Hoffen Sie auf ein Jenseits? Ist die Ehe für Sie noch ein Problem? Und vor allem: Kommen Ihnen diese intimen Fragen bekannt vor? Wenn nicht, dann haben Sie im vergangenen Jahr aber schlecht aufgepasst. Denn die Fragen nach Jenseitshoffnungen und Eheproblemen haben für uns Künstler, Dichter und Denker verschiedenster Prägung beantwortet: Vom Bestsellerautor T.C. Boyle über die Schauspielerin Barbara Auer bis zum Schlagersänger Matthias Reim.

Unverschämt direkt

Es sind Fragen, die der Schweizer Autor Max Frisch einst in seinem Tagebuch ausformulierte. Sie zu beantworten traute er sich nicht zu, als „hinterhältig“ beschrieb er sie selbst. Bei Max Frisch lauert dieser Hinterhalt in Fragen von oft unverschämter Direktheit (“Wie oft haben Sie schon mit Alkohol aufgehört?“) und in vorgegebenen Antworten, die nur drei Möglichkeiten zulassen (“Handeln Sie moralisch: a) weil Sie der Schwächere sind? b) um sich selbst sympathisch zu sein? c) weil Sie es sich leisten können?“).

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Wer von uns – mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags und der Erben von Max Frisch – um Antworten gebeten wird, erhält eine Liste mit 30 Fragen zur Auswahl. Und zugegeben: Die heikelsten Exemplare sind da schon aussortiert. Eine öffentliche Beichte zu den eigenen Alkoholgewohnheiten wollen wir von unseren Teilnehmern nicht einmal, wenn sie unter dem Siegel der Freiwilligkeit geschieht.

Demokratie hin oder her

Was übrig bleibt, ist ohnehin schon brisant genug und verleitet so manchen zu Einblicken in persönliche Angelegenheiten, nach denen ein gewöhnlicher Interviewer sich gar nicht zu fragen getraute. So kommt es, dass wir von Gaby Hauptmann erfahren, wie sie einst mit Voodoo-Praktiken einen Vorgesetzten zu traktieren versuchte – zu ihrem eigenen Schrecken mit Erfolg. Und Jan Weiler gesteht: Hätte er die Macht, etwas von ihm selbst für richtig Erachtetes gegen den Mehrheitswillen per Befehl durchzusetzen – er würde es tun. Demokratie hin oder her.

Gaby Hauptmann verfügt womöglich über größere Kräfte, als sie selbst ahnt.
Gaby Hauptmann verfügt womöglich über größere Kräfte, als sie selbst ahnt. | Bild: Marijan Murat

Manche nutzen die Fragen für politische Grundsatzkritik: Matthias Politycki ärgert sich über „politisch korrekt sich deklarierende Sprech- und Denkverbote“, Intendant Christoph Nix hat die Hoffnung aufgegeben, „dass die Grünen ihren Grundidealen nachkommen“ und T.C. Boyle wünscht sich Attila, den Hunnenkönig zurück, damit er sich mal den aktuellen „Präsidenten“ (in Anführungszeichen!) der USA vornimmt.

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Konfrontiert mit den Insignien der privaten Glückseligkeit wie einer gelungenen Ehe flüchten sich wieder andere in Zynismus. Die Ehe, sagt etwa Regisseur Douglas Wolfsperger, sei für ihn kein Problem mehr, seit er „glücklich geschieden“ ist. Und auf die Frage, welche Probleme so ein Bund fürs Leben lösen könne: „Ein paar von denen, die man allein nicht hätte. Man versteht zum Beispiel, warum zwei Menschen sich unbedingt gegenseitig umbringen wollen.“ Derweil beantwortet Schlagerstar Matthias Reim die Frage, ob Ehe für ihn „noch ein Problem“ sei, mit einer ungläubigen Gegenfrage: „Das fragen Sie jemanden, der schon drei Ehen hinter sich hat?“

„Für wie dumm halten Sie mich?“

Rebellische Geister wie der Bildhauer Lenk fühlen sich von Max Frisch zu frechen Widerworten herausgefordert. Auf die Frage, ob er die Erde als heimatlich empfinde, antwortet er: „Ich bin doch kein Regenwurm!“ Und danach gefragt, ob ihn seine Selbstkritik eigentlich überzeuge, blafft Peter Prange zurück: „Für wie dumm halten Sie mich? Natürlich nicht!“

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Immer wieder gibt es Überraschendes zu erfahren. Sollte Arnold Stadler eines Tages in den Himmel kommen – und daran wollen wir nicht zweifeln – so will er dort um keinen Preis Phil Collins oder Yoko Ono begegnen. Oliver Wnuk will mindestens 95 Jahre alt werden, und Arno Geiger lässt sich vom Mord an unliebsamen Zeitgenossen nur von einem einzigen Umstand abhalten: „Sie sind es mir nicht wert, dass ich mich damit belaste.“

US-Kultautor T.C. Boyle wünscht sich Attila den Hunnenkönig zurück.
US-Kultautor T.C. Boyle wünscht sich Attila den Hunnenkönig zurück. | Bild: Jörg Carstensen

Ein einziger von uns angefragter Autor musste passen, weil ihm zu Max Frischs Fragen beim besten Willen nichts einfallen wollte. Dafür hat ein anderer gleich sämtliche Fragen auf einmal beantwortet: Wladimir Kaminer lieferte einen Fließtext, der von unserem Seelenheil über die Angst vor dem Tod bis zur russischen Revolution so ziemlich alles unterbrachte, was sich aus Frischs Fragen nur ableiten lässt.

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So also sieht die Bilanz aus nach einem Jahr Fragen von Max Frisch. Es soll nicht das letzte gewesen sein: Zur nächsten Runde gibt es ein paar neue Fragen, aufmerksame Leser haben sie vielleicht bereits bemerkt. Es geht unter anderem um Moral, Geschlechterfragen und neue Technologien: „Können Sie sich eine menschliche Existenz (das heißt: die Erste Welt) überhaupt noch vorstellen ohne Computer?“ Solche Fragen waren tatsächlich schon aktuell zu Zeiten von Max Frisch. Fehlen nur noch die Antworten.

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