Bülent Polat glaubte, sich verhört zu haben: „Es war vor vier, fünf Jahren. Da rief tatsächlich einer ,Was will denn der Opa hier?‘ über den Platz“, erinnert sich der Bad Säckinger Fußballer: „Ich habe den Jungen erst einmal richtig nass gemacht – dann war Ruhe.“ Seither hat keiner mehr Opa zu Bülent Polat gesagt: „Das darf nämlich nur Atakan.“ Sein Enkel, zweieinhalbjähriger Sprössling seines ältesten Sohnes Tolga, freut sich über dieses Privileg und – ganz ehrlich – so richtig platziert scheint dieses Wort auf dem Fußballplatz für Bülent Polat ohnehin nicht zu sein.

Video: Scheibengruber, Matthias

Gut, in seinem Pass steht, dass er angeblich 62 Jahre alt sei: „Das kann ich selbst nicht glauben“, schmunzelt der Spieler, Manager und Organisator des DTFV Bad Säckingen: „Wenn ich auf den Fußballplatz laufe, fühle ich mich wie 25.“ Wie zum Beweis schnappt er sich den Ball, jongliert das runde Leder nicht nur ein oder zwei Mal. Er hält es richtig lang lässig in der Luft.

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Bülent Polat ist eine echte Attraktion, vermutlich der älteste Aktivspieler im Bezirk Hochrhein: „Ich spiele nicht mehr regelmäßig. Als zu Saisonbeginn einige Spieler im Urlaub waren, war ich natürlich dabei“, lacht er verschmitzt: „Ich will den Jungs ja ein Vorbild sein.“

Das schafft der dreifache Familienvater natürlich als Kicker vor allem mit seiner großen Erfahrung: „Ich bin mit 15 nach Deutschland gekommen, habe aber erst als Aktiver beim FC 08 Bad Säckingen mit Vereinsfußball begonnen.“ In Istanbul, seiner Heimatstadt, ist er als Kind nahezu jeden Nachmittag mit dem Ball am Fuß unterwegs gewesen: „Wir haben als Buben immer auf der Straße gekickt – stundenlang.“

Elegant im Alter: Bülent Polat macht mit seinen 62 Jahren am Ball noch eine gute Figur. Als Stürmer, Manager, Organisator, Trainer und „Lokomotive“ ist er der zentrale Lenker beim Kreisligisten DTFV Bad Säckingen, den er mit einigen Mitstreitern im Jahr 1983 gegründet hat.
Elegant im Alter: Bülent Polat macht mit seinen 62 Jahren am Ball noch eine gute Figur. Als Stürmer, Manager, Organisator, Trainer und „Lokomotive“ ist er der zentrale Lenker beim Kreisligisten DTFV Bad Säckingen, den er mit einigen Mitstreitern im Jahr 1983 gegründet hat. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Die Leidenschaft fürs runde Leder ließ ihn auch in seiner neuen Heimat nicht los, Fußball bestimmte sein Leben. Regionale Stationen waren nach den Rot-Schwarzen unter anderem der Nachbar im Osten der Stadt: „Ja, beim SV Obersäckingen war ich auch, zuvor aber, nach einem Umzug, einige Jahre beim SV Weil. Später spielte ich in Binzgen und Niederhof. Danach noch beim FC Wallbach. Bei GG Steinen habe ich als Spielertrainer sogar den Sprung in die Kreisliga A geschafft, ehe ich dann wieder nach Bad Säckingen zurück gekommen bin.“ Alles Vereine, bei denen er gute und wichtige Kontakte knüpfte, aus denen vielfach Freundschaften wurden, die bis heute halten: „Das ist das Schöne am Fußball, er bringt die Menschen zusammen.“

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Diese Eigenschaft lebt Bülent Polat seit nunmehr 37 Jahren beim DTFV Bad Säckingen, dem ältesten türkischen Sportverein in der Region: „Unser Name ist nach wie vor Programm: Deutsch-Türkischer Freundschaftsverein“, betont Polat, dass er sich immer dagegen gewehrt hat, der Fußballmannschaft einen türkischen Namen zu geben: „Wir wollen für alle Menschen offen sein.“

Fußball hatten die Initiatoren um den späteren Landtagsabgeordneten Hidir Gürakar (SPD) nicht in erster Linie im Sinn, als sie 1983 den Club gegründet haben: „Über viele Jahre haben wir das kulturelle Leben in der Stadt mitgeprägt“, erinnert sich Bülent Polat an tolle Feste, die Türken und Deutsche gemeinsam feierten: „Auch am Brückenfest waren wir oft dabei. Leider hat das Interesse unserer Mitglieder an diesen Veranstaltungen sehr nachgelassen.“

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Der Fußball aber rollt seit 1984 – und immer auf dem Sportgelände in Wallbach: „Die guten Verbindungen zum FC Wallbach haben uns damals geholfen und sind bis heute Basis der guten Zusammenarbeit“, betont Bülent Polat: „Auf dem Kunstrasen haben wir hervorragende Möglichkeiten für Spiel und Training.“ Aber, und das betont er bei aller Freude über das leuchtende Grün: „Es geht nichts über Naturrasen. Selbst den nach Regen morastigen, alten Wallbacher Platz vermisse ich manchmal. Hier haben wir tolle Spiele erlebt.“

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Überhaupt liebt der 62-Jährige die Natur: „Gerade jetzt in der Corona-Phase, wo das Training mal wieder nicht möglich ist, bin ich gern am Bergsee zum Joggen unterwegs, oder fahre mit dem Rad“, deutet er an, dass er eigentlich kaum still sitzen kann. Bülent Polat ist ein Bewegungs-Fanatiker, was ihm beim Kicken zu Gute kommt. So mancher junge Kicker, der ihm gegenüber steht, staunt Bauklötze, was der „alte Mann“ mit der nach wie vor sportlich-athletischen Figur noch so alles drauf hat. Heutzutage spielt er natürlich ökonomischer und profitiert von seinem großen Erfahrungsschatz – aber es drängt ihn noch immer in die Offensive: „Grundsätzlich sehe ich mich als Joker fürs Team, spiele dort, wo Not am Mann ist. Aber letztlich ist der Strafraum noch immer meine Heimat“, lacht er – Alter schützt vor Tordrang nicht!

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Dass sich Bülent Polat – seit eh und je mit der Rückennummer 14 („Johan Cruyff war immer mein Vorbild“) unterwegs – am liebsten selbst aufstellt, ist nur ein Gerücht: „Nein, nein – ich schaue immer, dass alle Spieler meiner Mannschaft zu ihren Einsätzen kommen. Aber es kommt durchaus vor, dass die Jungs an die Seitenlinie schauen und meinen Einsatz fordern – da wir in der Kreisliga fliegend wechseln, geht das natürlich auch.“ Die letzte Verantwortung über die Aufstellung teilt sich der Fußball-Veteran mittlerweile mit Eren Halis übergeben: „Er ist eigentlich unser Trainer. Ich stärke ihm den Rücken, wir arbeiten Seite an Seite.“ Getreu dem Motto: „Spaß und Menschlichkeit vor dem Ergebnis.“ Schon deshalb zieht er es auch immer wieder mal durch, dass ein Guter draußen bleiben muss, damit ein weniger Talentierter auch mal zum Zug kommt: „Das ist für die Jungs manchmal schwer verständlich – ist aber meine Philosophie vom Fußball.“

Bülent Polat (62) vom DTFV Bad Säckingen hat in jungen Jahren auch schon beim FC 08 Bad Säckingen, beim SV Weil, in Wallbach und Obersäckingen sowie beim FC Binzgen und SV Niederhof gespielt.
Bülent Polat (62) vom DTFV Bad Säckingen hat in jungen Jahren auch schon beim FC 08 Bad Säckingen, beim SV Weil, in Wallbach und Obersäckingen sowie beim FC Binzgen und SV Niederhof gespielt. | Bild: Scheibengruber, Matthias

Natürlich wäre es auch für Bülent Polat eine Supersache, wenn sein DTFV Bad Säckingen irgendwann auch mal wieder an alte Stärken anknüpfen könnte. Nach dem Abstieg 2001 in die unterste Spielklasse marschierte das Team binnen zwei Jahren in die Kreisliga A, hielt sich dort allerdings nur bis 2004, dann fuhr der Fahrstuhl wieder nach unten. Die neuerliche Corona-Pause hat den Aufschwung der DTFV-Elf ausgebremst: „Zuletzt haben wir vier Mal in Serie gewonnen, stehen aktuell auf Platz vier in der Kreisliga C-4.“

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Im Erfolg wie heute in der untersten Spielklasse prägen nicht nur Türken und Deutsche die Mannschaft: „Unser Trikot wird seit eh und eh von viele Nationalitäten getragen“, zählt Bülent Polat auch Italiener, Schweizer, Kosovaren und mehrere Afrikaner, die in der Region eine neue Heimat gefunden haben, zum Stamm der 24 Aktivspieler.

Die Maxime von Bülent Polat lautete immer Vielfalt: „Fußballer sind wie eine große Familie. Dieser Sport verbindet die Menschen, gibt ihnen Rückhalt, Freude, Selbstvertrauen.“ Das hat der 62-Jährige oft schon am eigenen Leib erfahren: „In Phasen, in denen es mir nicht so gut ging, konnte ich beim Fußball abschalten, auf andere Gedanken kommen, neue Energie tanken. Manchmal war der Fußballplatz mein Fluchtpunkt. Ein Leben ohne Fußball wäre für mich wie ein Essen ohne Salz.“

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Ein Leben ohne Fußball kann sich Bülent Polat heute jedenfalls noch nicht vorstellen: „Ich spiele, so lange ich Spaß habe und fit bin.“ Gemeinsam mit Club-Präsident Attila Beydil, seinem langjährigen Freund und Mitstreiter, zieht er beim DTFV Bad Säckingen die Fäden: „Ich sehe mich im Verein ein bisschen wie eine Lokomotive. Ich ziehe vorn weg und sehe sofort, wenn es kritisch wird. Dann kann ich mit meiner Erfahrung schnell reagieren und den jungen Spielern helfen.“

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