Herr Wider, kann man heute noch sagen, wie die Fasnet entstanden ist?

Matthias Wider: Es gibt verschiedene Ansätze die Fasnacht historisch zu erklären. Der wahrscheinlichste ist, dass sie im Mittelalter entstanden ist, im Zuge der Christianisierung. Das Christentum brachte viele neue Dinge mit sich, unter anderem die Fastenzeit vor Ostern. Wenn man von Ostern aus 40 Tage zurückrechnet und die Sonntage ausnimmt, die eine kleine Auszeit bildeten, kommt man auf den Aschermittwoch, als den ersten der 40 Fastentage. Der Tag zuvor ist der letzte Tag, bevor es in die Abstinenzzeit geht. An dem Tag haben die Menschen ursprünglich dann das gemacht, was man 40 Tage lang nicht mehr durfte: überschwänglich gegessen und getrunken, getanzt. Aus diesem Kern entwickelte sich dann der eine oder andere Brauch und wurde das Fest, das wir heute kennen. Deswegen heißt es auch Fastnacht: Die Nacht vor der Fastenzeit.

Also hat die Fasnet eine religiöse Dimension.

Wider: Absolut, zumindest vom Ursprung her. Der Beweis ist der Termin. Der liegt immer 40 Tage vor Ostersonntag.

Fasnet ist aber auch immer die Zeit, in der das Volk politisch und gesellschaftlich so richtig austeilt.

Wider: Ja, es gibt eine sozialkritische Komponente, die sich im Laufe der Zeit dazu gemischt hat, vielleicht auch von Anfang an da war, das kann man nicht genau sagen. Der Narr war eine Figur, die Spaß gemacht hat, den hohen Herren immer aber auch mal ins Gewissen reden durfte. Dem hat man seine Kritik nicht übel genommen. Im späten Mittelalter war es dann den Menschen einfach ein Bedürfnis, die bestehenden Zustände auf eine subtile Art zu kritisieren. Zum Beispiel haben die Narren Ritterspiele veranstaltet, um das Turnierzeremoniell nachzuahmen, lächerlich zu machen. Da wird die Ordnung umgedreht: Aus arm wird reich, aus schön wird hässlich, aus gescheit wird dumm. Eigentlich ein groß angelegtes Rollenspiel. Die Fasnacht und die Kritik an der Obrigkeit, das „So-als-Ob-Denken“ ist aber systemstabilisierend. Sie wird zwar als interessant, die eigentliche Ordnung aber doch als besser wahrgenommen.

Bei uns gibt es aber heute freie Medien, freie Meinungsäußerung. Brauchen wir dann die Fasnet noch? Oder erhalten wir durch das Feiern nur noch einen alten Brauch?

Wider: Vieles was die Fasnacht ursprünglich für sich beanspruchen durfte, wie Kritik an der Obrigkeit, zeitweise Umkehrung der Zustände, ist heute das ganze Jahr möglich, wenn man will. Das gräbt der Fasnet das Alleinstellunsgmerkmal schon ein bisschen ab. Betrachtet man das aber kulturwissenschaftlich, ist die Fasnacht immer ein Spiegel der Gesellschaft und kehrt die Ordnung immer um. In den vergangenen 1200 Jahren hat die Fasnacht sich also dauernd zu den bestehenden Verhältnissen in Opposition gebracht.

Am Anfang war es die Kirche, dann der Adel, im 19. Jahrhundert der Obrigkeitsstaat. Wir leben heute in einer Zeit, die individualistisch ist. Die Fasnet kann heute auch dazu ein Gegenentwurf sein, wenn man sich in eine Gruppe hineinbegibt, in der alle gleich aussehen. Die Fasnacht hat sich stets gewandelt. Ich bin optimistisch, dass dieses Fest weitergehen kann.

Also läuft bei der Fasnet immer auch der Zeitgeist mit?

Wider: Ja. Fasnacht lebt immer als Spiegelung des Alltags. Solang es einen Alltag gibt, gibt es Fasnacht.

Das klingt aber auch nach einer Zeit der Selbsterkenntnis, der Reflexion über das eigene Leben.

Wider: Die gespiegelten Zustände sind eine temporäre Welt. Indem alle, die daran beteiligt sind, dies anerkennen, kann das auch funktionieren. Die Fasnet hat immer auch einen revolutionären Charakter gehabt, weswegen man in der Neuzeit und auch später die Fasnacht immer wieder verboten hat, weil die Angst bestand, dass die bestehende Ordnung in Gefahr gerät. Heute tut es den Menschen vielleicht ganz gut, sie wollen es vielleicht auch, eine Zeit lang einfach mal alles anders zu machen. Das hat etwas sinnliches, hat etwas mit dem Überschreiten von Konventionen, aber auch mit Selbsterfahrung zu tun. Das ist eine Art der Selbsterkenntnis, die man unter dem Jahr nicht leben will, nicht leben kann.

Und was, wenn man auf den Geschmack kommt, ein ausschweifendes Leben dauerhaft gut findet und sich den Rest des Jahres wie ein Narr aufführt?

Wider: Sozial konform zu leben ist aufwändig. Gottgefällig zu leben, um an den Ursprung der Fasnet zu kommen, ist es auch. Die Sünde ist nach theologischer Lehrmeinung im Menschen angelegt. Seine Aufgabe ist es, das zu überwinden und sich aktiv zu einem besseren Menschen zu machen. Natürlich könnte man auf den Geschmack kommen. Aber die Menschen wissen, dass sie sündig sind. Ähnlich haben wir heute soziale Konventionen, die uns ein verträgliches Leben ermöglichen. Wenn ich mich in einem sozialen Umfeld bewege, muss ich schauen, welche Normen, welche Konventionen gelten, auch in unserer zunehmend pluralistischen Welt. Dass ein Aufwand damit verbunden ist, sozialverträglich zu leben, ist bis heute so.

Fragen: Birgit Müller

Vortrag im Narrenschopf

Matthias Wider hält heute, Samstag, 4. Februar, um 19 Uhr einen Bildervortrag im Narrenschopf, Luisenstraße 41, über die kulturgeschichtliche Bedeutung der Fastnacht am Beispiel Löffingen. Dazu stellt er ausgewählte Elemente des dortigen Brauchtums vor. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Wider ist Fachleiter am Seminar für Didaktik und Lehrerfortbildung in Freiburg und bildet dort Realschullehrer aus. Zudem ist er Geschichtslehrer an der Realschule in Bonndorf. Seit 1999 ist er Mitglied bei den Laternenbrüder Löffingen und Kulturbeauftragter des Vereins. Der 48-Jährige wurde in Löffingen geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder.