Eine Annäherung an Natascha Süder Happelmann scheitert rasch an den von der Künstlerin Natascha Sadr Haghighian gesetzten Grenzen. „Das Spiel mit Identitäten beherrscht diese wie kaum jemand“, ist über sie zu lesen.

Sie möchte sich herkömmlichen Beschreibungen verschließen, heißt es dort, wo Öffentlichkeitsarbeit für sie gemacht wird. Es gehe nicht um sie, sondern darum, was sie mache. Dennoch ist einiges über die Deutsch-Iranerin zu erfahren, die bei der Biennale in Venedig (bis zum 24. November 2019) den deutschen Pavillon gestaltet.

Ihr Name ist ein Pseudonym

Natascha Süder Happelmann ist ein Pseudonym, das Haghighian benutzt für ihre Arbeit bei der nach der documenta in Kassel wichtigsten Präsentation von Gegenwartskunst. Es soll eine von zahlreichen Varianten sein, in denen ihr Namen durch falsche Aussprache oder Missverständnisse geschrieben oder gesprochen wurde.

Während einer Pressekonferenz zu ihrer Biennale-Teilnahme steckte ihr Kopf in einer steinartigen Skulptur. Gleichzeitig ließ sie eine Schauspielerin für sich sprechen. Bei einem Künstlergespräch zum Thema Identität setzte sie sich eine Papiermaske auf. Interviews lehnt sie ab. Für die „Süddeutsche Zeitung“ beantwortete sie fünf Fragen mit Zeichnungen, die an Tonsequenzen erinnern.

Alle schauen, eine spricht – es ist Natascha Süder Happelmanns Sprecherin Helene Duldung (Mitte).
Alle schauen, eine spricht – es ist Natascha Süder Happelmanns Sprecherin Helene Duldung (Mitte). | Bild: Felix Hörhager / dpa

Haghighian hat seit 2014 eine Professur für Bildhauerei an der Hochschule für Künste in Bremen. In der Kursankündigung heißt es: „Formen und Gestalten beinhaltet auch Denkprozesse. Deshalb ist das Sprechen, Diskutieren, Fragen und Untersuchen ein wichtiger Teil unserer Aktivitäten in der Klasse.“

Gefragt werde danach, was in der Welt als Kunst funktioniere. „Wo kommt Material her? Was ist ein Kunstwerk und wovon ist es Teil? Was sind die oft feinen Unterschiede zwischen einem Ding, einem Objekt, einer Ware und einem Kunstwerk?“

Nicht mal ihr Geburtsort ist sicher

Haghighian ist wohl 1967 in Teheran geboren. Es gibt aber auch Beschreibungen ihrer Person mit Angaben zu Teheran (1963), Budapest (1987), München und – gleichzeitig – Kassel (1979). Die Reihe ließe sich fortsetzen. Das New Yorker Museum of Modern Art macht die Künstlerin älter: Dort ist sie 1953 geboren.

Für Haghighian ist Verwirren Konzept. Sie rief die Biografie-Tauschbörse „Bioswop.net“ ins Leben, auf der Künstler ihre Lebensläufe wechseln können.

Text, Bild, Raum, Sound

Welche Art von Kunst macht Haghighian? Happelmanns Arbeit artikuliere sich in Text, Bild, Raum und Sound, umschrieb es Franciska Zólyom, Kuratorin des deutschen Pavillons und Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, während eines gemeinsamen Auftritts.

Im deutschen Pavillon: Besucher betrachten den Beitrag von Natascha Süder Happelmann.
Im deutschen Pavillon: Besucher betrachten den Beitrag von Natascha Süder Happelmann. | Bild: Felix Hörhager / dpa

Die Künstlerin bringe das poetische, imaginäre und kritische Potenzial von Kunst in unterschiedlichen Kontexten zur Entfaltung. Die Werke sind oft politisch und gesellschaftskritisch.

Ein Beispiel ihrer Arbeit

Ein Beispiel ist „Pssst Leopard 2A7+“. Die Arbeit ist in der Grundfläche so groß wie der gleichnamige Kampfpanzer. Auf drei Lagen Euro-Paletten sind Lego-Basisplatten in Grau, Blau und Grün ähnlich einem Tarnmuster ausgelegt.

Auf der begehbaren Arbeit findet sich ein Oval aus Kopfhöreranschlüssen. Dort sind unterschiedliche Töne und Klangsituationen aus und um den Panzer zu hören. Auf einem Kanal wird aus dem Rüstungsexportbericht der Bundesregierung zitiert.

Da staunt auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD, rechts) – hier im Gespräch mit Natascha Süder Happelmann (links) und ihrer Sprecherin Helene Duldung.
Da staunt auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD, rechts) – hier im Gespräch mit Natascha Süder Happelmann (links) und ihrer Sprecherin Helene Duldung. | Bild: Felix Hörhager / dpa

Während der documenta 13 in Kassel leitete Haghighian Besucher 2012 über einen Trampelpfad statt der benachbarten Treppe eines Kriegerdenkmals – begleitet von imitierten Tierlauten.

Mit dem Kollektiv „The Society Of Friends Of Halit“ zeichnete sie fünf Jahre später zur documenta 14 auf beklemmende Weise einen der Morde des rechtsterroristischen NSU und dessen mögliche Verbindungen zum Verfassungsschutz nach. In Venedig arbeitet Haghighian mit der Berliner Kooperative für Darstellungspolitik zusammen.

Nicht ohne ihre Kopfskulptur

Auf der Seite des deutschen Pavillons in Venedig sind bereits Videos zu sehen. Es sind „Aufnahmen aus Natascha Süder Happelmann Arbeitsprozess“ für die Biennale, wie sie ihre Sprecherin sagen ließ. Sie sei „damit beschäftigt, sich von verschiedenen Orten, an denen sich ruinöse Konzepte manifestieren, ein genaues Bild zu machen“.

Zu sehen sind Aufnahmen mit der Künstlerin unter ihrer Kopfskulptur vor abgesperrten Bereichen, Kasernen, Gerichten, in Wohnvierteln, auf Landstraßen.