Weitgehend unbeweint von der Öffentlichkeit ist am 9. September die Sexualforscherin Shere Hite gestorben. Sie entdeckte in den 1970er-Jahren etwas sehr Winziges, das gleichwohl eine enorme Wirkung hat. Das war die Klitoris: jenes Organ, das ausschließlich der Lusterzeugung dient – zu allem Überfluss ausschließlich der weiblichen Lust. Das männliche Lustorgan ist zwar um einiges größer, dient aber nebenbei auch der Fortpflanzung des Menschengeschlechts, hat also etwas Technokratisches, irgendwie Danieldrüsentriebhaftes.

Sexualforscherin Shere Hite, 2006.
Sexualforscherin Shere Hite, 2006. | Bild: Ballesteros

Der 1977 in den USA erschienene Hite-Report über das sexuelle Erleben der Frau fand 50 Millionen hocherregte Abnehmer. Bleibt die Frage: Wie erlebt der sexuelle Mann das sexuelle Erleben der Frau?

Für die Antwort sorgte bereits 1966 Martin Walser. Sein Roman „Das Einhorn“ handelt von einem gewissen Anselm Kristlein.

Martin Walser, 1968.
Martin Walser, 1968. | Bild: Manfred Rehm

Was besagtes Einhorn bedeutet, weiß ein jeder, auch ohne Hite-Report. Die kopulierende Frau beschreibt unser Held recht eigenartig: „Die Frau, die glucksend in die Binsen geht. Drucksend die Augen verdreht. Stumm schreiend die Kiefer aufklappt. Den Fischblick kriegt. Mit dem Fischmund quakt. Kein Lidschlag mehr. Aber noch knirschen die Zähne, mahlen die Kiefer. Dann wird der untere Kiefer wieder zu schwer. Und sie sticht den Zeigefinger zwischen die Zähne. Beißt ihn nicht ab. Sabbert bloß. Druckst und lallt. Kriegt den großen Basedow. Die bewusstseinslose Nymphnovene. Silberspeichel rinnt aus erledigten Mundwinkeln.“

Liebe und Tod, Kunst und Kitsch

Was soll man dazu sagen? Ja, liebe Nachgeborene, so wurde halt früher geliebt. Mit mahlenden Kiefern, Gesabber und Gelall, bis kein Lidschlag mehr war. Manch einer mag sich wundern, worum es in dieser interpretationswürdigen Stelle bei Martin Walser geht. Wird hier Liebe gemacht? Oder jemand umgebracht? Liebe und Tod wohnen so eng beieinander wie Kunst und Kitsch. Im übrigen sind die frühen Walser-Romane tolle Bücher. Der Campus-Roman „Brandung“, der Makler-Roman „Jagd“ und als Einstieg „Ein fliehendes Pferd“.

Im Zeichen von MeToo würde es niemand mehr wie Walser wagen, knüppelharte Beischlaf-Szenen zu veröffentlichen. Das Einhorn ist heute ein trendy Kuscheltier für Mädchen.

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