Georg Gänswein macht sich Sorgen um den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland. Das sagte der aus dem Schwarzwald stammende Vertraute des ehemaligen Papstes Benedikt XVI. in einem Interview mit der spanischen Kirchen-Zeitschrift „Alfa y Omega“. Die kirchliche Landschaft sei „von Verwirrungen und Spannungen geprägt“, heißt es dort.

Im Hintergrund geht es um den Segen für Homosexuelle

Der Zeitpunkt des Interviews mit dem spanischen Fachblatt dürfte nicht zufällig sein. In den vergangenen Wochen wurde weltweit die vatikanische Antwort (“Responsum“) auf eine Anfrage diskutiert. Der Vatikan stellt in dieser Antwort fest, dass gleichgeschlechtliche Ehen von katholischen Geistlichen nicht gesegnet werden dürfen.

Diener und Sprachrohr: Im Interview mit einer spanischen Zeitschrift gab Georg Gänswein (rechts) die Einschätzung seines Vorgesetzten wieder.
Diener und Sprachrohr: Im Interview mit einer spanischen Zeitschrift gab Georg Gänswein (rechts) die Einschätzung seines Vorgesetzten wieder. | Bild: BR/dpa

Daran hatte sich gerade in Süddeutschland eine rege Diskussion entzündet. Im Erzbistum Freiburg bekannten sich prominente Priester dazu, dass sie zwei Frauen oder zwei Männer segnen werden, wenn diese darum bitten und zuvor ein Gespräch mit dem Seelsorger führen. Bekannte Bischöfe geben zu verstehen, dass Sie einem Seelsorger nicht in den Arm fallen würden, wenn er eine solche Segnung erteilt.

Spitze gegen die liberalen Bischöfe

Auch Georg Bätzing, Bischof von Limburg, ist mit der römischen Position unglücklich. Das sagte er unmittelbar nach Bekanntwerden des Schreibens. Bätzing ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und damit Sprecher der Bischöfe in Deutschland. Auch auf ihn zielen die Sätze von Kurienerzbischof Gänswein, etwa: „Dem Episkopat fehlt es an einer einheitlichen Haltung.“ Bätzing steht für den eher liberalen Flügel in der Kirchenführung, den viele bayrische Bischöfe sehr kritisch sehen.

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Georg Gänswein steht seinen Kollegen in Bayern deutlich näher. Nicht zuletzt stammt sein Chef, dem er seit bald zwei Jahrzehnten dient, aus dem Freistaat. Benedikt XVI. hat aus seiner Verwurzelung in einem traditionellen, konservativ geprägten Christentum nie einen Hehl gemacht. Eine Anfrage über die Segnung von Homosexuellen hätte auch er negativ beschieden.

Ein freundliches und kurzes Mail aus Rom

Das Interview führt Gänswein indes als Stellvertreter des Alt-Papstes. Er sagt, was der Papst zu diesem Thema und der deutschen Kirche sagen würde. Demnach sind es weniger die Ansichten des Privatsekretärs, sondern auch die Meinungen seines Herrn. Ganz neu sind diese nicht: Bereits mehrfach hat sich Benedikt XVI. an den Verhältnissen in Deutschland gerieben. Seine Kritik ließe sich so zusammenfassen: „Volle Kassen, leere Kirchen.“

Eine Anfrage seiner Heimatzeitung hat Gänswein freundlich beantwortet. Er freue sich über das Interesse des SÜDKURIER, schreibt der Prälat, doch habe er dem nichts hinzuzufügen, was er der spanischen Zeitschrift bereits gesagt habe.

Den Verlust des Amtes hat er inzwischen verkraftet

Georg Gänswein ist seit seiner Beurlaubung vom Amt des Protokollchefs freigestellt für die Betreuung von Joseph Ratzinger, 94. Der vorläufigen Verlust des Amtes, in dem er mit Zelebritäten aus der ganzen Welt zusammentraf, hat ihn tief getroffen, wie er kürzlich in einem anderen Interview sagte. Inzwischen habe er es aber gut verkraftet.