Nicht die Hauptausstellung und die nationalen Pavillons beherrschen die Berichterstattung über die 58. Ausgabe der Biennale von Venedig, auch nicht das mit dem Goldenen Löwen prämierte Litauen, sondern Christoph Büchel. Der Schweizer hat im Arsenale, einem Spielplatz der Biennale, ein Schiffswrack aufgebockt. Es ist das Flüchtlingsboot, das 2015 vor Lampedusa kenterte. Mehr als 700 Menschen starben.

Büchel ließ das Boot aus Sizilien nach Venedig bringen. Im Katalog zur Ausstellung skizziert er Details zum Untergang der „Barca Nostra“ – und zur anschließenden Debatte: Ob das Totenschiff in Augusta als Monument in einem „Garten der Erinnerung“ aufgestellt werden sollte oder ob man es nicht besser, wie es Italiens damaliger Ministerpräsident Matteo Renzi vorschlug, als Mahnmal für den „Skandal der Migration“ nach Brüssel bringen sollte?

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Noch bevor das Wrack in Venedig aufgestellt worden war, gab es Proteste. Die Lega Nord um Italiens Innenminister Matteo Salvini betrachtet Büchels Installation als Provokation. Dagegen verteidigte der Präsident der Biennale, Paolo Baratta, die Aktion: „Das Wrack regt die Menschen zum Nachdenken an und spricht das Gewissen an. Das ist eine Hauptaufgabe der Kunst.“ Ist Kunst eine moralische Instanz?

Büchel hat sich bisher nicht dazu geäußert. Auf Werkangaben am Schiff hat er verzichtet. In den ersten Tagen der Biennale war zu beobachten, dass viele Besucher teilnahmslos am Wrack vorbeiliefen, vermutlich weil sie dachten, es gehöre zum Rost- und Restmobiliar der ehemaligen Werftanlage Arsenale. Nicht nur Kritik von rechts wurde laut.

Das Wrack der „Barca Nostra“ bei der Ankunft im Hafen von Venedig.
Das Wrack der „Barca Nostra“ bei der Ankunft im Hafen von Venedig. | Bild: Andrea Merola / ANSA / dpa

Auch Biennale-Künstler wandten sich gegen die Vermarktung des Grauens. Die mexikanische Künstlerin Juileta Aranda findet, dass man sich als Künstler nicht „eine Brücke auf den Rücken anderer Körper bauen sollte“. Will heißen: Büchel missbraucht die Tragödie zu künstlerischen Zwecken. Legitimiert die Freiheit der Kunst solche Projekte? Dass die documenta 2017 eine Installation aus Wracks von Flüchtlingsbooten zeigte, sei nur am Rande erwähnt.

„Barca Nostra“ sei ein Tatort, der den Betrachter zum Voyeur degradiere, lautet eine andere Kritik. Der Kurator der Hauptausstellung der Biennale, Ralph Rugoff, hat das Projektjedoch abgenickt, auch wenn er vom Wrack nicht als Kunstwerk spricht. Was ist es dann? Eine Ikone unseres Versagens allemal.

Kunst darf den Frieden stören

Rugoff plädiert dafür, dass Kunst unseren Frieden stören und neue Perspektiven eröffnen solle, warnt aber auch davor, gesellschaftliche Phänomene wie Neoliberalismus, Rassismus und andere Probleme aus einer vereinfachenden, oppositionellen Position heraus anzugehen. „Political Correctness“, sagt er, „führt nicht zu guter Kunst.“ Dem kann hier nicht widersprochen werden.

Eine andere Frage ist, ob das Publikum der Biennale, der richtige Adressat für Kernbotschaften ist, wie sie Büchel auf den Weg bringt. Nicht nur bei diesem Projekt entsteht der Eindruck, dass das Ganze eine Übung in politischer Korrektheit sei. Die Biennale als Anleitung zum Gutmenschentum?

Klimawandel und Meeresverschmutzung

Klimawandel, verschmutzte Meere, Artensterben, Minderheiten sind die Leitthemen vieler Länderpavillons. Kanada hat die Regie in die Hände einer Gruppe von Inuits gelegt. Der Schweizer Pavillon schwelgt in Queer-Kultur – das Wort steht für alles, was von der Norm abweicht. „Mit nichts kann sich ein Land so gut vermarkten wie mit seinen Minderheiten“, so die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ dazu.

Nicht nur politisch rechtslastige Menschen flüchten sich in einfache Lösungen für komplexe Probleme, auch linkslastige Künstler sind davor nicht gefeit. Das offene vom hohlen Kunstwerk zu unterscheiden, ist schwer. „Die Kunstwelt ist sehr auf sich selbst zentriert. Nach außen hin interessiert man sich für Politik, aber eigentlich wollen die Leute nur ihr Projekt nach Hause bekommen“, zeigt sich Francesco Bonami, Kurator der Biennale von 2013.

Und die Deutschen?

Das soll den Machern des deutschen Pavillons nicht unterstellt werden. Franciska Zólyom und Natascha Sadr Haghighian sind glaubwürdige Vertreter ihrer Zunft. Die eine leitet in Leipzig ein Museum, die andere ist Professorin für Bildhauerei. Dass beide Migrationshintergrund haben – geschenkt.

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Es geht auch Ihnen um Flüchtlinge. Schon zur Eröffnung des Pavillons wurden Rosa Luxemburgs Texte zur Akkumulation des Kapitals und ein Manifest geflüchteter Sudanesen verlesen. Haghighian selbst war zu sehen – mit einer Maske auf dem Kopf. Die Texte trug eine Schauspielerin mit dem bedeutungsvollen Namen Helene Duldung vor.

Mauer im Pavillon

Den Pavillon teilt eine Betonmauer, die unterschiedliche Assoziationen hervorruft. Die einen sehen darin ein Symbol für einen Wall gegen die angebliche Flüchtlingsflut, die anderen eine Anspielung auf ein utopisches Staudammprojekt von 1928, das eine Landbrücke zwischen Europa und Afrika schaffen sollte. Selbst Joseph Beuys wird als Ideengeber für die Künstlerin genannt.

Im deutschen Abschiebegefängnis wird aufgeklärt. Mit großem Ernst, aber auch mit Krisen- und Identitätskitsch. „Die Sinnstiftung wird überfüllt“, merkte „Die „Welt“ an. Aber es ist nicht der einzelne Künstler, der im Zweifel in der Sackgasse steckt, sondern eine Kunst am Tropf des Marktes. Alles wie gehabt.

Die Kunstbiennale in Venedig dauert bis zum 24. November 2019. Geöffnet ist die Ausstellung Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Weitere Informationen finden Sie hier.