Koulmann, Dieter Koulmann, klar doch. Am 27. Mai 1972 habe ich dem Mann ein Bein gestellt. 12 000 Fußballfans wollen im Hohentwielstadion den FC Singen 04 siegen sehen gegen den SV Waldhof Mannheim in der Aufstiegsrunde zur Regionalliga Süd. Fußball, Singen, 12 000 Zuschauer, heute völlig undenkbar, aber die Regionalliga war damals ja auch die zweithöchste Spielklasse.

Und dann dieser Koulmann – wieso kickt der überhaupt in der südbadischen Provinz, wo er doch nur fünf Jahre zuvor mit dem FC Bayern München den Europacup der Pokalsieger gewonnen hatte? Jetzt hetzt er dem Ball nach, der über die Seitenlinie rollt, wo viele Fans sitzen, weil auf der Tribüne und auf den Stehplätzen nicht genügend Platz ist. Einen raschen Einwurf machen will Koulmann – und stolpert über meine Füße!

Dieter Koulmann (FC Bayern München) am Ball.
Dieter Koulmann (FC Bayern München) am Ball. | Bild: imago sportfotodienst

Dieter Koulmann stammt aus Blumberg. Am 26. Juli 1979 wird er tot aufgefunden im Speicher des Elternhauses. Gestorben an Herzversagen, wie die Familie sagt? Oder an den Folgen exzessiven Alkoholkonsums, wie enge Wegbegleiter glauben? Gewiss ist nur eins, im Alter von nicht mal 40 Jahren ist Koulmanns Leben zu Ende. Der FC Bayern schickt einen Kranz, das war‘s.

Zahner von Emotionalität gepackt

Gerhard Zahner ist Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Straf- und Familienrecht und als solcher vielbeschäftigt – das ist sein Beruf. Und Zahner ist Autor und auch als solcher vielbeschäftigt, weil er nicht anders kann – das ist seine Leidenschaft. Der Singener widmet sich vor allem Themen, die die Heimat bietet. Es geht um historische Ereignisse, um Geschichte und ihre Folgen, um persönliche Schicksale – wie eben jenes von Dieter Koulmann, der als junger Mann die große Chance bekommt, sich selbst im Wege steht und geradezu tragisch einem viel zu frühen Lebensende entgegentaumelt. „Ich bearbeitete Stoffe aus meiner direkten Umgebung“, sagt Zahner, „Themen, die auch eine generelle Bedeutung besitzen.“ Der junge Zahner hat Koulmann kicken sehen, „die enorme Emotionalität, die in diesem Thema steckt“, hat ihn gepackt. Ein nicht mal 40-jähriges Leben, das viele Botschaften vermitteln kann, wie Zahner glaubt: „Botschaften für alle, auch für die, die gar nicht wissen, wer Koulmann überhaupt war.“

Dieter Koulmann mit Gerd Müller (links) bei dessen Auszeichnung als Torschützenkönig der Saison 1966/1967.
Dieter Koulmann mit Gerd Müller (links) bei dessen Auszeichnung als Torschützenkönig der Saison 1966/1967. | Bild: imago sportfotodienst

Der Fußballer Dieter Koulmann also. Das begnadete Talent landet über TuS Blumberg und SC Schwenningen 1963 beim FC Bayern, weil Trainerlegende Zlatko „Tschik“ Cajkovski in ihm die perfekte Nummer 10 sieht. Die 10, das ist der Spielmacher, der Chef auf dem Platz, der die anderen führt. Inbegriff der 10 ist der große Pelé, der Beste. „Ist Koulmann gut, ist Bayern gut“, sagt Tschik. Doch der „Kuli“ hat einen mächtigen Gegner: Alkohol! Auf dem Rasen kann ihm nur Franz Beckenbauer das Wasser reichen, am Tresen keiner. „Der Alkohol ist ein Teufel“, sagt Autor Zahner, „Koulmann wirft alles weg, sein Talent, seine Chancen, sein Leben.“ Eine Frage des Charakters oder einfach nur Schicksal? „Der Charakter des Menschen ist sein Schicksal“, formulierte einst der griechische Philosoph Heraklit. Frage an Zahner: Hätte wirklich niemand Koulmann helfen können? Antwort: „Nein, das muss aus dir selbst heraus kommen.“ Er selbst trinke seit 27 Jahren keinen Tropfen Alkohol, erklärt der Schriftsteller – man darf annehmen, er weiß, warum. Ein Wunsch von ihm: „Dass nach Jugendsiegen kein Stiefel mehr kreist im Vereinsheim!“

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Was genau sich am 26. Juli 1979 im Speichergeschoss eines Blumberger Wohnhauses ereignet hat, ist und bleibt unklar. Zahners Stück ist eine Mischung aus Recherche und Fiktion – mit klarer Absicht: Reflexion! Nachdenken über das, was ist, was sein soll, was sein muss. Nachdenken über gut und schlecht, über notwendige Veränderungen.

Zahners Koulmann akzeptiert sein Scheitern nicht, kann nicht vergessen, wie erfolgreich er mal war, er kann kein einfaches Leben als Hilfsarbeiter führen, macht sich stattdessen noch ein letztes Mal groß und größer – und gibt auf. Zu reflektieren, bereit zu sein, neue Wege zu gehen statt blindlings in eine Sackgasse zu geraten – das ist ein Thema, das weit über Koulmann hinausgeht.

Der Klimawandel etwa. „Um etwas zu verändern, müssen wir vergessen, wie wir bisher gehandelt haben“, sagt Zahner. Und korrigieren, uns neu aufstellen, agieren. Wir, die Alten, nicht die Jungen. Bevor uns der Speicher holt.

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„Es geht in dieser Theateraufführung auch um Stressresistenz und den Umgang mit Einsamkeit und Frustration“, sagt Dramaturgin Elisa Elwert. An jenem 27. Mai 1972 in Singen erzielt Dieter Koulmann das Tor zum 1:0-Sieg gegen den SV Waldhof. Zum Aufstieg reicht es aber nicht, denn ein späteres Entscheidungsspiel gegen Mannheim geht 0:1 verloren. Irgendwie passend.

„10 Plus. Kette und Schuss“ von Gerhard Zahner wird am Mittwoch, 19. Juni, um 20 Uhr im Vereinsheim Radsporthalle Konstanz (Salesianerweg 7) uraufgeführt. Weitere Informationen: www.theaterkonstanz.de