Als der Konstanzer Kulturwissenschaftler und Ägyptologe Jan Assmann im vergangenen Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, formulierte er im SÜDKURIER-Interview einen dringenden Wunsch. „Wir müssen lernen, uns mit den Augen der anderen zu sehen“, sagte er. Gemeint war vor allem die Wahrnehmung und das Denken in islamischen Gesellschaften.

Jan Assmann: „Wir müssen lernen, uns mit den Augen der anderen zu sehen."
Jan Assmann: „Wir müssen lernen, uns mit den Augen der anderen zu sehen." | Bild: Tesche, Sabine

Mit den Augen der anderen sehen, diese Handlungsanweisung kann natürlich allenfalls im übertragenen Sinn realistisch erscheinen. Wirklich eintauchen in ein anderes Bewusstsein, fremde Gedanken lesen, Gefühle nachempfinden und schließlich auch optische Wahrnehmungen teilen: Diese Möglichkeit existiert nicht. Aber was, wenn sich das eines Tages ändert?

Vision in Radikalform

Der dänische Autor Peter Høeg (bekannt durch seinen Bestseller „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“) widmet diesem Szenario seinen neuen Roman. „Durch deine Augen“ lautet der Titel dieses Buchs, das Assmanns Vision in Radikalform verwirklicht.

Geheimes Projekt

Möglich macht die Seelenwanderung Lisa Skaersgard, eine Neurowissenschaftlerin. In einem geheimen Projekt der dänischen Regierung arbeitet sie mit MRT-Scannern, 3D-Brillen und holografischen Projektoren. Wer sich als Versuchsperson zur Verfügung stellt, gewährt ihr Einblicke in intimste Sphären: Kindheitserinnerungen, seelische Verletzungen, politische Überzeugungen.

Exkursion ins andere Ich

Der Erzähler (er trägt übrigens den Namen des Autors) selbst darf an einer solchen Exkursion ins andere Ich teilnehmen. Er sieht: die fremde Persönlichkeit als dreidimensionales Hologramm. Farbliche Abstufungen, die darin Erregung, Angst oder Freude markieren. Und beim Eintreten in die Lichtfigur begegnet er Träumen und Traumata: Unfällen, Mordanschlägen, Katastrophen.

Fließende Geschichten

Zeigen sie die Wahrheit, ein tatsächliches Erleben und Empfinden? Nun, sagt Lisa ihrem Freund, dem Erzähler: Es ist zumindest das, was die Versuchsperson für Wahrheit hält. „Wenn man sich ins Leben der Menschen hineinbewegt, fangen die Geschichten an zu fließen.“

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Die enormen Risiken dieser Forschung lassen sich nur erahnen. Was vordergründig die Therapie von schwer traumatisierten Patienten erleichtern soll, eignet sich hervorragend zur Überwachung und Manipulation: Nicht auszudenken, was ein solcher Apparat in einem totalitären Staat anrichten könnte. Bei Peter Høeg kommt dieser Aspekt eindeutig zu kurz.

Zweite Zeitebene

Interessant ist dafür eine Erzählung, die auf einer zweiten Zeitebene stattfindet. Denn Lisa ist nicht zufällig auf dem Leitungsposten eines solch sensiblen Projekts gelandet. Bereits in früher Kindheit war ihr schon einmal das Aufbrechen menschlicher Bewusstseinsgrenzen geglückt – ganz ohne MRT und sonstiges schweres Gerät.

In Träume eindringen

Schon damals war sie mit Peter befreundet. Und gemeinsam hatten sie darüber nachgedacht, wie sie es anstellen könnten, ihrer Freundin Conny zu helfen. Die nämlich machte nachts noch immer ins Bett. Die Idee der kleinen Lisa: Es müsste doch möglich sein, in Connys Träume einzudringen und sie dort an den Toilettengang zu erinnern.

Peter Hoeg:  Durch deine Augen. Übersetzt von Peter Urban-Halle. Hanser-Verlag München 2019, 336 Seiten, 24 Euro
Peter Hoeg: Durch deine Augen. Übersetzt von Peter Urban-Halle. Hanser-Verlag München 2019, 336 Seiten, 24 Euro | Bild: Hanser, Oliver

Man kennt solche Vorstellungen von Traumwanderungen aus Märchen und Sagen. Bei Høeg allerdings basiert dieses Vorhaben auf einem bemerkenswert realistischen Fundament: Die Kinder beschließen, die Farbe Rot als Erinnerungssignal zu nehmen. Taucht im Traum ein roter Gegenstand auf, gilt es, an das gemeinsame Ziel zu denken. Siehe da: Schon bald ist Conny trocken.

Ein Schutzpanzer

Es zeigt sich, dass in der Kindheit das Überschreiten von Bewusstseinsgrenzen leichter war als heute im Erwachsenenalter. Lisa erklärt das mit einer „Firewall“, einer Art Brandmauer, die sich der Mensch im Lauf der Zeit als Schutzpanzer zulege. Die Versuchsreihen im geheimen Labor funktionieren deshalb nur unter Einnahme einer Droge. Das Medikament Ketalar reißt vorübergehend die Brandmauer ein, macht die Grenzen des menschlichen Bewusstseins für andere durchlässig. Ein großer Schritt für die Forschung – auch ein großer Schritt für die Menschheit?

Zum Verharren geschaffen

In seinem Erzähler-Ich stellt Høeg der optimistischen Lisa eine skeptische Antipode gegenüber. „Vielleicht ist es gar nicht vorgesehen, dass wir die Brandmauer durchbrechen“, wirft er ein: „Vielleicht sind wir dazu geschaffen und aufgewachsen, in uns selbst zu verharren.“

Kitschverdächtige Wendungen

Der Autor verpasst es, die Frage nach Nutzen und Schaden unserer starren Bewusstseinsgrenzen konsequent zu verfolgen. Dass er sich stattdessen wiederholt in kitschverdächtig floskelhafte Wendungen flüchtet („Wir sahen einander mit dem Herzen“), mitunter gar knapp am schriftstellerischen Offenbarungseid vorbeischrammt („Das zu erklären ist schwierig. Ich fürchte, man muss es selber erlebt haben, um es zu verstehen“), beeinträchtigt die Lektüre ganz erheblich.

Zuhören und nachdenken

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Grenzen unseres Ichs noch lange Bestand haben mögen. Zu groß erscheinen die Gefahren des Missbrauchs, als dass sie die Therapiechancen aufwiegen könnten. Und was Jan Assmanns Forderung betrifft, so werden wir uns bis auf Weiteres wohl noch mit der klassischen Form des Perspektivwechsels begnügen müssen: zuhören, nachdenken und versuchen, den anderen einfach zu verstehen.