Können wir geheilt werden? Und wenn ja: Von welcher Krankheit und mit welcher Arznei? Die jüngste Arbeit des Schweizer Theaterregisseurs Christoph Marthaler spielt in einer Apotheke. Die Regale im Bühnenbild von Duri Bischoff sind gut bestückt und geordnet nach Themen wie „Magen“, „Herz“ oder Atem“, „fit“, „Drüse“ oder „Nerven“. Gegen Ende des Stücks aber fegen die von Sara Kittelmann meist in klinisches Weiß gewandeten fünf Apothekerinnen die Schachteln zu einem Arrangement des „Lacrimosa“ aus Mozarts „Requiem“ auf den Boden. Als seien die Medikamente wertloser Müll. Eine melancholisch getränkte Bild-und-Klang-Metapher für die Vergeblichkeit, unseren Verfall aufzuhalten, ergänzt auch noch von dem etwas Blasphemie-gefährdeten Joke, den einzigen Schauspieler dieser Produktion wie eine Jesus-Figur das Schweizer Apothekenkreuz über die Bühne schleppen zu lassen.

Von der Krise schockgefroren

Unter anderem auch ein Verwitterungskünstler, der organisches Material zerfressen und schimmeln ließ, war Marthalers Landsmann Dieter Roth (1930-1998). Um Texte von Roth dreht sich wesentlich die Kreation „Das Weinen (Das Wähnen)“, die bereits für den 14. März zur Uraufführung geplant war, von der Corona-Krise schockgefroren und nun wieder aufgetaut wurde. Roth ist zwar deutlich bekannter als Objekt- und Aktionskünstler. Seine Text- und Sprachproduktion liebte er selber indes mehr.

Die Regale sind geleert, doch von Unsterblichkeit noch immer keine Spur: Szene aus „Das Weinen (Das Wähnen)“.
Die Regale sind geleert, doch von Unsterblichkeit noch immer keine Spur: Szene aus „Das Weinen (Das Wähnen)“. | Bild: Gina Folly

Marthaler hat bereits früher Roth-Texte verwendet, lässt diesmal nun aber Liliana Benini, Magne Håvard Brekke, Olivia Grigolli, Elisa Plüss, Nikola Weisse und Susanne-Marie Wrage ihren „Druck auf der Sprechblase“ abendfüllend ablassen. Die von der Freude an Assoziation und Klangexperiment angetriebenen Suchbewegungen des sprachmächtigen Roth werden lustvoll deklamiert vom Solo bis zur Kammermusik in Silben. Mal wird eine Suite aus Wörtern komponiert, denen je ein Buchstabe abgezwackt ist, mal sinniert, ob Menschenkörper, durch die man hindurchsehen kann, noch Menschenkörper seien. Plötzlich turnt Roth wie ein verbaler Zirkusakrobat ums Wort „Sockel“ herum oder reiht in einem anatomischen Vortrag die „kleinen, harten Scharfen“ der „oberen Großöffnungsinnenhöhle“ vor unserem inneren Auge aneinander.

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Skurriler Neo-Dada, fürwahr! Serviert wird er zu den Marthaler-typischen Grotesken und Slapsticks, die noch immer bestens funktionieren. Ein Trinkwasserspender verweigert die Wasserausgabe und fährt „von selbst“ durchs Gelände. Der Mann, für den die elektronische Waage null Gramm anzeigt, wird in Abständen wie eine Pappkartonfigur herumgetragen oder tanzt einen irren „Tango“ mit den Damen. Die italienisch sprechende Frau verknotet ihre Beine wie zu einer Laokoon-Gruppe. Und immer wieder erklingt Musik – von der Spätrenaissance eines John Dowland bis zu Carole King –, zur Digitalpiano-Begleitung gesungen oder ab Plattenspieler. Chapeau!

Nächste Vorstellungen: 22., 24., 25., 27. Sept.; 14., 15., 18., 19. Okt. Tickets und Infos zum Corona-Schutzkonzept: http://www.schauspielhaus.ch

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