Das Zürcher Schauspielhaus hat eine neue Leitung. Sie besteht aus der ersten Doppelspitze in der Geschichte des Theaters: Nicolas Stemann, Regisseur, und Benjamin von Blomberg, Dramaturg, verbindet eine lange Zusammenarbeit.

Ihr Auftrag vonseiten der Stadt lautete, politisch relevantes Theater zu machen. Wie das konkret aussieht, wird sich aber erst im Spätherbst zeigen. Es dauert, bis so ein neues Team die ersten eigenen Produktionen erarbeitet hat.

Sieben Regisseure, sieben Werke

Die Spielzeiteröffnung findet trotzdem bereits am kommenden Mittwoch statt. Als fünftägiges Festival, auf dem bereits längst bestehende Inszenierungen zu sehen sind. Jeder der sieben Hausregisseure bringt ein Werk mit, das ihm besonders wichtig ist.

Auch der Intendant selbst, Nicolas Stemann. Und die Arbeit des 50-Jährigen hat es in sich: Es handelt sich um den wohl aufwendigsten und spektakulärsten „Faust“ seit der Jahrtausendwende.

Die Schauspieler Philipp Hochmair (links) und Sebastian Rudolph im Hamburger Thalia Theater.
Die Schauspieler Philipp Hochmair (links) und Sebastian Rudolph im Hamburger Thalia Theater. | Bild: Daniel Bockwoldt / dpa

Acht Jahre ist er her, dass der Acht-Stunden-Marathon (Faust I und II ungekürzt) erstmals bei den Salzburger Festspielen gezeigt wurde. Später lief er am Hamburger Thalia Theater. Stemann wurde damals zum Regisseur des Jahres gekürt, Blomberg für die Dramaturgie zu dieser Produktion gewürdigt. Zu Recht? Für den ersten Teil des Abends zweifellos.

Selten hat man die Tragödie so gegenwartsnah erlebt: einen Stoff, der mit so unschönen Wortassoziationen wie „Pflichtlektüre“ und „Klassikerkanon“ belastet ist, kurz: mit all dem Bildungsgedöns, das mehr schlechtes Gewissen bereitet, als es Genuss beschert.

In der Schule fängt es an

Hier, im grauen Schulalltag, setzt dieser Abend an. Mit einem strebsamen Bürschchen mit gelbem Reclam-Heft in der Hand: Zögerlich, zaghaft liest er die „Zueignung“, leise vor sich hinmurmelnd, als wäre er allein auf dieser Welt.

Wir sehen ihn, wie er lesend sich mehr und mehr die Figur aneignet, die ihm da der Dichter vorsetzt. „Habe nun, ach …“, ruft er, und spätestens zu diesem Zeitpunkt wird klar: Er ist nicht bloß ein Lesender, er ist bereits Faust selbst.

Faust gegen Mephisto

Währenddessen wagt sich ein Zweiter an die Lektüre. Ein Schüler auch er, aber nicht so strebsam und geduldig, eher der Typ Rabauke aus der letzten Reihe. Früh zeigt sich: Ihm steht der Mephisto näher, seine Verse liest er mit größerer Freude als den faustischen Streberkram.

Mit Sebastian Rudolph und Philipp Hochmair geben zwei großartige Schauspieler dieses ungleiche Schülerpaar, das sich aus dem Heute in den Stoff des Mittelalters hineinliest, bis Wirklichkeit und Literatur, Identität und Figur eins geworden sind.

Kommentar auf die Gesellschaft

Das allein wäre noch nicht viel mehr als ein hübscher Regie-Einfall (in dem sich ein Grundprinzip Stemannscher Regieführung zu erkennen gibt). Die Brisanz ergibt sich aus Neudeutungen, die den Klassiker unvermutet als Kommentar auf unsere Gesellschaft der Selbstinszenierung erscheinen lassen.

Wenn Gretchen (Patrycia Ziolkowska) beim Betrachten des eigenen Abbilds auf Leinwand nicht nur seinen eigenen Text spricht, sondern auch die billige Anmache durch Faust, hat das so gar nichts vom armen Opfertum.

2011 im Hamburger Thalia Theater: die Schauspieler Patrycia Ziolkowska als Gretchen (Mitte), Sebastian Rudolph als Faust (links) und Philipp Hochmair als Mephisto (rechts).
2011 im Hamburger Thalia Theater: die Schauspieler Patrycia Ziolkowska als Gretchen (Mitte), Sebastian Rudolph als Faust (links) und Philipp Hochmair als Mephisto (rechts). | Bild: Daniel Bockwoldt / dpa

Im Gegenteil: Wie es sich verführerisch auf der Leinwand räkelt, wirkt es vielmehr, als gefalle ihm die Vorstellung, dass ein unbekannter Herr bei seinem Anblick den Kopf verliert. Heimliche Sehnsüchte eines pubertierenden Mädchens.

Man muss allein wegen dieser raffinierten Bilder zu „Faust I“ zu einem Besuch der viel gelobten Produktion raten, auch wenn der Tragödie zweiter Teil – der freilich den deutlich größeren Part dieses Abends in Anspruch nimmt – gegenüber dem Beginn deutlich abfällt.

Intellektuelle Tiefenschärfe lässt nach

Aus Goethes wildem Mummenschanz macht Stemann eine Fasnacht der Kapitalismuskritik mit Politiker- und Bankenbeschimpfung nach Art des Agitprop. Insgesamt wirkt vieles zu plakativ, um an die intellektuelle Tiefenschärfe der ersten Stunden anzuschließen.

Und noch etwas fällt auf, acht Jahre nach der Premiere von Salzburg. Theater – von Lessing einst als „transitorische Malerei“, also als Kunst des Flüchtigen, Vorübergehenden bezeichnet – verändert mit der Zeit seine Bedeutung.

Lohnenswerte Neubesichtigung

Gretchens eitle Selbstbespiegelung, die sich als Wunschvorstellung deuten lässt, auf der Straße von einem Wildfremden angebaggert zu werden: Vor dem Hintergrund der MeToo-Bewegung erscheint so etwas heute in ganz neuem, problematischem Licht.

Genau das aber kann so eine Neubesichtigung einer jahrealten Inszenierung lohnenswert machen. Und vielleicht haben sie ja auch manches geändert: angepasst an eine gewandelte Gesellschaft mit neuen Themen, Hoffnungen und Überzeugungen.