Literatur ist der beste Geschichtsunterricht. „Die Räuber“ zum Beispiel von Friedrich Schiller: Das Drama um den Räuberhauptmann Karl Moor und seinen intriganten Bruder Franz wirkt heute wie ein Märchenfilm aus dem Hause Disney. Der Räuber wider Willen, die treu auf seine Rückkehr wartende Geliebte, der schändlich hintergangene Vater – was für ein unrealistischer Schmarrn!

Räuber gab es tatsächlich

Doch Räuberbanden hat es tatsächlich gegeben in den badischen und schwäbischen Wäldern des 18. Jahrhunderts. Und manches, was heute klischeehaft anmutet, war bittere Realität.

Es bedarf mitunter eines Zufalls, um dieser Realität auf die Spur zu kommen. Helmut Butscher aus der Region um Tettnang hatte im Jahr 1967 ein im 13. Jahrhundert erbautes Hofgut erworben. Der Dorfpfarrer überreichte ihm eine Liste mit den Namen aller bisherigen Besitzer. Darunter: Michael Betzle, geboren 1782. Gestorben 1816. Gestorben? Nun ja: hingerichtet!

Der Hof in Alberweiler (vorderes Haus). Hier wirkte einst Michael Betzle als Landwirt.
Der Hof in Alberweiler (vorderes Haus). Hier wirkte einst Michael Betzle als Landwirt. | Bild: Gisbert Hoffmann

Der Tettnanger Heimatkundler Gisbert Hoffmann hat jetzt – gestützt auf Butschers eigenen Recherchen – die Geschichte hinter diesem mysteriösen Fall rekonstruiert. Lebte Schiller noch: Er würde zu seinen „Räubern“ gewiss eine Fortsetzung schreiben.

Angesehener Bürger der Region

Das Stück handelt von Michael Betzle, der nach dem Tod seines Vaters bereits im zarten Alter von 13 Jahren den Hof übernehmen muss. Er bewältigt diese Aufgabe mit Bravour, gründet bald eine Familie mit sieben Kindern und gilt als vermögender, angesehener Bürger der Region.

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Man möchte sich direkt seine öffentlich bekundete Empörung vorstellen angesichts der schrecklichen Vorfälle in seiner Nachbarschaft, etwa als 1811 eines Nachts in Rudenweiler die Schmiede von Gallus Benz abbrennt. Oder als ein Jahr später die Bäuerin Won in Langsee bei einem Brand all ihr Hab und Gut verliert. Oder als 1813 die Familie von Martin Baumann nur in letzter Sekunde aus den Flammen ihres brennenden Hauses gerettet werden kann!

Gisbert Hoffmann ist Vorsitzender des Förderkreises Heimatkunde e.V. in Tettnang. Neben seiner Arbeit für die Vereinsschrift „FH-Kurier“ verfasst er Bücher über historische Themen der Region.
Gisbert Hoffmann ist Vorsitzender des Förderkreises Heimatkunde e.V. in Tettnang. Neben seiner Arbeit für die Vereinsschrift „FH-Kurier“ verfasst er Bücher über historische Themen der Region. | Bild: privat

Die Brandstifter entkommen stets unerkannt, die Polizei tappt im Dunkeln. Das liegt auch daran, dass die Kleinstaaterei es den Schurken besonders leicht macht. Vom Tatort ist es selten weit bis zur nächsten Grenze. Sich mal eben schnell ins Ausland absetzen: nichts leichter als das.

Verheerende Brände

Im Fall der verheerenden Brände von 1811 bis 1814 kommt aber ein weiteres Erschwernis dazu. Als Räuber werden in diesen Zeiten der Ernteausfälle und Hungersnöte meist verarmte Bauern und mittellose Studenten vermutet. Dass der Hauptmann dieser Bande ausgerechnet der anständige und wohlhabende Landwirt Michael Betzle ist: Wer kommt denn auf so was?

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Die Frage nach seinem Motiv bereitet auch mehr als 150 Jahre später den Heimatkundlern um Helmut Butscher und den Dorfpfarrer Theodor Weber Kopfzerbrechen. Ihre Antwort: Betzle war wohl mehr Terrorist als Räuber und handelte aus politisch begründetem Unmut statt aus Habgier. Eher ein Michael Kohlhaas also als ein Karl Moor.

Neue Herren

Mit Gründung des Königreichs Württemberg nämlich hatten plötzlich neue Herren das Sagen am östlichen Bodensee. Sie waren evangelisch, und schon das allein könnte Grund genug gewesen sein, gegen sie zu rebellieren.

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Am 13. Februar 1816 wurde der Brandstifter Michael Betzle zusammen mit seinem wichtigsten Komplizen Johann Maner zum Tode verurteilt und zehn Tage später in Ravensburg hingerichtet. Das Gerichtsurteil sah vor, dass er erst die Tötung seines Freundes ansehen musste, ehe er selbst „mit dem Schwert zum Tod zu bringen sei“.

Man mag es kaum glauben

„Die Räuber, Teil 2“: Schon bis hierhin liefert die Geschichte genügend Stoff für dieses Projekt. Doch das Abenteuer geht weiter, und zwar mit einer Figur, die wiederum so unwirklich, so klischeehaft anmutet, dass man es kaum glauben mag. Es handelt sich um den Klassiker „Sohn büßt für Verbrechen des Vaters und wird darüber zum Heiligen“.

Gebhard Betzle brachte es als Sohn eines Räuberhauptmanns zu Ansehen in der Gemeinde Gressoney-La-Trinité.
Gebhard Betzle brachte es als Sohn eines Räuberhauptmanns zu Ansehen in der Gemeinde Gressoney-La-Trinité. | Bild: Ugo Casalegno

Gebhard Betzle nämlich ist zehn Jahre alt, als sein Vater stirbt. In den folgenden Jahren muss er gemeinsam mit seinen vier ebenfalls minderjährigen Geschwistern (zwei Kinder waren bereits gestorben) der Mutter dabei helfen, den großen Hof zu bewirtschaften. Als er 20 Jahre alt ist, entschließt er sich, Theologie zu studieren. Und tatsächlich findet sich ein Gönner, der ihm die Ausbildung ermöglicht. Gebhard geht nach Brig im Schweizer Kanton Wallis, besucht dort das Jesuitenkolleg und liefert Bestnoten ab. Am 25. Mai 1839 erhält er im (heute italienischen) Aostatal die Priesterweihe, übernimmt wenig später die Pfarrstelle im abgelegenen Bergdorf Gressoney-la-Trinité.

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Es ist ein hartes Leben in diesem Hochgebirgsort am Monte-Rosa-Massiv. Gisbert Hoffmann berichtet von schweren Überschwemmungen, Lawinenunglücken, Choleraepidemien. Seelischer Beistand ist hier besonders wichtig. Welche Hochachtung sich Gebhard Betzle bis zu seinem Tod 1876 in der Gemeinde erworben hat, lässt sich noch heute an einer Gedenktafel am Friedhof der örtlichen Kirche ablesen: „Fünfunddreißig Jahre seines berufstreuen priesterlichen Wirkens erwarben ihm Achtung, Liebe, Dankbarkeit“, heißt es da.

Die Tafel zum Gedenken an Pfarrer Gebhard Betzle am Friedhof von Gressoney-La-Trinité im italienischen Aostatal.
Die Tafel zum Gedenken an Pfarrer Gebhard Betzle am Friedhof von Gressoney-La-Trinité im italienischen Aostatal. | Bild: Johannes Bruggaier

Von Michael Betzle gibt es nur ein schändliches „hingerichtet“ in der Eigentümerliste eines Bauernhofs. Der Name seines Sohns dagegen ist in Stein gemeißelt mit den Worten „Achtung“, „Liebe“, „Dankbarkeit“.

Mehr Informationen sind beim Tettnanger Förderverein für Heimatkunde erhältlich unter: http://www.foerderkreis-heimatkunde.de

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