Venedig ist zu allen Jahreszeiten eine Reise wert. Umso mehr allerdings, wenn alle zwei Jahre die ehemalige Waffenschmiede Arsenale und die Giardini ihre Pforten für die Weltkunst öffnen. Die Biennale von Venedig gilt als die Mutter aller Biennalen.

Sie wurde im Jahr 1895 gegründet, um Touristen anzulocken. Jetzt ächzt die Lagunenstadt unter jährlich 30 Millionen Besuchern. Auf die, die jetzt die 58. Biennale besuchen werden, kommt es also gar nicht mehr an…

Interessante Zeiten

Der amerikanische Kurator der Hauptausstellung, Ralph Rugoff, im Brotberuf Direktor der Londoner Hayward Gallery, stellt seine Schau unter das Motto „May You Live In Interesting Times“. Der 62-Jährige greift auf ein chinesisches Sprichwort zurück, das auch von Politikern gerne verwendet wird.

Ralph Rugoff ist der Kurator der Biennale 2019.
Ralph Rugoff ist der Kurator der Biennale 2019. | Bild: Paul Zinken / dpa

Dass Rugoff damit Italien, Gastland der Biennale, im Blick haben könnte, ist nicht auszuschließen. Die internationale Ausstellung steht für Vielfalt und Toleranz und findet in einem Land statt, das von diesen Werten immer weniger wissen will – das gilt zumindest für die Sympathisanten der populistischen Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega Nord.

Kunst nährt sich von Neugier

Aber eine explizit politische Biennale hat Rugoff nicht im Sinn. Kunst sollte sich davor hüten, meint er, Phänomene wie Neoliberalismus, Rasissmus oder andere Probleme aus einer vereinfachenden, oppositionellen Position des Aktivismus heraus anzugehen. Kunst sei der Ort der Komplexität. Politische Korrektheit aber führe nicht zwangsläufig zu guter Kunst. Diese nähre sich von Neugier und Fragen.

Mit dieser Haltung unterscheidet sich Rugoff sehr angenehm von der kuratorischen Rhetorik einiger seiner Vorgänger, die mit ihren Ausstellungen die Welt ändern wollten. Damit entlastet er aber auch die Künstler, Kunst zeigen zu müssen, die etwas zu bedeuten hat. Oder wie es Ian Cheng, einer der Biennale-Künstler sagte: „Vielleicht besteht der wahre Zweck der Kunst darin, mit Sinn und mit Sinnlosigkeit zu ringen.“

Die Malerei ist zurück

Rugoff hat 79 Künstler und Künstlergruppen eingeladen, die weiblichen Künstler sind leicht in der Mehrheit. Es sind ausschließlich lebende Künstler, denn nur sie können die Entwicklung ihrer Zeit reflektieren. Auch damit grenzt sich Rugoff von seinen Vorgängern ab, die zunehmend historische Positionen nach Venedig holten. Und er verzichtet bewusst auf Prominenz.

Auch das ist die Biennale: Die Künstlerin Olga Kosheleva trägt ein Kunstwerk aus Sonnenbrillen.
Auch das ist die Biennale: Die Künstlerin Olga Kosheleva trägt ein Kunstwerk aus Sonnenbrillen. | Bild: Felix Hörhager / dpa

Und noch eines macht Rugoff anders: Er zeigt die Werke seiner Künstler sowohl in den Arsenale als auch in den Giardini und gibt damit dem Besucher eine zweite Chance, über das Werk eines Künstlers nachzudenken.

Biennalen in Venedig gaben sich oft malereifeindlich. Malerei gilt vielen Kuratoren als konservativ. Damit ist jetzt Schluss. Auffallend viel Malerei ist zu sehen, abstrakte und geometrische Positionen (Julie Mehretu, Äthiopien, und Ulrike Müller, Österreich) ebenso ein flächiger und farbintensiver, bisweilen sozialkritischer Realismus (Michael Armitage, Kenia, und Henry Taylor, USA).

Das fällt auf: „The New Life“ (Das neue Leben) der britischen Künstlerin Anthea Hamilton.
Das fällt auf: „The New Life“ (Das neue Leben) der britischen Künstlerin Anthea Hamilton. | Bild: Tiziana Fabi / AFP

Auch Fotografie gewinnt in Rugoffs Biennale an Präsenz. Beeindruckend hier die Selbstporträts der südafrikanischen Künstlerin Zanele Muholi und vor allem die der Japanerin Mari Katayama, die sie mit sorgsam angefertigten Kostümen einfängt.

Katayama kam mit nicht ganz entwickelten Gliedmaßen zur Welt. Die Amputation ihrer Unterschenkel machte das Tragen von Prothesen nötig, eine Hand besteht aus zwei Daumen. Die Künstlerin entwickelt einen eigenen Schönheitsbegriff, den der Zuschauer jenseits des Voyeurismus teilen kann.

Steine für den deutschen Pavillon

Gut dabei sind die Plastiker und Bildhauer unter den Künstlern. Die Bandbreite der Werke und Konzepte ist groß. Carol Bove aus der Schweiz und die deutsche Künstlerin Alexandra Bircken betonen mit ihren Installationen eher die traditionelle Auffassung von plastischer Arbeit.

Ein Hingucker: „Discordo Ergo Sum“ der österreichischen Künstlerin Renate Bertlmann.
Ein Hingucker: „Discordo Ergo Sum“ der österreichischen Künstlerin Renate Bertlmann. | Bild: Tiziana Fabi / AFP

Dagegen bringt das chinesische Künstlerpaar Sun Yuan und Peng Yu einen Roboter der Marke Kuku dazu, literweise rote Farbe vom Boden aufzuwischen. Ein Beispiel für schlichte Künstliche Intelligenz – es zeigt aber den Weg auf, den die Zukunftsgesellschaft wohl nehmen wird.

„Can‘t Help Myself“ heißt die Arbeit der chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu.
„Can‘t Help Myself“ heißt die Arbeit der chinesischen Künstler Sun Yuan und Peng Yu. | Bild: Felix Hörhager / dpa

Keine Biennale ohne die nationalen Pavillons. 90 Länder haben inzwischen Vertretungen in Venedig. Den deutschen Pavillon bespielt Natascha Süder Happelmann, eigentlich Natascha Sadr Haghighian, Professorin aus Bremen.

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Sie hat eine Art Staumauer in den Pavillon errichten lassen, die bis zur Decke reicht, dazu einige Objekte aufgestellt. Der Künstlerin geht es um die Möglichkeit von Solidarität und Gemeinschaft angesichts eines Europas, das sich gegen Migranten abschottet.

Der Pavillon von Venezuela ist verschlossen. Davor protestiert Clemencia Labin gegen das Maduro-Regime. An der Ziegelwand hängt ein Zettel mit dem guten Wort „Democracy“. Ganz ohne Politik geht auch diese Biennale nicht.