Wenn der Boden schwankt und wackelt, die Gläser im Schrank klirren und vielleicht sogar Gebäude in sich zusammenstürzen, hat das mit einem Gott namens Ruaumoko zu tun. So erzählt es jedenfalls eine alte Legende der Maori in Neuseeland. Schon im Mutterleib, so heißt es, habe er durch sein Strampeln und Treten Erdbeben ausgelöst. Und später erzitterte der Untergrund unter der Wucht seiner Schritte.

Wenn das stimmt, scheint der göttliche Unruhestifter in Deutschland nicht allzu oft unterwegs zu sein. Die Gefahr, dass ein heftigeres Erdbeben Menschen tötet und hohe Schäden anrichtet, ist hierzulande relativ gering. „Vernachlässigen darf man sie aber trotzdem nicht“, betont Gottfried Grünthal vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ) in Potsdam.

Neue Karten zeigen gefährdete Regionen 

Er und seine Kollegen haben gerade neue Karten veröffentlicht, auf denen sich das Ausmaß der Gefährdung in verschiedenen Regionen Deutschlands ablesen lässt. Derweil versuchen GFZ-Forscher um Torsten Dahm, die lokalen Ursachen der Erschütterungen besser zu verstehen. Für Seismologen gibt es also auch im scheinbar so ruhigen Deutschland Spannendes zu erforschen.

Ein Blick in die Geschichte der Erdbeben

Das fängt schon beim Blick in die Geschichte an. „Wenn man die Gefährdung zuverlässig einschätzen will, muss man die bisherige Erdbebentätigkeit über einen möglichst langen Zeitraum in die Analysen einbeziehen“, erklärt Gottfried Grünthal. Grundlage dafür ist der Erdbebenkatalog für Europa, den die Potsdamer Forscher erarbeitet haben.

Allein für Deutschland enthält er Daten zu mehr als 7800 solcher Ereignisse, die hier seit dem Jahr 1000 stattgefunden haben. Um die Gefährdung zu berechnen, mussten die Forscher zudem Erdbeben in einem größeren Gebiet miteinbeziehen, das sich 300 Kilometer über die Grenzen Deutschlands hinaus erstreckt.

Alte Dokumente, Missverständnisse und Fehler 

Doch die historischen Angaben sind mit Vorsicht zu genießen. Sie beruhen auf alten Dokumenten, in die sich im Laufe der Jahrhunderte einige Verwechslungen, Missverständnisse und Fehler eingeschlichen haben. Etlichen davon ist Gottfried Grünthal gemeinsam mit Historikern durch eine akribische Analyse möglichst zeitgenössischer Quellen auf die Spur gekommen.

Auf den ersten Blick relativ klar wirkt zum Beispiel der Bericht einer Expertenkommission, die 1591 den Zustand der Kirchengebäude im bayerischen Joshofen unter die Lupe genommen hatte. Dabei war man auf etliche „Baumengel“ gestoßen: „An dem Pfarrhaus ist die mauren in dem obern stüble von dem erdbidem zerkloben, ...“, heißt es im Visitationsbericht des Landgerichtes Neuburg an der Donau.

Wie Missverständnisse entstanden 

Doch warum gibt es in den historischen Quellen ansonsten keinen einzigen Hinweis darauf, dass zu dieser Zeit in der Region ein lokales zerstörerisches Beben stattgefunden hat? Gottfried Grünthal und seine Kollegen konnten zeigen, dass frühere Bearbeiter des Erdbebenkatalogs einem Missverständnis aufgesessen sind.

Der Schreiber des Berichtes habe mit „dem Erdbeben“ gar kein lokales Ereignis gemeint. Für viel wahrscheinlicher halten es die Experten, dass die Pfarrhaus-Mauer durch die Fernwirkungen eines starken Bebens beschädigt wurde, das sich im September 1590 in Niederösterreich ereignete und auch Bayern erschütterte.

Erdbebenkatalog war voller Fehler

Solche geografischen Irrtümer finden sich auch in vielen anderen Fällen. So wurden einige Erdbeben schlichtweg falsch verortet. Weitere Fehler kamen dadurch zustande, dass mitunter auch die Folgen von Stürmen und anderen Naturkatastrophen irrtümlich als lokale Erdbeben interpretiert wurden.

Sogar eine Zeitungsente hat es in die offizielle Erbebenstatistik geschafft. In einer Bierlaune hatten ein paar Witzbolde aus Neuhausen im Landkreis Landshut 1822 die Meldung lanciert, dass in ihrer Stadt der Boden infolge eines Erdbebens gewackelt habe. „In der gleichen Zeitung wurde einige Tage später klargestellt, dass es ein Scherz war“, sagt Gottfried Grünthal.

Doch diese Richtigstellung wurde übersehen, so dass auch dieses Ereignis lange als echt galt. „Überraschenderweise sind wir auf viele solcher Fake Beben gestoßen“, resümiert der Wissenschaftler. So haben in manchen Regionen 60 Prozent der im deutschen Erdbebenkatalog aufgeführten Ereignisse entweder gar nicht oder ganz woanders stattgefunden.

Neue Karten beruhen auf besserer Datenbasis 

In die bisher gültige Karte der Erdbebengefährdung Deutschlands, die etwa zwanzig Jahre alt ist, waren diese Fehler noch miteingeflossen. Das neue Werk beruht dagegen auf einer deutlich besseren historischen Datenbasis. Zudem haben Gottfried Grünthal und seine Kollegen die modernsten Methoden der Statistik verwendet, um Unsicherheiten in Daten und Modellen zu berücksichtigen. So ließ sich noch zuverlässiger als bisher berechnen, welche Bodenerschütterungen in verschiedenen Regionen Deutschlands zu erwarten sind.

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So ist die Lage im Süden 

Die neuen Karten zeigen für den Süden in den meisten Fällen eine etwas niedrigere Erdbebengefahr als bisher gedacht. „Signifikant geringer fallen die eingeschätzten Erschütterungsparameter im Südwesten insbesondere im Gebiet zwischen Altmühl und Donau und im nördlichen Oberrheingraben aus“, sagt Grünthal.

Im Bereich zwischen den Flüssen in Bayern liegt das daran, das zwei Drittel aller bisher eingerechneten Erdbeben nie stattgefunden haben.

Die Region Hochrhein, Südschwarzwald und Bodensee gehört laut Grünthal im deutschlandweiten Vergleich eher zu den als erdbebengefährdet einzuschätzenden Gebieten.

Ein tiefer Riss in einer massiven Bodenplatte: Spuren eines Erdbebens in Gottmadingen im November 2016.
Ein tiefer Riss in einer massiven Bodenplatte: Spuren eines Erdbebens in Gottmadingen im November 2016. | Bild: Trautmann, Gudrun

„Eine Zunahme der Erdbebengefährdung ist in Richtung der Umgebung von Basel zu verzeichnen und in der Umgebung des Zollernalbkreises“, so Grünthal.

Hier bebte die Erde in der Region zuletzt

Der Landeserdbebendienst Baden-Württemberg zeichnet jedes Erdbeben auf, das sich im Land ereignet. Kleinere, für den Menschen nicht wahrnehmbare Stöße ereignen sich fast jeden Tag. Mehrmals jährlich gibt es aber Erschütterungen, die man fühlen kann. Ein Überblick über die aktuellsten Beben:

  • 4. Mai 2018, 23.36 Uhr, Epizentrum nahe Neuenburg am Rhein, Stärke 3,4: Das bisher stärkste Beben des Jahres in Baden-Württemberg war in einem Umkreis von rund 40 Kilometern zu spüren, also bis nach Basel, Freiburg und Bad Säckingen. Über 700 Menschen meldeten sich deswegen beim Erdbebendienst. Nennenswerte Schäden gab es aber nicht.
  • 11. März 2018, 23.29 Uhr, nahe Herrischried, Stärke 3,0: Das Erdbeben im Hotzenwald war im Südschwarzwald und in der Nordschweiz zu spüren.
  • 17. Januar 2018, 20.07 Uhr, bei Dalaas/Vorarlberg in Österreich, Stärke 4,2: Ein für diese Region eher heftiges Beben erschütterte die Vorarlberg-Region. Es war in weiten Teilen des Bodenseeraums zu spüren. Selbst diese Stärke verursachte keine großen Schäden.
  • 21. November 2017, 10.22 Uhr, nahe dem Zuger See in der Schweiz, Stärke 3,3: Trotz der recht geringen Stärke war das Beben als Rumpen und Zittern bis in den über 50 Kilometer weit entfernten südbadischen Raum zu spüren.
  • November 2016, Erdbebenserie in Hilzingen, Stärken bis zu 3,0: Eine ganze Serie spürbarer und kaum wahrnehmbarer Erdstöße beschäftigte die Bewohner des Hegaus im November 2016. Das stärkste Beben erreichte Anfang des Monats die Stärke 3,0, ehe die Serie nach rund einem Monat endete. Einzelne Beben gab es dann noch im Januar und März 2017. (dod)