Klimakonferenz Nummer 25: In Madrid ringen fast 200 Länder um den Klimaschutz. Im vergangenen Jahr hatten sie sich auf ein Regelwerk zum Pariser Klimaabkommen von 2015 geeinigt und damit darauf, wie die Erderhitzung auf deutlich unter 2 oder gar 1,5 Grad begrenzt werden soll. In Madrid geht es unter anderem darum, dass die Länder ihre Klimaschutzziele erhöhen und wie sie untereinander Verschmutzungsrechte handeln können. Doch was bringt der Aufwand – und ist Klimaschutz überhaupt nötig?

Eine Frau fotografiert die Fassade des mit Lichterketten weihnachtlich geschmückten Einkaufszentrums “Hamburger Meile„.
Eine Frau fotografiert die Fassade des mit Lichterketten weihnachtlich geschmückten Einkaufszentrums “Hamburger Meile„. | Bild: Daniel Reinhardt/dpa

So warm wird es, wenn wir nichts tun

Behauptung: Klimakonferenzen führen ja doch nicht zu konkreten Taten.

Bewertung: Doch – aber es reicht noch nicht.

Fakten: Mehr als 180 Länder haben ihre nationalen Klimaschutzpläne eingereicht. Viele haben erstmals einen Plan für den heimischen Klimaschutz erstellt. Die bislang gesetzten Ziele reichen zwar nicht, um die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen. Doch ohne das Pariser Abkommen gäbe es viele der Pläne gar nicht, und die Ziele sollen verbessert werden. Zudem helfen reiche Staaten ärmeren beim Umsetzen ihrer Klimabeiträge. Im Zuge des Klimaprotokolls von Kyoto von 1997 wurde der EU-Emissionshandel eingeführt – auch er ist verbesserungsbedürftig.

„Komplett ohne Klimapolitik würde sich die Erde bis 2100 um 4,1 bis 4,8 Grad Celsius im Vergleich zur Zeit vor der Industrialisierung erwärmen“, sagt Niklas Höhne, der mit weiteren Forschern und Instituten den Climate Action Tracker betreibt. In dem Projekt berechnen Klimaexperten seit 2009, was diverse Klimaschutzpläne bewirken. „Mit der derzeitigen Klimapolitik steuert die Menschheit auf 3,2 Grad zu, bei Umsetzung aller Versprechungen der Länder sogar auf 2,9 Grad.“ Das ist immerhin rund ein Grad näher am weltweiten Klimaziel aber immer noch bei weitem nicht ausreichend.

Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung auf dem Telegrafenberg.
Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung auf dem Telegrafenberg. | Bild: Ralf Hirschberger/dpa

Auch die USA können Klimaschutz

Behauptung: Ohne die USA kann globaler Klimaschutz nicht gelingen.

Bewertung: Es ist noch unklar, welche Auswirkungen die Abkehr der USA vom Pariser Abkommen genau hat.

Fakten: Mit dem Pariser Abkommen haben knapp 200 Länder der Erde die Notwendigkeit des Klimaschutzes anerkannt. Einzig die USA haben 2017 angekündigt, das Klimaabkommen aufzukündigen und dies Anfang November 2019 auch getan. Bislang ist ihnen kein Land gefolgt. In den USA entstand jedoch die „Climate Alliance“ aus inzwischen 25 der 50 US-Staaten, die zum Klimaabkommen stehen und mehr als 50 Prozent der Bevölkerung repräsentieren. Auch Landkreise, Städte, Universitäten und Hunderte US-Unternehmen bekennen sich zum Abkommen. Bis 4. November 2020 sind die USA laut Vertrag noch dabei, einen Tag nach der nächsten US-Wahl.

Solarmodule auf einer Bergkette in der chinesischen Provinz Shanxi.
Solarmodule auf einer Bergkette in der chinesischen Provinz Shanxi. | Bild: Sam Mcneil/dpa

Warum es auf jeden ankommt

Behauptung: Auch angesichts der Emissionen von China und Indien bringen Deutschlands Einsparungen nicht viel.

Bewertung: Das kommt auf die Sichtweise an.

Fakten: Deutschland stand 2017 mit seinem gesamten CO2-Ausstoß auf Platz 6 in der Liste des Forschungsverbunds Global Carbon Project mit mehr als 200 Ländern – hinter China, den USA, Indien, Russland und Japan. Jeder Mensch in Deutschland stieß jedoch im Schnitt rund 10 Tonnen CO2 aus, in China waren es pro Kopf 7, in Indien 2 Tonnen. Warum sollten diese beiden aufstrebenden Länder etwas für den Klimaschutz tun, wenn sich nicht einmal Deutschland anstrengen würde? China und Indien haben Klimaschutzzusagen gemacht, auch wenn sie prozentual weniger einsparen wollen als Deutschland.

Deutschland stößt mit rund einem Prozent der Weltbevölkerung etwa zwei Prozent der weltweiten CO2-Menge aus. Das klingt zwar wenig. Doch wer meint, auf Deutschland komme es nicht an, müsste dies auch den mehr als 190 Ländern zugestehen, die Deutschland auf der Liste folgen. Milliarden von Menschen – vor allem die in Industrie- und Schwellenländern – tragen zur Erderwärmung bei.

Der riesige Windpark von Altamont bei San Francisco in Kalifornien.
Der riesige Windpark von Altamont bei San Francisco in Kalifornien. | Bild: -/dpa

So viel Erwärmung gab es noch nie

Behauptung: Wozu der Verhandlungszirkus? Klimaschwankungen gab es doch schon immer!

Bewertung: Richtig – aber nicht mit der Geschwindigkeit von heute.

Fakten: Gründe für Klimaschwankungen waren unter anderem: gewaltige Vulkanausbrüche, eine schwankende Erdumlaufbahn und Änderungen der Sonnenaktivität. Doch die Wirkung der menschengemachten Treibhausgase übertrifft derzeit alle anderen Einflüsse. Der Mensch produziert pro Jahr mindestens 60 Mal mehr CO2 als alle Vulkane zusammen, wie die US-Klimabehörde NOAA berichtet. Die Sonne ändert ihre Aktivität in verschiedenen Zyklen von elf oder mehr Jahren. Der Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte lässt sich nach Auskunft des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung jedoch weder mit der Sonnenaktivität noch mit einer geänderten Umlaufbahn der Erde erklären.

Das könnte Sie auch interessieren

Seit 50 Jahren werde es im Schnitt pro Jahrzehnt um rund 0,2 Grad wärmer, erläutert Andrey Ganopolski vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Eine solche über viele Jahre andauernde Steigerung sei unerreicht – zumindest in den vergangenen drei Millionen Jahren, für die es viele quantitative Temperatur-Rekonstruktionen gebe. „Zum Vergleich: Die Erdtemperatur ist nach dem Maximum der jüngsten Eiszeit vor etwa 20 000 Jahren innerhalb von 10 000 Jahren um etwa 5 Grad angestiegen“, sagt Ganopolski. „Das ist eine durchschnittliche Erwärmung von etwa 0,005 Grad pro Jahrzehnt, also rund 40 Mal langsamer als derzeit.“

 

Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerkes Jänschwalde der Lausitzer Energie Bergbau AG (LEAG) auf. Umweltschutzaktivisten haben im Tagebau und am Kraftwerk Jänschwalde gegen die Klimapolitik der protestiert.
Wasserdampf steigt aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerkes Jänschwalde der Lausitzer Energie Bergbau AG (LEAG) auf. Umweltschutzaktivisten haben im Tagebau und am Kraftwerk Jänschwalde gegen die Klimapolitik der protestiert. | Bild: Christophe Gateau/dpa

Die Forscher ziehen an einem Strang

Behauptung: Forscher sind uneins über die Rolle des Menschen beim Klimawandel.

Bewertung: Stimmt so nicht. Die meisten Forscher sind sich einig.

Fakten: Es gibt zwar diverse Unterschriftenlisten, deren Unterzeichner sich für oder gegen die These des menschengemachten Klimawandels aussprechen. Schaut man jedoch auf wissenschaftliche Studien, ist die Lage klar: In einer Antwort auf eine Kleine Anfrage verwies die Bundesregierung darauf, „dass 99 Prozent der Wissenschaftler, die Fachaufsätze zum Klimaschutz veröffentlichen, der Überzeugung sind, dass der Klimawandel durch den Menschen verursacht ist“. Sie bezieht sich vor allem auf Studien von James Lawrence Powell (National Physical Science Consortium, Los Angeles) 2015 und 2016.

Eine Analyse von John Cook (Uni Queensland in Australien) über sechs Studien zu dieser Frage zeigte 2016: 90 bis 100 Prozent der Klimaforscher sind sich einig, dass der Mensch die Haupt-ursache der Erderwärmung ist. Eine weitere Analyse Cooks hat ergeben, dass 97 Prozent von 4000 Studien, die sich in geprüften Fachjournalen direkt mit der Frage nach dem menschengemachten Klimawandel befassten, zu dem Schluss kommen, dass der Mensch die Erde erwärmt („Environmental Research Letters“, 2013). Von den Forschern, die sich gar nicht mit dem Klima beschäftigen, stimmen weniger dieser Aussage zu.

„Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar“, schreibt der Weltklimarat (IPCC) in seinem jüngsten umfassenden Report 2014. Es sei äußerst wahrscheinlich (95 bis 100 Prozent), dass menschengemachte Treibhausgase „Hauptursache der beobachteten Erwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind“.

Rissig und ausgetrocknet ist der Boden am Rheinufer bei Düsseldorf.
Rissig und ausgetrocknet ist der Boden am Rheinufer bei Düsseldorf. | Bild: Federico Gambarini/dpa

Hochwasser, Dürren und Hitzewellen

Behauptung: Etwas wärmeres Wetter wäre doch ganz nett.

Bewertung: Hier und da vielleicht schon. In vielen Teilen der Erde können höhere Temperaturen aber katastrophale Auswirkungen haben.

Fakten: Derzeit steigt die Erdtemperatur mit einem Tempo, wie sie die menschliche Zivilisation noch nie erlebt hat. Das hat sehr unterschiedliche Folgen für hohe Luftströme und das Wetter: Klimabedingte Katastrophen haben nach Daten der Rückversicherung Munich Re zugenommen, nicht aber klimaunabhängige wie Erdbeben. Ohne eine starke Minderung der Treibhausgasemissionen drohen das Auftauen der Permafrostböden oder das Freiwerden von Methanhydraten im Meer und damit eine weitere Erwärmung. Vielerorts führt das laut Forschung zu Dürren und Unwetter-Katastrophen.

Die Erderwärmung und auch der Ausstoß winziger Partikel durch Kohlekraftwerke beeinflussen auch Luftströmungen in großer Höhe, was die Wahrscheinlichkeit für Überflutungen, Dürren und auch Hitzewellen erhöht, wie Forscher vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und vielen anderen Instituten herausgefunden haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.