Herr Dolch, Sie haben jahrzehntelang Paare beraten und nun im Ruhestand ein Buch über Paarkonflikte und ihre Lösung geschrieben. Zwei Sätze aus Ihrem Buch: „Schuld ist immer der andere“. Und: „Es gibt immer zwei Geschichten“. Was meinen Sie damit?

Wir sind alle so konstruiert, dass wir das, was wir erleben, in Geschichten abspeichern. Jeder erklärt sich das, was passiert ist, ein wenig anders. Ein Beispiel: Meine Frau hat sich etwas gewünscht, ich habe aber etwas anderes gemacht. Dann wird sie möglicherweise laut und ich reagiere darauf. Wenn man dann fragt, wer ist jetzt schuld, dann kommt man schnell auf den anderen. Die Schuld möchte keiner an sich hängen lassen, dann verteidigt man sich und schon ist man in einem Strudel drin. Ab dem Moment, wo wir jemanden für schuldig halten, explodieren die Gespräche. Wenn das öfter passiert, hält meist einer lieber die Klappe, oft die Männer. Sie verschwinden im Keller und die Frauen haben das Gefühl, gegen eine Wand zu reden. Wenn man aber immer nur zurückschaut, gerät man in eine Sackgasse. Besser ist es zu fragen: Wo will ich hin, wie lösen wir das Problem? Was hat der andere erwartet?

Matthias Dolch war jahrzehntelang Leiter der katholischen Paar- und Familienberatungsstelle in Villingen-Schwenningen. Im Ruhestand hat er nun ein Buch mit vielen praktischen Tipps geschrieben.
Matthias Dolch war jahrzehntelang Leiter der katholischen Paar- und Familienberatungsstelle in Villingen-Schwenningen. Im Ruhestand hat er nun ein Buch mit vielen praktischen Tipps geschrieben. | Bild: Winkelmann-Klingsporn, Elisabeth

Sie sagen, dass Streiten eine Beziehung kaputt macht und man eine Beziehung regelrecht zu Tode streiten kann. Aber es gibt ja schon Streitthemen in einer Beziehung, die gelöst werden müssen. Wie mache ich das besser?

Ein Paar, das ich kannte, hat sich vor einem Kindergeburtstag die Arbeiten aufgeteilt, etwa, wer fährt die Kinder, wer besorgt den Kuchen. Im Nachhinein haben sie damit ganz viel Streit vermieden. Daraus machten sie dann eine Routine, setzten sich am Sonntagmorgen hin und planten ihre Woche und längerfristige Dinge. Wenn es um Emotionaleres geht, ist es gut, sich an die beiden Varianten der Geschichte zu erinnern, denn beide Partner möchten verstanden werden. In einem Fall gab es Streit, weil ein Mann eine längere Reise machen wollte, während seine Partnerin schwanger war. Man sollte nicht nur über Probleme, sondern auch über seine Wünsche und Bedürfnisse sprechen. Der Mann könnte erklären, warum er die Reise so gern machen möchte, und sie erklärt, warum sie ihrem Mann in dieser Zeit um sich haben möchte.

Über eigene Wünsche zu sprechen, erfüllt Männer allerdings mit maximalem Schrecken...

Ja, es schreckt Männer schon. Die wiegeln eher ab und sagen: Passt schon, alles gut. Sie fühlen sich rasch unbehaglich und denken, sie machen was falsch. Die warten eher mal ab. Frauen wird bei Familienthemen mehr Kompetenz zugemessen. Man muss es verhandeln. Egal, was zu verteilen ist, wer macht was? Wie verteilen wir das, sodass es fair ist? Man muss auch mal über Fairness reden, und wie viel die Männer im Haushalt tun sollen. Die Männer rücken oft erst spät mit ihren Wünschen raus.

Nehmen wir doch mal ein Beispiel: Er geht am Samstagnachmittag auf den Fußballplatz, und sie mosert. Wie würden Sie da verfahren?

Auch hier: Die Geschichte des Einzelnen anhören. Warum ist ihm das Spiel so wichtig? Spielt sein Sohn? Oder will er den SC Freiburg sehen? Ich würde versuchen, seinen Wunsch zu verstehen. Ebenso würde ich fragen, was sie stattdessen mit dieser Zeit machen möchte. Vielleicht sagt sie: Ich räume in dieser Zeit nur hinter euch her, das ärgert mich. Dann würde ich versuchen rauszukriegen, was sie sich stattdessen wünscht. Wenn man Vorwürfe in Wünsche übersetzt, dann weiten sich die Optionen. In dem Fall könnten sich die beiden ja abwechseln. Er geht zu den Spitzenspielen und ein anderes Mal unternimmt die Familie oder das Paar etwas zusammen. Man kann nicht alles zur gleichen Zeit machen, aber man kann es nacheinander machen. Gut ist es auch, Bitten zu formulieren wie: Ich würde gern an dem nächsten Wochenende mit dir das und das machen.

Viele Paare kennen das: Ein Streit entsteht, sie wird laut, er wird laut. Bei diesen Streitereien kommt ja nie was Gescheites raus. Ist es dann besser, einen Schnitt zu machen und ein anderes Mal weiterzureden?

Das ist wie ein Strudel im Schwimmbecken, aus dem man kaum rauskommt. Wenn der Streit erst beginnt, ist es gut, wenn man sagt: Ich komm noch mal rein, und wir reden in Ruhe drüber. Dann noch mal tief durchatmen und neu versuchen. Oder man arbeitet mit Regeln. Erst redet der eine fünf Minuten, und dann der andere. Und dann wird noch darüber nachgedacht. Man erfährt Neues, wenn man den anderen nicht unterbricht. In einer Beratung spricht man dann erst mit dem einen, dann mit dem anderen. Die andere Sichtweise ist wichtig und man sollte sie kennen.

Warum streiten Paare oft über Kleinigkeiten, wie die sprichwörtliche Zahnpastatube? Geht‘s da um andere Dinge?

Es wird ein Vorwurf formuliert. Wenn der andere sich in seinem Selbstbild angegriffen fühlt, heißt es schnell: Ich kann dir nichts recht machen. Ich glaube, wir sind in einer Kultur aufgewachsen, in der man sehr viel auf Fehler achtet. Man sieht die Fehler des anderen, und möchte, dass der das anders macht. Aber das, was gut klappt, wird wenig beachtet. Vielleicht kommt das Ganze auch noch von den Neandertalern, als ein Fehler beim Beurteilen von roten Beeren für die ganze Horde tödlich sein konnte, wir wissen es nicht. Das, was gut gelaufen ist, sehen wir aber nicht, und wir wertschätzen es zu wenig. Viele haben das Gefühl, ihnen steht alles zu. Egal, ob es der Sex ist oder sonst etwas. Und wenn das mal nicht der Fall ist, dann gibt es Stress.

Ein Herz und eine Seele – so ist es oft am Anfang.
Ein Herz und eine Seele – so ist es oft am Anfang. | Bild: Muenchbach - stock.adobe.com

Sie sagen in Ihrem Buch, dass die Ehepaare, die respektvoll miteinander umgehen, wesentlich bessere Chancen auf den Erhalt ihrer Ehe haben.

Ab dem Punkt, wo ich dem anderen Vorwürfe machen oder etwas nachtrage, wird die Beziehung immer mehr belastet und rutscht immer mehr auseinander. Sie geht nicht gleich kaputt, aber es nagt im Unterholz. Das ist auch bei Familien so. Einer Familie, bei der es immer Streit gab, sagten Kollegen, sie sollten aufschreiben, was schon alles gut läuft, und zwar die Eltern und die Tochter. Nach 14 Tagen kamen sie wie verwandelt und hatten lange Listen dabei, was die Tochter alles gut macht und was die Eltern gut machen. Und das Verhältnis hatte sich sehr verbessert. Wenn man die Mühe würdigt, die sich der andere gibt, ist das wichtig und wertvoll. Das gilt auch für Paare, wenn sie entdecken, dass vieles nicht selbstverständlich ist oder dankbar sind. Als ich ein kleines Kind war, hat meine Mutter abends immer gefragt: Was war heute schön? Ich habe das sehr genossen. Auf die Schätze, die schon da sind, wird zu wenig geachtet. Jeder hat Stärken, und die sollte man auch anerkennen, und nicht nur die Schwächen sehen.

Das Buch: Matthias Dolch: Eine pfiffige Art, Paarprobleme zu lösen, um sich die Liebe zu erhalten. 26-Self-Publishing-Verlag, 19 Euro (gedruckt), 8,99 Euro (E-Book).
Das Buch: Matthias Dolch: Eine pfiffige Art, Paarprobleme zu lösen, um sich die Liebe zu erhalten. 26-Self-Publishing-Verlag, 19 Euro (gedruckt), 8,99 Euro (E-Book). | Bild: Matthias Dolch 26-self-publishing

Brauchen wir im 21. Jahrhundert die Liebe noch? Bei Tinder kann man Kandidaten einfach wegwischen, und Sie haben James Bond angeführt, der ein Krieger ist und niemanden braucht...

Ich glaube schon, dass in uns allen eine Sehnsucht nach jemandem drinsteckt, auf den wir uns verlassen können. Ein Fels in der Brandung oder jemand, mit dem wir über alles reden können. Bei Kindern ist das noch deutlicher. Ohne Zuwendung und Liebe sterben sie ganz einfach. Man braucht die Sicherheit durch den Partner, Männer sogar noch mehr, weil Frauen ja Freundinnen haben, mit denen sie reden können. Den Männern fehlt eine solche zusätzliche Bezugsperson, da ist die Gefahr der Einsamkeit nach einer Trennung dann größer.

Wie denken Sie über den Valentinstag? Die einen sagen: Alles Geschäftemacherei von Restaurants und Blumenläden, andere Paare mögen diesen Tag und feiern ihn gern.

Ich glaube, dass wir solche Rituale und Symbole brauchen. Ich war früher weniger dafür, den Kennenlerntag oder etwas Vergleichbares zu feiern. Es ist aber wichtig, dem anderen zu sagen: Es ist schön, dass du da bist, dass du mich durch die Höhen und Tiefen des Lebens begleitest. Ob es an diesem Tag sein muss und in dieser Form, darüber kann man sich natürlich streiten. Diese Rituale sind eine Erinnerung daran, dass man nicht alles selbstverständlich nehmen sollte. Man braucht das zum Überleben.

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