Der Weg zur Arbeit, ein Büro zusammen mit Kollegen, gemeinsames Mittagessen in der Kantine, mal ein Feierabendbier: So sah die Arbeitswelt früher aus, vor Corona. Anna Bunkart kennt das nur aus Erzählungen. Sie ist 25 Jahre alt und hat im März ihren ersten Job im Bereich Marketing und Kommunikation beim Outdoorhersteller Vaude angefangen. Im Firmensitz in Tettnang war sie vor allem, um ihren Laptop und andere Arbeitsmaterialien fürs Homeoffice abzuholen. „Auch das Vorstellungsgespräch vor Weihnachten war wegen Corona schon virtuell“, sagt Bunkart.

Kein Small Talk, keine Kantine?

Groß war damals ihre Erleichterung, in Krisenzeiten direkt nach dem Studium einen guten Job gefunden zu haben. Groß waren aber auch die Sorgen, wie das wohl werden würde: Irgendwo neu anfangen, ohne einen einzigen Kollegen persönlich zu kennen. Ohne die Unternehmenskultur in der Kantine oder beim Small Talk auf dem Flur zu erleben. Allein zu Hause zu arbeiten. Niemanden im Büro sitzen zu haben, den man all die Dinge fragen kann, die man als Neuling noch nicht weiß.

Kündigungen während Pandemie gestiegen

Onboarding im Homeoffice oder Remote-Start nennen Experten den Jobbeginn, der seit 14 Monaten für viele Arbeitnehmer zur neuen Realität geworden ist. Und der Arbeitgeber vor eine große Herausforderung stellt. „Fluktuation und auch Kündigungen sind während der Pandemie eher gestiegen als gesunken, weil viele Mitarbeiter mit diesem Einstieg nicht zurecht kommen“, sagt Wirtschaftspsychologe Dieter Frey, der das Zentrum für Personalführung und –management an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet.

Thomas Michahelles arbeitet seit Kurzem bei wetter.com in Konstanz
Thomas Michahelles arbeitet seit Kurzem bei wetter.com in Konstanz | Bild: Südkurier

Denn in den ersten Wochen im neuen Job entscheiden sich Einstellung, Engagement und Identifikation des neuen Mitarbeiters mit dem Unternehmen. „Macht der Mitarbeiter hier negative Erfahrungen und läuft das nicht professionell ab, lässt sich das schwer wieder ändern und die Kündigungsabsicht steigt“, sagt Frey.

Online immer ansprechbar

Bei Thomas Michahelles ist der Jobwechsel unter Pandemiebedingungen geglückt. Im Oktober hat er beim Wetteranbieter wetter.com mit Sitz in Konstanz und München seine neue Stelle als Manager im Bereich Geschäftsfeldentwicklung angetreten und sitzt seitdem im Homeoffice. „Meine Einarbeitung war sehr gut vorbereitet. Die Kollegen waren online immer ansprechbar, deshalb habe ich mich schnell an alles gewöhnt“, erinnert sich Michahelles.

Etwas länger als bei früheren Jobs habe es im Homeoffice gedauert, die Unternehmenskultur kennenzulernen, zu verstehen, warum bestimmte Dinge laufen, wie sie laufen. „Aber unsere interne Kommunikation funktioniert sehr gut, zudem gibt es immer mal wieder digitale Treffen im größeren Kreis und so fügt sich das Puzzle dann auch“, sagt Michahelles.

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Wie schafft man es, einem Mitarbeiter den Geist seines neuen Unternehmens näherzubringen, wenn er dieses noch nie betreten hat? Wie werden Kollegen zu mehr als nur Fotos in einem Videochat? Dieter Frey zufolge müssen sich die Firmen ein Konzept überlegen, um Mitarbeiter auch aus dem Homeoffice heraus mit ins Boot zu holen. „Bei unserer Forschung haben wir gesehen, dass Paten oder Mentoren gut funktionieren“, sagt der Wirtschaftspsychologe.

Vom ersten Arbeitstag an ist dabei ein gleichgestelltes Teammitglied oder eine Führungskraft für alle Fragen des neuen Mitarbeiters zuständig. Sie führt ihn ans Team und an die Unternehmenskultur heran und hält in den ersten Wochen täglich Kontakt. Gefordert sei aber auch der neue Mitarbeiter selbst. „Er muss sich aktiv vorstellen, berichten, was er in der Vergangenheit getan hat und wofür er jetzt zuständig ist“, sagt Frey.

Anna Bunkart: Seit Kurzem neu beim Outdoor-Ausrüster Vaude in Tettnang.
Anna Bunkart: Seit Kurzem neu beim Outdoor-Ausrüster Vaude in Tettnang. | Bild: Bunkart

Anna Bunkart hat an ihrem ersten Arbeitstag ihren Teamleiter am Vaude-Firmensitz in Tettnang getroffen, als sie dort ihren Laptop abgeholt hat. „Das war natürlich alles mit Maske und Abstand, aber trotzdem hat der persönliche Kontakt gut getan“, sagt Bunkart. Der Teamleiter ist es auch, der sich in den ersten Tagen täglich mit ihr zu virtuellen Meetings trifft, um Aufgaben mit ihr zu besprechen. „Er hat aber auch immer gefragt, wie es mir so geht im Homeoffice.“

Auch der Rest des Teams habe sie sehr herzlich aufgenommen. „Alle sind in der ersten Woche an unterschiedlichen Tagen ins Büro gekommen, damit wir uns persönlich kennenlernen konnten“, sagt Bunkart. Der persönliche Austausch sei auch ein wichtiger Teil der fast täglichen Videokonferenzen. Auch die Geschäftsführung hält die Mitarbeiter über Entwicklungen wöchentlich auf dem Laufenden, um trotz Distanz nahbar zu bleiben.

Wichtig für Teamgeist

Diese offene Unternehmenskommunikation hat Bunkart schnell die Scheu genommen, auch ihre Fragen zu stellen. „Wobei ich schon versuche, mir erst einmal selbst zu helfen, bevor ich jemanden anrufe oder eine Mail schreibe. Das wäre im Büro sicher anders.“

Wirtschaftspsychologe Frey beobachtet, dass Unternehmen, die ihre Mitarbeiter vor Corona professionell eingeführt haben, derzeit auch deutlich weniger Probleme damit haben als solche, die das nicht gemacht haben. Denn die Grundlagen für einen guten Job-Start vor Ort wie im Homeoffice seien gar nicht so anders. „Dem Mitarbeiter Sinn und Zweck des Unternehmens erklären, Handlungsspielräume, Erwartungen und Ziele klar vermitteln, durch Information und Kommunikation Transparenz erzeugen, sich wertschätzend verhalten und regelmäßig Feedback geben“, zählt Frey die wesentlichen Dinge auf.

Ist digitales Yoga ein Ersatz für persönlichen Austausch?

In einem zentralen Punkt aber tun sich Frey zufolge Mitarbeiter wie Firmen deutlich schwerer, seit sie sich nur noch aus der Ferne kennenlernen: bei informellen Gesprächen. Was im Unternehmen einfach so mal zwischen Tür und Angel oder am Kaffeeautomaten stattfindet, ist extrem wichtig für Austausch, Teamgeist und Zusammenhalt.

Im Homeoffice begegnet man Kollegen aber nicht mal zufällig und hält ein Schwätzchen. Man muss sich dazu verabreden, gemeinsame Kaffeepausen oder ein virtuelles Feierabendbier einplanen, um persönliche Unterhaltungen irgendwie aufrechtzuhalten.

Anna Bunkart will sich bald zum digitalen Yoga bei ihrem Arbeitgeber anmelden. Denn auch sie merkt, dass ihr Job-Start zwar „viel besser gelaufen ist als gedacht“, das Knüpfen von persönlichen Kontakten aus der Ferne aber unter erschwerten Bedingungen stattfindet. „Ich fiebere schon dem Tag entgegen, an dem ich endlich mal in die Kantine gehen kann oder mit den Kollegen einen Spaziergang in der Mittagspause machen kann“, sagt Bunkart.

Diesen Wunsch teilt auch Thomas Michahelles von wetter.com. „Mal zwischendurch auf dem Gang oder in der Küche mit dem ein oder anderen kurz ins Gespräch zu kommen und auch mal über Alltäglicheres zu quatschen, das fehlt im Homeoffice leider völlig.“