Am Rugen bei Matten, nahe der Schweizer Stadt Interlaken, befindet sich an einem Waldrand ein historisches Dorf. Inmitten des Dorfkerns steht dick verpackt in Winterjacken und wetterfesten Schuhen eine Gruppe von Menschen. Darunter Oliver Stein. Seit März dieses Jahres fanden am Fuße des Jungfraujochs, unter der Regie des Singeners die Proben für die Tellspiele statt, eines der größten Freiluftspektakel mit einer über 100-jährigen Tradition.

„Obwohl ich mit Fußball nichts am Hut habe, fühle ich mich bei den Proben manchmal wie ein Fußballtrainer, den nichts mehr auf der Bank hält und der wild gestikulierend am Spielfeldrand steht und mit Leib und Seele sein Team antreibt“, erzählt Oliver Stein lachend. Man merkt, dass sein Beruf seine Berufung ist.

Singen bleibt seine Heimat

Er liebt die Arbeit in der benachbarten Schweiz, nahe seines deutschen Heimatorts Singen. Die Stadt am Hohentwiel ist und wird immer seine Heimat sein, sagt er. „Ich bin in Singen aufgewachsen, habe während meiner Schauspielausbildung in München meine Ex-Frau kennengelernt und bin nach einem Jahr am Stadttheater Landshut mit ihr und unserem Sohn nach Singen zurückgekehrt.“

Neben diversen Rollen in Kino- und TV-Produktionen war er vorwiegend in seiner Heimatregion künstlerisch tätig. Er gründete mit den Schauspielkollegen Elmar Kühling und Nete Mann das Kollektiv „Artgenossen“. Unter anderem realisierten sie das Stück „Der Abstecher“ von Martin Walser und gastierten damit in der Singener Basilika. Mit weiteren Projekten in der Singener Gems und Stadthalle sowie Engagements am Stadttheater Konstanz und der „Färbe“ festigte Stein seine Wurzeln in der Region. Den Kulturförderpreis Hegau erhielt er im Jahr 2008 für das Monodrama Gütterli, das er in der Singener Theresienkapelle aufführte.

Die Tellspiele sind ein Phänomen

Im Jahr 2011 gingen er und seine Frau getrennte Wege, sie führte es nach Berlin, ihn nach Bern, wo er nun mit seiner neuen Partnerin und den gemeinsamen Kindern lebt. Ein Freilichtspektakel zu inszenieren, ist für ihn nicht neu. Erfahrungen hatte er schon in der Vergangenheit gesammelt, zuletzt im Jahr 2016 mit dem Großprojekt „No e Wili“ in Stein am Rhein, einem Stück mit über 300 Beteiligten. Nun die Tellspiele Interlaken.

Um 1910 hatte August Flückiger, ein Lehrer von Matten, die Idee, mit seinen Schülern einige Szenen aus Schillers Drama „Tell“ aufzuführen. Das Spiel war ein Erfolg und für ihn Motivation, mithilfe der Schweizer Bürger das komplette Stück auf die Bühne zu bringen. Seit dem Jahr 1912 wird in Matten, auf dem über 10 000 Quadratmeter großen „Tell-Areal“ das Drama von Friedrich Schiller gespielt. Einzig unterbrochen wurde das „Kulturgut des Berner Oberlands“ nur während der beiden Weltkriege. Wohl kein Werk der Literaturgeschichte hat die Schweizer Volkskultur so nachhaltig geprägt wie Schillers Werk. Seitdem locken die Freilichtspiele Jahr für Jahr die Besucher aus der Schweiz und dem Ausland, mittlerweile waren es wohl über zwei Millionen.

Das Erfolgslevel will gehalten werden

In Zeiten, in denen Freilichtaufführungen geradezu boomen, ist es nicht einfach, das Erfolgslevel zu halten. Die überdachte Tribüne mit annähernd 2 500 Besucherplätzen, die es ermöglicht, bei jedem Wetter zu spielen, will gefüllt werden. Vergangenes Wochenende war Premiere.

Oliver Stein freut sich über seine neue Aufgabe, dem Stück neue Impulse zu verleihen. Er sagt: „Zum einen liebe ich klassische Theaterstoffe und bin selbst ein großer Fan von Schiller und Goethe. Zum anderen ist das Thema nach wie vor brandaktuell. Der Tell-Mythos veranschaulicht, was für ein wichtiges Gut die Freiheit ist und wie sich die Energie des Einzelnen vervielfacht und der Macht der Obrigkeit die Stirn bieten kann.“ Neben der Inszenierung ist es vor allem die Aussage des Stücks, die ihn bewegt: „Gewalt kann nur ein letztes Mittel sein und darf nur zum Zwecke der Verteidigung dienen.“

An den jährlichen Tell-Festspielen in Interlaken sind 200 Laiendarsteller und -Darstellerinnen aus der Region Interlaken und darüber hinaus beteiligt.
An den jährlichen Tell-Festspielen in Interlaken sind 200 Laiendarsteller und -Darstellerinnen aus der Region Interlaken und darüber hinaus beteiligt. | Bild: Dany Rhyner

Die Freilichtinszenierung: Ein mittelalterliches Dorf, über 200 Darstellerinnen und Darsteller, vom Kleinkind bis hin zum alten Mütterlein, allesamt Laiendarsteller aus der Region Interlaken, Thun, Bern und dem Berner Oberland, die eines gemeinsam haben: die Liebe und Leidenschaft für das Theaterspiel. Die historische Kulisse, detailgetreue Kostüme und eine Schar lebender Tiere helfen, das Publikum mit auf eine Reise in die Vergangenheit zu nehmen, zu den Anfängen der Eidgenossenschaft, zum Rütlischwur.

Authentizität zählt – auch bei Laien

Im Januar begannen die Proben, im März ging es ins Freie, bei jedem Wetter. Beim Casting der Rollenbesetzung ging Stein eher unkonventionelle Wege. „Für mich stellte sich zunächst die Frage: Kann ich mir denjenigen in der Rolle vorstellen, völlig unabhängig von seiner äußeren Erscheinung?“, erzählt er. „Ich mag Gegenbesetzungen, polarisiere gerne. Das macht es spannend. Eine attraktive Frau muss nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprechen. Witz, Charme, Intelligenz, eine authentische Ausstrahlung können ebenso attraktiv wirken. Und der Narr, der den König spielt, ist eben ein ganz besonderer König.“

Auf die Frage, was die Herausforderung bei der Arbeit mit Laiendarstellern ist, antwortet er: „Ich arbeite seit Jahren sowohl mit Profis als auch mit Laien. Die Quintessenz daraus: Ein guter Laie ist mir lieber als ein schlechter Profi. Mir geht es immer darum, authentisch zu sein, und die Voraussetzungen dafür findest du bei beiden.“ Der Unterschied liege jedoch im Sprechen, denn Laiendarsteller beherrschen in der Regel nicht die dialektfreie Bühnensprache. Das spiele aber bei den Tellspielen keine Rolle. Einzig Goethe, Schiller sowie die Habsburger sprächen in der Inszenierung Hochdeutsch – und das wird fleißig geübt. Die anderen Rollen – um möglichst nah an der Geschichte zu bleiben – würden ohnehin in Mundart gesprochen.

Auch echte Tiere spielen bei „Wilhelm Tell“ mit.
Auch echte Tiere spielen bei „Wilhelm Tell“ mit. | Bild: Dany Rhyner

Das Ziel seiner Arbeit beschreibt Stein so: „Der Verein setzt Vertrauen in mich, denn letztendlich wurde ich von den vielen Bewerbern auch deshalb ausgewählt, um Zuschauer zu generieren und die Existenz eines gut 200 Mitglieder starken Vereins zu sichern. Hier geht es um das Überleben!“

Und natürlich hat Stein auch ein künstlerisches Ziel:. „Ich will die individuelle Persönlichkeit der Schauspieler mit den Vorgaben der Rolle mischen und damit eine einzigartige Persönlichkeit schaffen, anstatt die Kopie eines hundertfach gespielten Stereotyps zu zeigen. Dabei geht es in allererster Linie um Authentizität, denn nur ein authentisches Spiel kann bewegen und Botschaften vermitteln. Die Zuschauer sollen am Ende der Vorstellung mit den Gefühl nach Hause gehen: Dieses Spiel hat mich berührt.“