Eishockey: Das letztes Profispiel liegt bereits 17 Monate zurück. Nun hat Dennis Seidenberg, der aus Villingen-Schwenningen stammt und in den Neunziger-Jahren beim Nachwuchs des Schwenninger ERC spielte, seine glanzvolle Eishockey-Karriere offiziell beendet. Der Stanley-Cup-Sieger von 2011 und Bruder des Olympia-Silbergewinners Yannic Seidenberg wird wohl in New York bleiben.

Große Emotionen sind nicht das Ding von Dennis Seidenberg. Möglicherweise liegt es daran, dass einer der besten und erfolgreichsten deutschen Eishockey-Profis in der Heimat außerhalb seiner Sportart kaum bekannt geworden ist. Bruder Yannic schrieb als Olympia-Silbermedaillengewinner von Pyeongchang 2018 Geschichte. Sein Bild als jubelnder Derwisch nach dem „Jahrhundertspiel“ im Halbfinale gegen Kanada (4:3) ist eines der bekanntesten Sportfotos der vergangenen Jahre. Dennis Seidenberg hingegen feierte seine Erfolge stiller. „Wer mich kennt, weiß, dass ich nie zu viel Emotionen zeige“, sagte der 38 Jahre alte Schwarzwälder in einem Interview und verkündete offiziell das Ende seiner Karriere, das seit längerem im Raum gestanden hatte. „Körperlich geht es nicht mehr. Meine Schulter und meine Handgelenke sind nach 15 Jahren in der NHL ziemlich fertig. Es ist die Zeit gekommen, ans nächste Kapitel zu denken und das Leben zu genießen.“

Dennis Seidenberg war einer der besten Verteidiger, die Deutschland je hatte. 2011 war er nach Uwe Krupp der zweite deutsche Profi, der den Stanley Cup gewann. Im entscheidenden Finale mit den Boston Bruins gegen die Vancouver Canucks gab Seidenberg zwei Torvorlagen und avancierte zu einem der wichtigsten Spieler dieser Serie, die über sieben Spiele ging.

Stolzer Nachwuchsspieler: Dennis Seidenberg als 12-Jähriger im Trikot des SERC. Bild: privat
Stolzer Nachwuchsspieler: Dennis Seidenberg als 12-Jähriger im Trikot des SERC. Bild: privat | Bild: privat

Die großartige Karriere von Dennis Seidenberg begann in Villingen-Schwenningen. In seiner Jugend war er fest in den Nachwuchsteams des Schwenninger ERC und als Tennisspieler des TC Blau Weiß Villingen in seiner Heimatstadt verwurzelt. Als 18-Jähriger wechselte das Talent ins Eishockey-Internat nach Mannheim und wurde 2001 mit den Kurpfälzern Deutscher Meister. Anschließend suchte und fand der Eishockey-Profi sein Glück in Übersee. In der nordamerikanischen Profiliga NHL kam Dennis Seidenberg in seinen 928 Partien für Philadelphia, Arizona, Carolina, Florida, Boston und die New York Islanders auf 19.542 Einsatzminuten. Mehr schaffte bislang kein Deutscher, auch wenn Marco Sturm mit 1006 Spielen Deutschlands NHL-Rekordspieler ist. „Es hat mir bei allen Klubs Spaß gemacht“, sagte Seidenberg rückblickend.

Das letzte große Highlight seiner Karriere feierte Dennis Seidenberg 2017 bei der Heim-WM, als er gemeinsam mit seinem Bruder Yannic auf dem Eis stand und zum besten Verteidiger des Turniers gewählt wurde. Sein letztes NHL-Spiel im April 2018 hatte er da bereits hinter sich, ohne es zu wissen. Lange vertragslos, konnte er sich, familiär bedingt, danach nicht dazu durchringen, nach Deutschland zu kommen und zusammen mit seinem Bruder beim EHC Red Bull München zu spielen.

Seidenberg ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet. Die Familie mit den drei Kindern Breaker Curtis, Story und Noah fühlt sich in New York wohl. Dort blieb er also, bis die Islanders ihm im vergangenen Winter noch einmal einen Standby-Vertrag gaben. Zum Einsatz kam er aber nicht mehr. Sein letztes Profispiel datiert vom 15. Mai 2018 bei der WM in Dänemark gegen Kanada (0:3). Das schleichende und stille Karriereende passt perfekt zum Eishockey-Profi ohne große Emotionen.

Auch ein Tennis-Talent

Dennis Seidenberg war nicht nur ein Crack auf dem Eis. Auch auf dem Tennisplatz gehörte er in den Neunziger-Jahren beim TC Blau Weiß Villingen zu den talentiertesten Spielern und stand im Jahr seines Stanley-Cup-Gewinns sogar noch auf der offiziellen Mannschaftsliste des TC Blau Weiß. Jürgen Müller war einst Tennistrainer von Dennis Seidenberg und erinnert sich: „Dennis war Mitglied unserer Oberliga-Mannschaft. Er hat etliche Jahre Eishockey und Tennis parallel gespielt. Das war ein unheimlicher Aufwand. Dennis hat sich teilweise bei den Fahrten von Villingen nach Schwenningen im Auto der Mama die Eishockey-Ausrüstung angezogen, weil die Zeit zwischen den Trainings so knapp war. Dass er sich mit 17 Jahren entschied, ganz auf Eishockey zu setzen, war richtig. Dennis war damals schon ein cleverer Typ. Er hatte genug im Kopf, um seinen Werdegang richtig zu planen. Während sich andere damals auf Partys herumtrieben, hat er hart trainiert und gearbeitet. Das hat sich ausgezahlt.“