„Wie konnte ich diesen epochalen Wissenschaftler nur derartig übersehen haben?“ Diese Frage kam mir bei der Lektüre der so spannenden wie erkenntnisreichen Biografie von Andrea Wulf über Alexander von Humboldt. Sein Bruder Wilhelm, nach dem das humboldtsche Bildungsideal benannt wurde, war mir viel mehr ein Begriff. Ein schaler Trost: Ich bin nicht der Einzige, bei dem Alexander von Humboldt in Vergessenheit geraten ist.

Alexander von Humboldt in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (1806).
Alexander von Humboldt in einem Gemälde von Friedrich Georg Weitsch (1806). | Bild: Wikipedia

Zu Unrecht. Denn selten war ein Wissenschaftler und Naturforscher wirkmächtiger als dieses Universalgenie. In einer Zeit, in der die Welt nur bruchteilhaft bekannt war und in der die gelehrte Welt sich aufmachte, einzelne Disziplinen isoliert zu betrachten und weiterzuentwickeln, dachte und arbeitete er in Zusammenhängen. Alles ist miteinander verbunden, vom Kleinsten bis zum Größten. Nicht nur in der Natur, er sah auch die Zusammenhänge von Gesellschaft, Politik und Natur.

Verheerender Einfluss der Waldrodung

Er erklärte als erster den verheerenden Einfluss von Waldrodung auf Bodenbeschaffenheit und Landwirtschaft. Er geißelte die in seiner Zeit noch breit praktizierte Sklaverei als menschenverachtende Praxis, und sah die Menschen in jedem Kontinent als gleichwertig und gleich veranlagt an. Er befand, dass die Ausbeutung der Menschen im Gleichschritt mit der Ausbeutung der Natur einherging.

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Mit einer unglaublichen Detailversessenheit kartographierte er die Pflanzenwelt und stellte weltweite Vergleiche an. Seine Schriften ermöglichen es uns noch heute, die klimabedingten Höhenverschiebungen nachzuvollziehen. Und er versah seine naturwissenschaftlichen Arbeiten immer mit einem romantischen Blick.

Andrea Wulf: „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“, C. Bertelsmann Verlag 2016; 560 Seiten, 24,99 Euro.
Andrea Wulf: „Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“, C. Bertelsmann Verlag 2016; 560 Seiten, 24,99 Euro. | Bild: Cover

„Kosmos“ heißt sein zentrales Spätwerk. Der Titel ist mit Bedacht gewählt: Die Welt als Ganzes zu sehen, vernetzt und in Zusammenhang, eingebettet in den Himmelsräumen. „Humboldt überschüttet uns mit geistigen Schätzen“, kommentierte Goethe und las gierig jede Schrift des Alexander von Humboldt.

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Ja, Alexander von Humboldt definiert die Natur neu und hat unsere moderne Sicht auf sie begründet. Aber mehr noch als das: Er ist der Entdecker der Ökologie. Seine Gedanken haben unser Verständnis unserer Erde geprägt und vor 40 Jahren den Weg zu einer neuen Partei bereitet, den Grünen.

Winfried Kretschmann, 71, ist Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Mit seinem Beitrag startet unsere neue Kolumne „Der Blick auf den Nachttisch“, in der Gastautoren Einblicke in ihre Lektüreerlebnisse geben.