene

Auch in Friedrichshafen fühlen sich Anwohner seit Jahren durch laute Motoren und Raserei belästigt. Wie schätzen Polizei und Stadt die Situation dort ein? Anwohner betonen das Angebot zum Dialog mit der Szene: „Es bringt doch nichts, wenn wir nicht miteinander reden. Wir möchten eine echte Lösung finden.“

Diese Parkplatzausfahrt in Friedrichshafen dient den Autoposern als Start- und Zieleinfahrt für ihre Showfahrten.
Diese Parkplatzausfahrt in Friedrichshafen dient den Autoposern als Start- und Zieleinfahrt für ihre Showfahrten. | Bild: Lena Reiner

Und wie sieht es am Hochrhein aus?

Wie geht es jetzt weiter? Nachdem Singen und Konstanz den Autoposern den Kampf angesagt haben, befürchten Experten, dass dadurch das Problem nicht gelöst, sondern lediglich an andere Orte verlagert wird. Sucht sich die Szene jetzt erneut alternative Treffpunkte im Südwesten? In den Kreisen Waldshut und Lörrach zeigt sich die Polizei jedenfalls auf mögliche Probleme mit Auto-Posern vorbereitet.