Kürzlich im Konzert gewesen. Gebebt. Gestaunt. Gerührt gewesen. Gustav Mahlers 6. Sinfonie. Es dirigierte Teodor Currentzis. Es war sein erster Auftritt als neuer Chefdirigent des SWR Sinfonieorchesters. Nach den ersten Takten hob das Orchester ab wie ein Jumbo-Jet. Und schwebte. Das Publikum tobte beim Applaus. Teodor Currentzis war vorzüglich gelandet, bei alt – und jung. Currenzis, 47, ist Kult, gerade auch bei einem jüngeren Publikum.

Von wegen Silbersee

Viele klagen über den Silbersee in Klassik-Konzerten: Das Publikum wird älter, das Haar grau. Der Klassik-Hörer stirbt aus. Tatsächlich? Currentzis ist nicht der einzige, der umjubelt wird. August 2019: Der Dirigent Kirill Petrenko, 47, musste sein Antrittskonzert bei den Berliner Philharmonikern wiederholen, so begehrt waren die Tickets.

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Er entschied sich mit seinem Orchester, vor dem Brandenburger Tor für sein neues Publikum gratis zu spielen. 35 000 Besucher lauschten Beethovens Neunter Sinfonie. Der Beifall für die 125 Musiker aus 28 Nationen wollte kein Ende nehmen. Gleichzeitig war das Konzert in elf Berliner Kinos zu sehen. Ein Gratiskonzert als Gastgeschenk und Einstiegsdroge für künftige Besucher, vorbildlich.

35000 Menschen verfolgten auf der Straße des 17. Juni das Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung des neuen Chefdirigentenr Kirill Petrenko.
35000 Menschen verfolgten auf der Straße des 17. Juni das Konzert der Berliner Philharmoniker unter der Leitung des neuen Chefdirigentenr Kirill Petrenko. | Bild: Paul Zinken

Wer genügend Mut zur Ignoranz aufbringt, kann jetzt auf die böse Eventkultur schimpfen, auf Openair-Konzerte, die Hochkulturelles zur Massenkultur herabwürdigen. Mit noch größerem Recht allerdings könnte man dann auch auf den Fußball schimpfen: wie er seriöse Nachrichtensendungen beherrscht; wie Siegesfeiern durch historisch gewachsene Altstadtkerne toben. Schlimm? Zeitgeist halt. Es führt kein Weg an Goethes Wort vorbei: „Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen, ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.“ Wenn man dem grassierenden Fußball-Wahnsinn ein riesiges Klassik-Openair entgegensetzt: Was soll daran schlecht sein?

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Trotz Boom der Massenevents halten die öffentlich subventionierten Bühnen ihre Position. Die Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins (mit Schweiz und Österreich) zeigt für die Spielzeit 2017/2018: „Mit rund 27, 5 Millionen Zuschauern haben die Theater fast auf den Punkt genau so viele Menschen erreicht wie in der vorangegangenen Spielzeit.“

Mehr Publikum in Orchesterkonzerten

Fast schon penetrant wird betont, dass die Besucherzahl in den Opernhäusern sinkt. Dass dafür das Publikum für Orchesterkonzerte massiv wächst, wird gern übersehen. Die Deutsche Orchestervereinigung monierte jüngst, dass die großen Klassik-Openairs in keiner Statistik erfasst werden. Und weiter: „Auch die Besucher kleinerer professioneller Klassikfestivals oder Open-Air-Konzerte, der Konzerte von Musikhochschulen, vieler Kammermusikveranstaltungen, der Konzerte in Kirchen oder in Universitäten werden statistisch grundsätzlich nicht erfasst.“

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Das Interesse für Klassik ist offensichtlich vorhanden. Kinos zeigen neuerdings Klassik-Konzertfilme. Klassik beflügelt den Tourismus, vom Gstaad Menuhin Festival bis zum Bodenseefestival. Neue Konzerthäuser locken, die Hamburger Elbphilharmonie, die Philharmonie de Paris, das KKL, das erweiterte Stadtcasino in Basel. Alles für Ältere? Eine Studie im Auftrag des Klassikstreamingdiensts Idagio ergab: 35 Prozent aller Erwachsenen weltweit hören klassische Musik, 30 Prozent der Klassik-Hörer sind jünger als 35 Jahre.

Junge Stars am Pult

Neben Teodor Currentzis und Kirill Petrenko gibt es weitere aufstrebende Dirigenten jungen Alters. Eine Auswahl:

  • Gustavo Dudamel, 38: Der Venezolaner hat in seinem Heimatland einen Klassikboom ausgelöst. Schon mit 23 Jahren gewann er den renommierten Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb in Bamberg, 2007 wurde er Chefdirigten der Göteborger Symphoniker. 2017 dirigierte er das Neujahrskonzet der Wiener Philharmoniker – als jüngster Dirigent aller Zeiten.
  • Andrés Orozco-Estrada, 41: Der Kolumbianer wird nächstes Jahr Chefdirigent der Wiener Symphoniker. Bereits seit 2014 hat er diese Position beim hr-Sinfonieorchester in Frankfurt inne.
  • Yannick Nézet-Séguin, 44: Der Kanadier tritt 2020 den Posten des Chefdirigenten bei der New Yorker Metropolitan Opera an. Er löst damit James Levine ab, der des sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen beschuldigt wird.
  • Mirga Gražinyte-Tyla, 31: Sie ist eine der ganz wenigen Frauen, die es in die Spitzenklasse der Dirigierszene geschafft hat. Mit nur 29 Jahren wurde die Litauerin Chefdirigentin des City of Birmingham Orchestras.
  • Philippe Jordan, 44: Der Schweizer soll nächstes Jahr Musikdirektor an der Wiener Staatsoper werden. (brg)