Single. Ausgerechnet jetzt. Dominik Neumann hat es sich nicht ausgesucht. Aber so ist es jetzt eben. Im Moment schreibt der 27-Jährige vielen Freunden, telefoniert mit ihnen, um Kontakt zu halten. „Aber langsam wird es anstrengend“, sagt der Lehrer und meint das Kontaktverbot, das derzeit zur Verlangsamung der Corona-Epidemie gilt. Wegen seines Berufs möchte er lieber nicht mit seinem echten Namen genannt werden – wir haben ihn geändert.

Der junge Mann versucht trotzdem, Freunde zu treffen – zum Spazierengehen zum Beispiel oder, wo es noch geht, auf einen Kaffee. „Man sollte es schon nutzen, dass man noch zu zweit draußen sein darf“, betont er.

Single ohne WG

Neumann lebt in Konstanz – nicht in einer WG, sondern alleine. Er hat niemanden, mit dem er sich austauschen kann. So langsam, schreibt er einem Freund, fühle er sich schon ein wenig einsam. Aber er versucht, optimistisch zu bleiben. Auch wenn er, als Lehrer, gerade rest recht eingeschränkt ist. Er kann seinem Beruf gerade nicht nachgehen, Homeoffice fällt aus. Wie also den Tag füllen?

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Der 27-Jährige telefoniert jeden Morgen mit einem Freund, zum Frühstück, um wenigstens virtuell ein wenig Gesellschaft zu haben. Tagsüber bereitet er sich auf eine Prüfung vor, die in wenigen Wochen ansteht. Aber nachmittags und abends sei oft Netflix auf dem Programm. Seine Lieblingsserie: „Elite“.

Datingapps bieten virtuelle Reisen an

Zum Zeitvertreib nutzt er hin und wieder Datingapps. Apps wie Grindr und Tinder bieten seit kurzem eine Art Reisefeature an: Auf Tinder heißt es „Passport“. Nutzer sind damit nicht mehr auf die übliche Umgebungssuche beschränkt, sondern können mit Menschen weltweit ins Gespräch kommen. „Ich finde es cool, dass man so neue Leute kennenlernen kann“, sagt Neumann.

Mittlerweile hat sich eine Botschaft in den Profiltexten von Tinder etabliert: „Stay Home, be safe, social distancing“, wie eine Mitarbeiterin der Datingapp auf Anfrage sagt. Das ist auch Neumanns Erfahrung. Viele schrieben auf ihren Profilen, dass sie derzeit nur chatten, aber keine Dates wollen. Trotzdem steigt die Nutzung solcher Apps gerade massiv an.

Nutzerzahlen steigen

Die Dating-App Tinder verzeichnet jedenfalls einen deutlichen Zuwachs sowohl bei der Anzahl von Unterhaltungen, die nach einem „Match“ gestartet werden, als auch bei der Länge der Unterhaltungen. Die täglichen Unterhaltungen über die App seien seit Mitte März bundesweit um 33 Prozent gestiegen, die Dauer der Gespräche verlängerte sich den Angaben zufolge um 17 Prozent.

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Bei der Dating-Plattform Parship verzeichnet sich eine ähnliche Zunahme der Nutzeraktivität: Es gebe tatsächlich „einen positiven Trend in der Plattform- und Kommunikationsaktivität unserer Mitglieder, der ungefähr mit Inkrafttreten der erweiterten Kontaktbeschränkungen in Deutschland messbar ist“, wie eine Sprecherin von Parship dem SÜDKURIER auf Anfrage sagt. Sie ergänzt allerdings, dass es noch zu früh sei, um einen Trend abzuleiten.

Eine Umfrage der Datingplattform ergab, dass sich jeder dritte Single auf Parship derzeit vor Einsamkeit fürchtet. An der Umfrage hatten 1000 Nutzer der Plattform teilgenommen. Besonders jüngere Menschen zwischen 18 und 29 Jahren habe demnach Angst vorm Alleinsein. 35 Prozent der Singles erwarten, dass sie schlechter gelaunt sein werden durch die Einschränkungen der Infektionsschutzmaßnahmen.

Virtuelle Nähe

Eric Hegmann ist Paartherapeut, Single- und Parship-Coach. Er ist überzeugt: „Obwohl wir uns vielleicht nicht so schnell mehr treffen und das erste Date im Café nicht möglich ist: Emotionale Nähe lässt sich durchaus auch Online herstellen.“ Dabei gehe es um „zugewandte Kommunikation“, ums Zuhören, Nachfragen und über Gefühle sprechen. „Oberflächlicher Smalltalk hilft nicht, jemanden kennenzulernen und auch nicht gegen Einsamkeit“, macht Hegmann deutlich.

Der Paartherapeut erfährt von Singles, dass sie derzeit weniger Kontakte parallel verfolgten, wie es bei Datingplattformen sonst häufig der Fall ist: „Ich vermute, es wird im Moment eher genauer hingeschaut: Wie tickt diese Person, finde ich zu dieser Person eine tragfähige Verbindung?“

Digital gemeinsam Erlebnisse schaffen

Hegmann rät, virtuell gemeinsame Erlebnisse zu schaffen: Gemeinsam gleichzeitig einen Film ansehen und sich im Chat darüber austauschen. Ein Konzert streamen, bei einem Video einer Comedy-Show testen, ob man den gleichen Humor hat oder sich virtuell in einem Brettspiel messen – über Skype oder Zoom kann man die Spielzüge live verfolgen und sieht sich gegenüber.

In jedem Fall rät der Experte, sich an die Infektionsschutzmaßnahmen zu halten und soziale Kontakte zu vermeiden. Er rät dazu, „sich nicht hinreißen lassen aus einem Moment der Einsamkeit“ heraus: „Einem Kontakt, der drängt, sollte man nicht nachgeben, ebenso wenig sollte man selbst jemanden drängen“, fordert er.

Neumann will gerade ohnehin niemanden kennen lernen. „Wenn jemand in mein Leben kommt, dann kommt einer“, sagt er. „Aber ich bin nicht aktiv auf der Suche.“

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